rein theoretisch ist alles gut

no regrets

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreibe. Er wird sehr persönlich. Er geht ans Eingemachte. Er wird vielleicht diskutiert werden und geteilt? Menschen werden sich auf meine kleine feine Nische im World Wide Web verirren und mich trollen? Egal: Ich mach es trotzdem, weil ich etwas zu sagen habe. Und das was ich zu sagen habe muss raus, sonst platze ich, und dafür habe ich keine Zeit und keine Kapizitäten, weil ich meine Energie für andere Sachen brauche.

Der Hashtag und ich:

Seit einiger Zeit wabert ein Hashtag durch die Sozialen Medien. Er heißt #regrettingmotherhood. Er ist ganz schön hartnäckig, weit herumgekommen und weil Mann und Frau grundsätzlich gleich sind – heißt er jetzt #regrettingparenthood. Hurra. Das macht ihn nicht besser finde ich. Er geht mir auf den Keks dieser Hashtag. Vom ersten Moment an. Im Grunde genommen passt der auch nicht für mich. Erstens bereue ich meine Elternschaft nicht, und zweitens müsste ich, wenn überhaupt, unter dem Hashtag #regrettingsingleparenthood schreiben. Hat den eigentlich schon mal jemand ins Internet geworfen? Nein dachte ich mir. Das Thema interessiert ja auch nicht so. Egal. Zurück zum eigentlichen Grund meines Artikels:

Seit 8 Jahren bin ich Mutter und damit halbes Mitglied in der #parenthood. Ich kann nicht sagen, dass bei mir allet tutti ist, wie der Berliner so gern sagt, aber ich bereue nix. Und das obwohl ich kein besserer Mensch geworden bin seit mein Sohn da ist. Mein Leben hat auch nicht mehr Sinn bekommen.

Die Entscheidung ein Kind zu bekommen, treffen die meisten Frauen irgendwann in ihrem Leben. Das hat die Natur so vorgesehen. Ob geplant oder ungeplant. Ist ja auch nicht schlecht, weil die Hoffnung stirbt zuletzt: “Vernünftige Menschen sollten sich vermehren”, hat eine kluge Freundin von mir vor kurzem gesagt. Das lasse ich jetzt mal unkommentiert so stehen. Jede Frau, die schwanger ist oder es mal war, weiß, dass allein dieser Moment der Feststellung “Ich bin schwanger” wahnsinnig ist und macht: Er stellt alles auf den Kopf. Nichts ist wie vorher. Und egal warum es passiert ist und wie: Letztlich müssen wir Frauen uns entscheiden. Hat man sich dafür entschieden, geht es auch gleich richtig los.

40 Wochen Seligkeit

Jeden Tag passiert das Leben. Wenn wir Glück haben, blühen wir die nächsten 40 Wochen auf. Wir stopfen mit leuchtenden Augen Kuchen in uns rein, und nehmen – wenn überhaupt – nur am Busen und am Bauch zu, der von einem verständnisvollen Partner, der sich wie Bolle freut, liebevoll getätschelt wird. Soweit so rosig: Manche von uns kotzen mitten in der Tram in Plastiktüten, die sie ihrer entsetzten Freundin aus der Hand reißen. Sie nehmen satte 28 kg überall zu, obwohl sie keinen Kuchen mehr riechen können, geschweige denn essen – und der einzige der außer ihnen ihren Bauch tätschelt – ist der Ultraschallkopf bei ihrer Frauenärztin. Und sie sind trotzdem glücklich. All das ist möglich. Gott sei Dank.

Wer sich mit allzu festen Vorstellungen vom vollkommenen Glück in die Schwangerschaft und das Muttersein stürzt, kann sehr unsanft landen. Gelegenheit dazu gibt es genug: Im Kreißsaal, im Wochenbett, im Mutterschutz, in der Elternzeit, bei der KITA-Eingewöhnung, im Alltag als berufstätige Mutter, bei der Einschulung etc. etc etc.

Der ganz normale Wahnsinn halt

Ich habe einige Bruchlandungen hingelegt. Aber ich habe nicht einmal in den 8 Jahren gedacht: “Wäre ich doch nie Mutter geworden”. Im Ernst: Ich dachte eher solche Sachen wie:

“Wieso sagt einem niemand was und wie schrecklich der Milcheinschuss ist?”

“Ich kann doch nicht die einzige Mutter sein, die um 20 Uhr auf dem letzten Loch pfeift?”

“Warum muss ich mein Kind in der Hauptstadt der Kopflaus großziehen?”

“Wieso kann in Berlin ein Erzieher bis zu 5,9 Kinder unter 3 betreuen, die dann in der Regel bis zu 6 Stunden lang alle gleichzeitig brüllen?”

“Teilzeit heisst vollzeitnahe Beschäftigung bei halber Bezahlung – ach so?”

“Das ist doch alles irre!”

Ja das ist es: Ein schöner Wahnsinn – das Leben mit Kind. Ich schreibe mal in Kurzform meine persönlichen Highlights der letzten 9 Jahre:

Ich bin seit der 8. Schwangerschaftswoche alleinerziehend und zwar im eigentlichen Wortsinn. Ich war keine Mitte Zwanzigjährige mehr, als ich schwanger wurde. Ich war Mitte Ende 30, ich hatte einen Job, eine halbe Karriere und war viel rumgekommen in der Welt. Mich konnte eigentlich nix und niemand schocken. Außer vielleicht die Reaktion vom Kindsvater. Aber ok. Krisen bewältigte ich mit Tatkraft und Humor. Deswegen schreckte mich der Gedanke, alleine ein Kind zu bekommen, irgendwann nicht mehr. Ich entschied mich also aus vollem Herzen dafür – ich freute mich auf und über meinen Sohn – weil: Ich schaffe das schon. Ich schaffe alles. Immer. Bin ja ich und nicht irgendeine Hipster-Schnitte, die neues Leben in die Welt setzt.

Soweit so gut: Meine Mutterschaft habe ich betreut wie ein großes komplexes Projekt. Alles ist machbar, solange man einen Plan hat! Meine Schwangerschaft war, außer einiger kleiner Unpässlichkeiten in den ersten 3 Monaten (siehe Tram, Plastiktüte, Freundin) total easy, die werdende Mutter hatte alles im Griff – rein theoretisch hätte ich den Elterngeldantrag schon ich in der 37 Schwangerschaftswoche abgeben können.

Aber Moment da war ja noch was: Die Geburt. Das war das erste Mal, dass ich merkte dass es a) selbst für mich anstrengend werden kann und b) trotz aller Planung, anders kommt als Mutter denkt; und c) es allein nicht immer geht. Ging trotzdem – mit der Hilfe einer unerschrockenen Freundin, einer Super Hebamme und einer Spitzenoberärztin. Und dann war er endlich da. Mein Sohn. Unfassbar:

Das volle Paket

Egal wie zerschlagen du dich in diesem Augenblick fühlst: Das ist alles was zählt – jetzt und hier das Leben – wahrhaftig und nah. Du hast es geboren und denkst: Ein Wunder, Wahnsinn. Willkommen. Und dann hat es Hunger, hat gleichzeitig die Windel voll, spukt dich an, schreit ziemlich laut, muss geimpft werden oder nicht, hat Allergien, kommt ins Krankenhaus, wird wieder gesund, lacht dich an, sitzt auf einmal schon allein, verteilt pürierten Kürbis in der Küche, weil was anderes kann es nicht essen, gedeiht trotzdem, bleibt bald darauf in der Sitzbadewanne stecken, will grundsätzlich nur auf deinem Arm getragen werden, obwohl ganz schön schwer, aber sonst ist ja kein Arm da, haut dir ständig die Chanelbrille von der Nase, weil das ist lustig, schläft niemals länger als 3 Stunden, dabei hast du dir die richtigen Bücher besorgt, findet den teuren Kinderwagen doof, saugt dich aus – Milch technisch und auch sonst irgendwie und sagt mit neuneinhalb Monaten plötzlich und wie aus dem Nichts: “MAMA” und tätschelt dir die Nase, während Du heulst mitten in der unaufgeräumten Küche, weil Du nicht mehr kannst. So Allein.

Und da ist es wieder das große Gefühl und Glück. Das war auch die ganze Zeit da – nur halt in klein. Plötzlich ist alles gut und hat seinen Sinn, alles geht doch irgendwie und du erstmal in die Mutter-Kind-Kur. 4 Wochen später kommst du zurück in eine aufgeräumte Wohnung, weil deine Freunde dir eine Putzfrau geschenkt haben (die leider nur einmal kommt aber trotzdem Danke). So ist das. Anstrengung und Freude in einem. Als Eltern bekommt man das volle Paket. Apropos: Ich möchte an dieser Stelle alle werdenden Eltern warnen, die ernsthaft überlegen, ein Baby ohne Windel groß werden zu lassen. Ich sage nur Theorie und Praxis! Und wenn kinderlose Bekannte so etwas vorschlagen wäre ich doppelt vorsichtig! Doch genug klug geschissen zurück zum Wesentlichen:.

Im Hier und Jetzt

Als Mutter zu hadern à la hätte, hätte Fahrradkette bringt nichts. Als Vater zu hadern bringt wahrscheinlich auch nichts. Das Leben mit einem Kind ist für alle Aktiv-Beteiligten eine große Entscheidung und Herausforderung. Natürlich darf man sich streckenweise überfordert fühlen, niemand hat jemals eine Gebrauchsanweisung überreicht bekommen im Kreißsaal. Die geben dir selbst in der Havelhöhe nur das Kind mit und sagen: Auf Wiedersehen. Und das ziemlich schnell.

Das Kind wächst und mit ihm wächst man mit. Wenn man es zulässt, insofern revidiere ich meine Aussage vom Anfang: Kinder machen Dich doch zu einem besseren Menschen irgendwie. Jedenfalls konfrontieren sich dich mit den Seiten, die du nicht so gern von dir hast – und das meistens in dem Moment wo Du nicht mehr kannst. Hat die Natur clever eingerichtet: Wickeln und persönliches Wachstum sind möglich! Aber es schlaucht – vor allem wenn man zu wenig schläft. Nach einer Weile möchte man einfach nur brüllen – in etwa so wie ein Zweijähriger mitten in der Trotzphase. Und irgendwann tut man es dann EINFACH! Zum Beispiel an der Kasse wenn sich ein kinderloser Hipster vordrängelt und die Augen verdreht, weil du nicht schnell genug den Einkaufswagen ausräumst, weil du kurz davor bist aus den Latschen zu kippen. Du könntest milde lächeln und ihn seine Kaugummis zahlen lassen, stattdessen flippst du aus und zwar richtig.

Spätestens jetzt sollte man aktiv etwas dafür tun, dass man sich besser fühlt. Entlastung muss her! Natürlich ist das einfacher, wenn man zu zweit erzieht als allein. “Kannst Du bitte mal kurz” geht mir relativ selten über die Lippen im Alltag. Nein ich will jetzt nicht sagen “Alleinerziehende” haben es schwerer. Ich weiß, dass viele Mütter mit Partner genauso überlastet sind – ob sie arbeiten oder nicht. Ich höre ständig solche Sachen wie “Johannes arbeitet ja”, wenn sie wieder nicht zum Yoga gehen können, weil Johannes es wie so oft nicht rechtzeitig nach Hause schafft. Sie haben keine Erholungspause. Nein ich schimpfe auch jetzt nicht auf die Väter. Es gibt solche und solche. Und das es solche gibt liegt auch daran, dass wir das zu oft hinnehmen, oder wir in Sachen “Familienfreundliche Arbeitsstrukturen” nicht gerade vorne dabei sind in Europa oder sonst wo. Ein Mann, der mit einer Schwedin verheiratet ist und selbst als Chef seiner Berliner Firma anfangs kämpfen musste, sein Kind um 16 Uhr abzuholen, sagte mal zu mir:

“Wir haben eine andere Arbeitskultur hier leider. In Schweden bist du durch, wenn du es als Manager nicht schaffst, dein Kind von der Kita abzuholen. Da gibt es grundsätzlich keine Meetings nach 16 Uhr, wenn man kleine Kinder hat, da nimmt jeder Rücksicht drauf: Kunde, Mitarbeiter und Chef. Eine gewisse Zeit ist das halt so, wenn man Familie hat. Es geht nicht mehr alles, aber es geht beides, weil dort alle mitmachen”.

Ein gutes Beispiel. Miteinander statt gegeneinander. Vieles geht eben nicht mehr, wenn man ein Kind hat. Das ist so. Ein Kind aber dafür verantwortlich zu machen, dass bestimmte Freiheiten nicht mehr zur Verfügung stehen, die Kraftreserven nicht mehr reichen, oder man vom Staat, der Gesellschaft oder dem Arbeitgeber und Kollegen nicht besonders unterstützt wird, das ist nicht fair. All das kommt vor. Darauf kann man sich einstellen. Und ja unsere Mütter haben auch schon Kinder groß gezogen. Auf solche Sprüche kann man sich übrigens auch einstellen und freuen.

Warum setzen trotz alledem eigentlich vernünftige Menschen Kinder und Hashtags in die Welt? Geht das jetzt immer so weiter mit dem Kinder bekommen und bereuen? “Kinder dank Tinder” hab ich heute gelesen auf dem Titel einer Zeitschrift. Generation Wisch und Weg will jetzt auch. Oha!

Egal. Jetzt und hier wünsche ich mir Weltfrieden, Kinder für viele sofort und, dass Eltern den Mut haben und zugeben dürfen: Es ist ganz schön anstrengend, ja auch ALG 2 Bezieher oder Tinder-Parents. Vielleicht gibt’s dann weniger Hashtags, weil alle wissen: Elternzeit ist keine Mutter-Kind-Kur. Zu mir hat tatsächlich mal eine kinderlose Kollegin, die ich 3 Monate nach der Geburt meines Sohnes im Büro besucht habe, beim Abschied gesagt: “Erhol Dich weiter schön.” Wahrscheinlich hat sie es gar nicht böse gemeint, sie wusste es einfach nicht besser. Woher auch? Redet ja keiner drüber öffentlich.

Deswegen an dieser Stelle noch mal der Hinweis: In der Elternzeit kommt man öfter zu gar nichts mehr – noch nicht mal auf sein Tinder-Profil, um das zu löschen, aber man kann trotzdem was tun:

How to survive:

Sich mehr Grenzen setzen (oder lieben Kollegen), ehrlich sein und unrealistische Ansprüche aufgeben, statt langsam aber sicher die Freude an sich selbst und seinem Kind zu verlieren.

Für sich selbst sorgen ist immer gut – mit oder ohne Hilfe. Das geht. Darauf haben auch alle Eltern, die erschöpft sind, ein Recht – und ihre Kinder sowieso. Alleinerziehende sind übrigens in der Regel etwas früher an der Grenze (Hallo Frau Nahles, Frau Schwesig, Frau Merkel):

Ich war das auch. Aber ich habe mir geholfen. Allein und mit der Unterstützung anderer. Seitdem denke oder sage ich Sätze wie:

“Ich checke jetzt nicht meinen E-Mail Posteingang, auch wenn es piept, weil es ist nach 18 Uhr, bei euch piept es wohl”

“Ich muss nicht überall dabei sein”

“Ich mache jetzt für mich und auch ein bisschen für mein Kind erstmal Popcorn – und der Abwasch kann mich mal”

“Ich sage meinen Yogakurs nicht ab, ich frage meine Freundin, ob sie auf mein Kind aufpassen kann”

“Ich brauche eine Pause”

“Es ist keine Schwäche, um Hilfe zu bitten”

Läuft. Irgendwie. Besser = Merken & Machen.

Und hier noch ein paar tolle Menschen und Methoden, die helfen – Aufzählung in willkürlicher Reihenfolge:

  • Nina Püchel: Nina arbeitet mit der Grinberg Methode und ist ein toller Mensch. Weitere Infos hier und hier im Blog.
  • Alexandra Widmer: Alexandra ist alleinerziehend. Sie arbeitet als Autorin, Coach und Therapeutin. Ich empfehle Ihren Newsletter. Zu Ihrer Seite geht es hier
  • Madhavi Guemoes: Autorin, Yogini und Mutter. Schreibt einen Blog und ist auch im echten Leben knorke. Gibt manchmal auch Workshops. Alles weitere hier
  • Helen Meyer: Yogalehrerin und Mama. Helen hat ein sehr schönes Studio in Berlin Friedrichshain. Eine warmherzige, wunderbare Person. Siehe hier
  • Isabella Paulsen: Auch Yogalehrerin und zweifache Mutter. Kennt sich also aus. Und Ihr wisst was jetzt kommt: Großartig. Genau: Schreibt Artikel und unterrichtet. Mehr hier:

PS: Wenn ich sehe wie oft bei den Überlebenstipps Yoga vorkommt, fordere ich kostenfreies Yoga für alle Eltern jetzt, hier, sofort auf Lebenszeit!

PPS: Der Beitrag macht mit beim scoyo Eltern! Blog Award – Daumen drücken!!!

 

 

 

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