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rein theoretisch ist alles gut

Ein Wochenende in Worten:

Jeden Montag schaue ich staunend in diversen sozialen Netzwerken, was andere so alles hinbekommen übers Wochenende. Wie sie leben, was sie essen, was sie alles gekauft, gebastelt, gekocht – was geschenkt bekommen haben, wo sie waren, ob sie getanzt haben, gelacht oder wen sie kennen – immer noch oder ganz frisch. Natürlich sehe ich auch Bilder, sehr viele schöne Bilder, manchmal sieht man auch Kinder von vorne, manchmal nur von hinten, manchmal kleben Herzen mitten auf den Gesichtern oder sie sind verpixelt.

Mich stresst das ja alles ein bisschen. Ich denke dann immer: “Oh Gott bei mir ist nix los, ich bekomme nix auf die Reihe – noch nicht mal mein Kind war krank.” Das meine ich nicht so böse wie es klingt. Und selbst wenn bei mir mal alles so läuft wie bei anderen Müttern, gibt es einen Haken: mein Kind hat schon jetzt ein Bewusstsein für sein Recht am eigenen Bild und am eigenen Wort.

Es möchte nicht alles mit allen teilen. Und da ich versuche, Gleichwürdigkeit in der Beziehung zu meinem Kind zu leben, akzeptiere ich das. Für mich ist das ok.

Ich finde es in der Tat schwierig, wie viel man über fremde Kindern im Netz erfährt, ob die wollen oder nicht? Gut dann lässt man sie weg, machen ja viele BloggerInnen. Tja. Und dann? Essen und Deko gehen ja immer auf Instagram oder Facebook.

Mein Instagram Account verfügt über fast 500 Beiträge, davon gehören drei in die Kategorie Food & Interior: ein schicker Obstsalat, ein blasser Pilz in meiner noch blasseren Hand, und irgendwann hab ich mein ungeputztes Fenster in dramatischem Gegenlicht fotografiert. Mehr ist da nicht zu holen.

Dabei könnte ich bei Instagram leicht meine Wohnung inszenieren, ich hab sehr viel Platz. Ich könnte eine Hälfte des Wohnzimmers zum Insta-Space erklären, wenigstens da immer alles sauber halten und total hyggelig dekorieren.

Das wäre allerdings genau das, was ich nicht will, jedenfalls für meinen Blog.

Vielleicht gibt es mehr Mütter, die so leben wie ich – mit den Trümmern der Kinder, der eigenen Existenz und bescheidenen, hauswirtschaftlichen Fähigkeiten? Diese Frauen brauchen Bestätigung und Trost! Vor allem am Montag.

In einer Mischung aus missionarischem Eifer und posttraumatischem Bloggerstress bin ich eben durch die Wohnung gerast, und fotografierte, was mich/uns so beschäftigt hat übers Wochenende:

Und irgendwann dazwischen hab ich mit meinem Kind über den Holocaust gesprochen. Davon kann ich kein Bild machen, dabei ist das für uns der wichtigste Moment am Wochenende gewesen. Vielleicht war das auch in anderen Familien ein Thema? Wir gehen alle unterschiedlich mit Erinnern um. Ich hab am Samstag etwas dazu geschrieben bei Facebook. Den Text veröffentliche ich überarbeitet hier:

Heute ist Samstag, der 27. Januar 2018. Berlin hat einen schmutzig, grauen Himmel. Diese traurige Farbe hatten die Häuser hier alle, als ich vor fast 20 Jahren in diese Strasse zog. Das Haus gegenüber war übersät mit Einschusslöchern – unten rechts, neben dem Eingang zu einem Laden, rankte trotzig eine Kletterrose, die selbst im Januar noch rosa Blüten hat.

Die Einschusslöcher gibt es nicht mehr. Die Rose schon. Im letzten Jahr traf ich vor meinem Haus eine Gruppe von Menschen, sie sprachen Hebräisch. Sie fragten mich auf Englisch nach einer Adresse in der Nachbarschaft, sie erzählten, dass ihre Großeltern dort gewohnt hatten bis 1933, dann mussten sie fliehen. Das passiert oft.

Hier lebten viele jüdische Familien vor dem Krieg und seit einigen Jahren kommen sie zurück, zu Besuch oder für immer. Warum sie weg waren, dass wissen wir, daran erinnern die Steine auf dem Boden, über die man stolpern soll, aber meistens streift der Blick flüchtig über einen Namen, hinter dem ein Geburtsdatum steht, ein Todesdatum mit dem Vermerk “ermordet” und ein Ort. Eine Frau so alt wie ich, ein Junge, ein Mädchen.

Mein Kind fragte mich neulich: “wo liegt diese Stadt”. Ich musste nachsehen, weil ich den Namen noch nie gehört habe, es war ein kleiner Ort in der Ukraine. “Warum steht da ermordet Mama”, fragt er nicht mehr, dass weiß er. Ich habe viele Freunde die jüdischen Glaubens sind, deren Familien fliehen mussten oder umkamen. Ihre Geschichte ist unsere, denn wir leben damit alle zusammen hier.

Ich finde es wichtig, dass man mit Kindern auch über schlimme Dinge spricht. Die erste Frage zum Holocaust traf mich völlig unvermittelt. Ich war beladen mit Tüten und genervt. Vor drei Stolpersteinen hatte jemand Rosen niedergelegt. Mein Kind blieb stehen, und las die Namen einer Familie, die dort gelebt hatten, wo jetzt eine Schule stand. Ich wollte einfach weitergehen eigentlich. Das Kopfsteinpflaster von Berlin ist zum Glück kein Instagram Account, in dem man alles was uns stört ausblenden kann.

Eine Stadt in Polen steht besonders oft auf den Gedenksteinen.

1,5 Millionen Menschen sind dort umgekommen.

Unfassbar.

Am 27. Januar 1945 befreiten russische Soldaten dort Menschen, die keine Kraft mehr hatten irgendwo hinzugehen. Joseph Schmidt, ein Opernsänger, war nie in Auschwitz. Er floh 1938 vor den Nazis, erst nach Frankreich, wo er im besetzten Teil verhaftet wurde. Er konnte fliehen. Er schaffte es allein über die Berge in die benachbarte Schweiz, wo er als illegaler Flüchtling galt – laut einem Gesetz von 1942 waren geflohene Juden in der Schweiz keine politische Flüchtlinge. Er wurde in ein Internierungslager gebracht. Er beantragte eine Arbeitserlaubnis, die ihm verweigert wurde. Er erkrankte an einer Halsentzündung und wurde in das Kantonsspital Zürich eingewiesen. Seinem Hinweis auf starke Schmerzen in der Herzgegend wollte man nicht nachgehen.

Joseph Schmidt wurde am 14. November 1942 aus dem Kantonsspital entlassen und musste in das Auffanglager Girenbad zurückkehren. Nur zwei Tage später starb der berühmte Sänger im nahegelegenen Restaurant Waldegg. Die Wirtin hatte ihm ermöglicht, in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa zu ruhen. Als sie später nach ihm sah, war er friedlich eingeschlafen – an Herzversagen gestorben.

5 Jahre zuvor hatte Joseph Schmidt an der Carnegie Hall debütiert und Triumphe gefeiert. Die Eintragung im amtlichen Sterberegister lautet: “Montag 16. November 1942, Schmidt, Joseph – 38 Jahre, 8 Monate, 12 Tage, staatenlos “

“Gut dass die Frau in dem Restaurant wenigstens ein Mensch war”, sagte mein Kind, als ich ihm davon erzählt hab, und dann hat er mich gefragt, ob ich bitte dieses Opernzeug mit Kopfhörer hören kann.

Alles normal.

PS: das Zitat ist freigegeben. Gibt aber keine Bilder.

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