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rein theoretisch ist alles gut

Hochglanz Glück war gestern: Plädoyer für echte Dellen, Ecken und Kanten

Seit 2014 schreibe ich hier so vor mich hin. In meiner Internet-Nische ist es sehr gemütlich, aber auch ganz schön einsam. Seit gestern weiß ich, dass es viele Frauen in meiner Situation gibt. Meine Geschichten erreichen echte Menschen, unterhalten und machen Mut. Nicht zuletzt mir selbst.

Was wir wirklich brauchen: Die schönen Dinge des Lebens

Ich bin hier einfach so wie ich bin: Eine Frau mit Problemen und Mütze, die gerne isst und auch mal überkocht. Es gibt hier keine fabulöse Produktschau, keine heile Welt und perfekte Haut Fotos. Braucht auch keiner – glaubt mir: Seit ich viele Dinge nicht mehr habe, merke ich, dass sie gar nicht fehlen (höchstens meine Schilddrüse vielleicht).

Das sind die positiven Begleiterscheinungen einer temporären leichten bis mittelschweren Konsumschwäche und Krise:

Weniger Lifestyle ist mehr Leben. Für diese T-Shirt-druckreife Erkenntnis habe ich lange gebraucht, und ich bin nicht von selbst draufgekommen. Meine finanzielle Unfreiheit hat da sehr geholfen.

Rein theoretisch könnte man mit Frauen wie mir richtig tolle Sachen machen. Allerdings ist das Internet da anderer Meinung. Für Frauen knapp über 35 mit mehr Hirn als Kaufkraft – und selbst für die mit mehr Schotter – sieht es wirklich düster aus:

Wer, der ungefähr so alt ist wie ich, findet sich in dieser Hochglanz-Online-Welt wieder und wohl? Bad Hair Days gibt es nur mit Hashtag und “Wahrhaftigkeit” ist ein gesponserter Post über eine nachhaltig produzierte Weihrauch-Duftkerze. Diese Mode-Mädchen-Blogs oder Mutter-Kind-Lifestyle-Blogs machen mich fertig. Immer wenn ich mich aus Verzweiflung dorthin verirre, mache ich auf der Maus kehrt. Kann man wirklich immer so aussehen und alles an Amazon Prime, Evernote und eine Putzfrau delegieren? Wie schafft man das?

Willkommen in der Matrix: Warum Konsumzombies in 30 Minuten Ihren Schrank aufräumen können

Vielleicht bin ich ja auf dem Holzweg und die Mehrheit lebt so wie diese Frauen und nicht wie ich? Ich gehöre zu einer Minderheit und einer finanziell nieder gestellten Kaste an? Der Philosoph Byung-Chul Han sagt: “”Die heutige digitale Gesellschaft ist keine klassenlose Gesellschaft”. In einem Interview erklärt er, wie wir im digitalen Zeitalter zu Konsumzombies gemacht werden: “Wir leben in einem Zeitalter des “Like”. Es gibt keinen “Dislike”-Button bei Facebook, es gibt nur “Like”. Kann das denn wahr sein? Bitte lass mich in einem Tank liegen, und wenn ich aufwache liegt wenigstens Keanu Reeves unter mir.

Wir sind vielleicht schon mitten in der Matrix. Die Zeichen sind überall: Sogar die gute alte Brigitte, ballert mich in ihrem Onlineauftritt mit leicht verdaulichem Häppchen-Content zu. Auf Schlagzeilen wie “Wie man in 30 Minuten den Kleiderschrank aufräumt” folgt “Auslaufsicher: Dieser Tampon schlägt Alarm, wenn er voll ist!”

Ich verkniff mir den wütenden Kommentar: “Seid ihr noch ganz dicht, ich brauche keinen smarten Tampon, ich kann selber denken”. Immerhin verdankt die kleine Susanne dieser Zeitung mindestens 15 handgestrickte Pullover, eine lebensgroße selbstgenähte Puppe namens Anna und ein bisschen Feminismus. Die Brigitte war mal wichtig! Die Emma las meine Mutter nicht: Da gab es zu viel Politik, zu wenig Modestrecken, überhaupt nix über Essen und dieses Papier – meine Mutter überzeugte das jedenfalls nicht genug, um Abonnentin zu werden. Nachdem ich mit 16 Jahren ein Exemplar der Emma erwarb (das mir die frisch dauergewellte Verkäuferin am Bahnhofskiosk verschämt zuschob) musste ich meiner Mutter leider Recht geben. Dabei war Alice Schwarzer ein heißer Feger und sah auch so aus, als sie in Paris lebte. (Ach Paris – ich schweife wieder ab).

Eine gute Freundin, bei der ich mich ausheulte, brachte es auf den Punkt: “Du bist doch schon längst Brigitte Woman Schatz und Alice Schwarzer ist in Pension.” Tja ich bin offenbar erwachsen geworden, aber nicht so wie vorgesehen. Wo ist für Frauen mit Problemen, Dellen und Lust am Leben noch Platz im Netz?

Tschüss Hochglanzoptik: Warum uns sichtbare Risse weiterbringen

Ich habe mich jedenfalls von der perfekten Form verabschiedet. Das war und ist ein großer Schritt. Zum Glück: In meinem Leben lief eigentlich nie etwas glatt. Vielleicht gab es streckenweise ruhige Phasen in denen es weniger Bruch gab, aber sonst. Ich wurde geschüttelt und gerührt.

Manchmal, weil ich mich dafür entschieden habe, doch vieles ist mir einfach so passiert: Nackenschläge, unfreiwillige Stolperer, böse Stürze und schöne Sprünge. Mindestens einen habe ich in der Schüssel – und: Dellen, Risse, Narben sowie fette blaue Flecke.

Aber ich lebe damit. Das ist nicht leicht, natürlich, aber es geht. Es muss. Ich bin und war keine Goldmarie – diese holde Maid aus Frau Holle. Ich hab es sowieso nicht so mit Märchen. Als Kind schon nicht.

Und Frau Holle (das ist die mit den Federbetten) ging mir immer besonders auf den Keks, vielleicht weil ich schon damals ahnte: So einfach ist es nicht? Nach 45 Jahren als strebsames Fräulein auf diesem Planeten und einer sehr langen Blondphase kann ich das beurteilen. Ich möchte an dieser Stelle der unwirschen kleinen Susanne tröstend über das Strassenköter blonde Haar tätscheln und sagen:

“Pech Schatz kommt vor und ist gar nicht so schlimm. Und egal was sie dir erzählen, damit du die Federbetten ausschüttelst: Nicht immer wirst du am Ende mit Gold überschüttet, bloß weil du strebsam bist und blond. Wechsel einfach gleich zu Rot und hops vor allem öfter in den See MIT ODER OHNE KLAMOTTEN.”

Frau Holle hatte bestimmt eine heimliche Putzfrau, und die Pechmarie war vielleicht depressiv, das arme Ding! Manche Herausforderung schafft man nicht allein. Und zu guter Letzt: Vielleicht ist das Leben nicht perfekt, weil es den falschen Filter hat?

Gut dass wir alle digitale Zombies sind: Seit Instagram wissen wir ja alle wie das besser geht. Wir müssen einfach nur aufwachen und das Häkchen öfter bei normal machen.

Und weil ich hier machen kann, was ich will und muss, wähle ich als Beitragsbild ein unbearbeitetes Foto von mir inklusive Dellen. Das echte pralle Leben, müsst Ihr mit klarkommen. Ist gut für Euch. Nur Mut! An dieser Stelle einen virtuellen Gruß an den Fotografen René Löffler, der mir ein fettes ? schickte, als ich ihm schrieb: “Ich find die Fotos alle toll, nur die vom Boot vielleicht kannst du da meine Orangenhaut glatt ziehen.”

 

 

 

 

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