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rein theoretisch ist alles gut

Die Ich-Gesellschaft: Ein Mercedes, ein Rollstuhl und der ganz große Knall

Gestern war es wieder soweit. Ein schöner prall gefüllter Tag. Rein theoretisch jedenfalls. Mit den prallen Tagen ist das ja so wie mit Ballons. Gestern ist wieder einer geplatzt.

Bis 15 Uhr nachmittags lief noch alles gut. Ich hatte klugerweise neben viele Pflichttermine auch schöne Termine gepackt. Wenn man älter wird, Glück hat und ein wenig an sich arbeitet, lernt man ja dazu.

Vor dem Knall:

Um 15 Uhr 09 sauste ich in einem für meinen Hintern kaum erträglichen Tempo die Kopfstein gepflasterte Straße hinunter in der meine Mutter lebt.

Meine armen Sitzknochen wurden Opfer meines Termin-Übermuts. Als ich völlig durchgeschüttelt in die Hauseinfahrt einbiegen wollte, bremste mich ein fetter Mercedes Kombi aus. Er blinkte, aber bog nicht ein. Ich sortierte seufzend meine Gesäßmuskulatur – und rollte an ihm vorbei in den Hof. Ich fuhr sehr vorsichtig. Ich sage nur: SITZKNOCHEN.

Die Zufahrt zu diesem Hof ist manchmal eine Herausforderung. Viele Jahre war das anders. Man bog ein in einen überraschend großen verkehrsarmen Gewerbehof mit schönen Klinkerbauten. Dörfliche Stille mitten in der Großstadt. Nur nicht ganz so grün.

Das Haus meiner Mutter liegt auf der linken Seite des grau asphaltierten Hofes. Es ist kein pittoresker Klinkerbau, und auch kein architektonischer Wunder-Würfel mit bodentiefen Fenstern.

Verkehrsberuhigte Zonen:

Es ist ein einigermaßen geglücktes Millenium-Mietshaus in Vanillepudding Gelb. Früher war es vielleicht mal sonnengelb und ein ambitioniertes Projekt. Es sollte Menschen im Alter und Personen mit Gehbehinderung ein stadtnahes betreutes bzw. barierrefreies  Wohnen erlauben. Irgendwas ging aber schief. Das Projekt wurde eingestellt und die Wohnungen kamen auf den Markt. Für uns war das ein Glück. Schon vor 5 Jahren war es sehr schwierig bezahlbaren Wohnraum zu finden.

Jahrelang tat sich auf dem Hof wenig bis nichts – bis irgendwann drei Kindergärten dort einzogen. Die meisten Bewohner freuten sich darauf. Endlich schwappte das Leben wieder zu ihnen durch die Hofeinfahrt. Die Freude über die Veränderungen hielt nicht lange. Das liegt vor auch an den Kita-Eltern, die ihren Nachwuchs mit ihren Autos sehr gerne bis in die Garderobe fahren. Das ist mitunter problematisch. Denn in dem Vanillepudding gelben Würfel wohnen wie erwähnt jeden Menge Menschen mit Gehbehinderung, die nicht so mobil sind wie der durchschnittliche Prenzlauer Berg Doppelverdiener Haushalt – sie fahren in der Regel eher Rollstuhl.

Die Hausverwaltung hat vor einiger Zeit reagiert: Sie hat die Hälfte des Hofes durch Blumenkübel zur autofreien Zone erklärt. Die Zufahrt zum Hof wird von einer Schranke geschützt. Rein theoretisch. In der Praxis bleibt diese Schranke sehr oft oben. Eltern in Eile nutzen dann gern die Lücke. Da sie leider nicht mehr direkt bis in die Garderobe fahren können (s.o. Blumenkübel), parken sie ihr Auto einfach dort wo es am wenigsten stört: Direkt vor der Löschwassereinspeisung.

Erfolgshemden und ihre Bügelhilfen:

Der gepflegte Mercedes Kombi von der Einfahrt, gehörte anscheinend auch zum Kreis der Rücksichtsvollen, jedenfalls parkte er genau sehr selbstverständlich ein. Aus dem Auto federte ein dyamischer Enddreißiger. Vom Beifahrersitz schälte sich ein Herr Mitte bis Ende Sechzig – auf dem Rücksitz saß eine weißhaarige Frau, die für einen von beiden höchstwahrscheinlich immer noch bügelt.

Eine Rollstuhlfahrerin, die gerade vor dem Hauseingang stand, beobachtete die Szene. Sie schaute flehentlich auf das Parkverbotsschild und sagte leise: “Entschuldigen Sie, aber das mit dem Auto hier das geht nicht. Das ist für die Feuerwehr vorgesehen”. Der dynamische Mann lächelt ihr freundlich zu ohne es so zu meinen. Er antwortete: “Das ist bekannt – ich hole hier mein Kind aus der KITA.” Dann drehte er sich um. Der ältere Herr zog die Stirn kraus und drehte uns wortlos den gestreiften Hemd-Rücken zu. Reizend ganz reizend, dachte ich – und nestelte mit schweissnasser Stirn an meinem Fahrradschloß. Inzwischen war auch die weißhaarige Frau aus dem Auto ausgestiegen. Sie lächelte etwas ehrlicher als die Männer und huschte betroffen hinter einen dieser unsäglichen Blumenkübel.

Die Frau im Rollstuhl gab nicht auf. Sie sagte deutlich lauter: “Aber Sie können hier nicht parken, hier kommt auch immer der Fahrdienst”. Der dyamische Enddreißiger Mann schloß den Kofferraum-Deckel und sprach: “Ja das ist bekannt. Werden Sie denn gerade abgeholt?” Die Frau verneinte traurig – sie wird nie abgeholt, aber das kann er ja nicht wissen, und ich fürchte es wäre ihm auch völlig egal. Er lächelt wieder durch sie durch. Ich bin inzwischen fertig mit Anschliessen und sauer. Meine Augenbraue kribbelt jedenfalls verdächtig. Bitte laß es Schweiß sein, denke ich – und müßte es doch besser wissen:

Der gerechte Zorn auf Geranien:

Mich kitzelt der gerechte Zorn. Seit Kindertagen bringt mich nichts so sehr auf die Palme wie Ignoranz und ungerechtes Verhalten. Früher passierte mir meist folgendes: Eigentlich harmlose Wörter donnern wie Lavabrocken meine Kehle hoch und fliegen Mitmenschen und mir um die Ohren. Seit ich Yoga mache sind die Ausbrüche seltener geworden.

Aber jetzt ist es mal wieder soweit: “Entschuldigung”, bricht es aus mir heraus, “das geht wirklich nicht. Alle im Haus haben hier Probleme wegen der Autos”. Der Mann lächelt durch mich hindurch: “Das ist bekannt”. Er dreht sich um.

Ich zähle erstmal bis zehn und unterdrücke mit diesem simplen Trick unter anderem den Satz: “Sie benehmen sich wie ein assozialer Vollpfosten mit Verlaub –  damit erspare ich dem Mann immerhin die Feststellung: “Das ist bekannt”. Wobei ganz neu ist das wohl nicht – zumindest die Mutter scheint etwas zu ahnen. Sie schaut verlegen in meine Richtung und tätschelt den Blumenkübel. In mir brodelt es wieder.

SAG ENDLICH WAS denke ich in Richtung Mutter. Sie lächelt durch mich durch.

Ich bin inzwischen bei 1.000 angekommen (ich zähle seit 35 Sekunden). Oh Gott. Meine Stirn ist heiß. Können die nicht einfach wegfahren und endlich zur Familienaufstellung gehen. Ich habe keine Zeit verdammt. Ich stehe doch über den Dingen und lasse los. Genau! Ich gehe jetzt.

Sternstunden der Mitmenschlichkeit:

Als ich an der Haustür ankomme, fällt mein Blick auf die Frau in dem Rollstuhl – sie sieht traurig aus. Wie kann dieser Mann nur so ignorant sein? Yoga, Achtsamkeit, spirituelles Wachstum hin oder her oder gerade doch: Jetzt und hier ist Schluß! Einer muß für die Schwachen kämpfen. Selbst Buddha wäre unter seinem Baum hochgegangen, wenn er jeden Tag von jemandem zugeparkt wird.

Ich nehme die Hand von der Klingel und drehe mich um. Gefasst peile ich das Herz vom dynamischen Enddreißiger an  – immer schön durch den Mercedes Stern genau auf’s Schweiß freie Hemd. “Ihr Auto darf hier nicht stehen”, schieße ich ihm vor den Wohlstands-Bug – und denke dabei an die Revoluzzer Jungen aus meiner Kleinstadt, die subversiv in den Vorgarten einer Bundes-Politiker Schwester gepinkelt haben (und Mercedes Sterne gesammelt ging das Gerücht).

Der Mann ist genervt – er blafft: DAS IST BEKANNT. Aha die Fassade bröckelt. Schön. Ich lächele sanft und säusele: “Ja dass es Ihnen bekannt ist, haben sie sehr deutlich gemacht – aber bekannt ist offensichtlich nicht verstanden?”. Der Mann sagt nichts. Ich sehe eine kleine Schweißperle auf seiner Stirn und triumphiere.

Der Mann schweigt, er schliesst die Auto-Tür und geht wortlos Richtung Kita. “Wer war das mit dem nicht verstanden” bellt da jemand um die Ecke. Der ältere Herr vom Beifahrersitz kommt mit rotem Kopf auf uns zu. Drohend baut er sich vor mir auf und wiederholt seine Frage. Müssen die alles immer mehrfach sagen, denke ich verzweifelt und rufe trotzig: “Ich war das”. Er scheint erleichtert. Eine Sekunde später weiß ich warum, er brüllt:

“Auf sowas wie Euch haben wir früher geschissen”.

Die Frau im Rollstuhl ist froh, dass er das nicht zu ihr gebrüllt hat. Ich stammele: “Sie sind ja eine ganz reizende Familie – da kann sich Ihr Enkel freuen.” Er bellt etwas zurück, das ich zum Glück nicht verstehe. Ich zähle wieder. Bin in 4 Sekunden schon bei 180 und nicht explodiert. Läuft.

Der ältere Herr im Erfolgs-Hemd marschiert forsch Richtung KITA. Seine Frau huscht hinter ihm über den Asphalt. Gleich werden alle sehr freundlich die Erzieherin seines Enkelkindes begrüßen. Total charmant können sie sein, wenn es die Situation erfordert und sie nicht auf Menschen treffen, auf die früher einer von ihnen – aus welchen Gründen auch immer – geschissen hat.

Was rege ich mich auf?

So ist das halt heutzutage in Prenzlauer Berg, wo die Parkplätze manchmal wichtiger sind als die Menschen.

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