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rein theoretisch geht alles

Schlafes Schwester: Was Mütter und Flugpersonal gemeinsam haben

Diesen Artikel wollte ich eigentlich vorgestern Abend fertig schreiben. Ich startete hoch motiviert und voller Tatendrang um 8 Minuten vor 10 – und schlief gegen 22:18 Uhr ein. Jedenfalls ist das die letzte Uhrzeit an die ich mich erinnere. Das mit dem unabsichtlichen Einschlafen passiert mir total oft.

Ich nenne das Mutti Fatigue, in Anlehnung an den berüchtigten Pilot Fatigue. Fatigue ist ein Erschöpfungszustand, der die geistige oder körperliche Leistungsfähigkeit in Folge eines Schlafmangels oder einer lang andauernden Wachperiode, einschränkt. Nein das ist keine eingebildete Krankheit:

Ein deutsches Traditionsunternehmen mit Kranich im Logo, hat ein „Fatigue Risk Management System (FRMS)“ implementiert, um Passagiere und Crew vor Flugunfällen zu schützen. Als ich zum ersten Mal in einem Wirtschaftsmagazin davon las, sank mein Kopf kurz darauf auf die Lehne eines Loungemöbels. 15 Minuten später war mein überteuerter Soja Latte kalt, mein Handy war geklaut und meine Ruhezeit für die nächsten 17 Stunden vorbei. Mein Kind war zum Glück noch da, ich hatte es klugerweise mit einem Tragetuch an mich fixiert.

Alleinerziehende und Piloten tragen ein besonders hohes Fatigue Risko. Aus Sachzwängen und unter Zeitdruck bündeln wir mehrfach am Tag alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte. Das bringt unser Job so mit sich. Nein ich arbeite nicht bei der Lufthansa, und ich habe auch kein Pilotengehalt.

Seit drei Jahren bin ich mein eigener erfolgreicher Fatigue Risk Manager: In 8 von 10 Fällen sendet mein Zwischenhirn kurz vorm Energie-Kollaps ein SOS Piepsen an mein Hörzentrum.

Dienstag Abend hat es leider nicht funktioniert. Warum muss ich auch werktags die Nacht zum Tag machen und bis 21 Uhr ausgehen? Egal – zurück zu meinen Artikel über diesen spannenden Vortrag in der Friedrich-Ebert-Stiftung: „Alleinerziehende im Gegenwind“ äh AUFWIND (Memo an mich: Reiß dich zusammen Mutti und die Pupillen uff – du wirst jetzt diesen Text fertig schreiben VERDAMMT).

Der Blogartikel trug den Arbeitstitel:

„Was Mütter und Piloten gemeinsam haben“ oder warum Martin Schulz mal ganz dringend vier Wochen bei einer „extrem“ alleinerziehenden berufstätigen Mutti mit drei Kindern, davon eines in der Trotzphase, eines chronisch krank, hospitieren sollte – oder bei einem Fatigue Risk Service Operator von der Lufthansa.

Wahrscheinlich bin ich beim Tippen dieses Titels eingeschlafen? Zurück zum Artikel von Dienstag:

Heute bin ich Disco – wenn Mütter die Nacht zum Tag machen:

Es ist 21:52 Uhr, ich bin gerade von einer Veranstaltung zurückgekommen, und WILL EIN EISKALTES BIER. Schon in den heiligen Hallen der Friedrich-Ebert-Stiftung überfiel mich die unbändige Lust auf ein kühles Blondes. Und einen Hungeranfall hatte ich auch. Immer wenn ich müde bin, muss ich essen (rein theoretisch müsste ich 3 Konfektionsgrößen mehr haben seit ich Mutter bin). Ich hatte mich in die Tiefen meines Kleiderschranks geworfen und richtig fein gemacht. Eine Kollegin meinte anerkennend: „Du siehst so schick aus heute“. Ich sagte mit vom Kompliment erröteten Bäckchen: „Ich hab noch was vor“. Den Satz: „Ich gehe noch zu einer Diskussionsrunde für Alleinerziehende mit Kinderbetreuung in der Friedrich-Ebert-Stiftung“ habe ich mir allerdings verkniffen. Ich hätte ihn selbst nicht verstanden.

Was gute Lobbyarbeit braucht: Von Männern lernen!

Jedenfalls hopste ich am Nachmittag aufs Rad und strampelte Richtung Tiergarten. Ich war zu früh, denn ich fuhr aus Versehen in einer Feldjäger-Kolonne durchs Botschaftsviertel. Ich beschloss erstmal meine Haare zu bürsten, und den Catering-Bereich aufzusuchen. Niemand da – außer mir und einem mittelalten Kellner. Gegenüber in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen steppte der Bär. Männer mit hochrotem Kopf und Biergläsern in der Hand standen vor dem Gebäude, rauchten, lachten und zogen erfolgreich Strippen. Ständig führen dunkle Limousinen vor. Ich blickte versonnen auf das Sortiment an Softgetränken vor mir und seufzte: „Warum hab ich mir nicht einfach unterwegs ein kaltes Bier gegönnt?“ Wenn ich eines habe, dann Catering-Kompetenz, ich weiß doch wie so was läuft.

Eine Veranstaltung am Nachmittag in einer parteinahen Stiftung mit Kinderbetreuung – da kann man ja froh sein, dass nicht nur Kakao bereitsteht? Die Männer mit dem Bier gegenüber lachten wie auf Stichwort. Ich war neidisch. Ich überlegte kurz, ob ich den Kellner frech frage:

„Entschuldigung, aber gibt es hier zufällig noch ein Bier von einer Abendveranstaltung mit einer Handvoll Gewerkschaftern und einem bis drei Staatssekretären?“. Ich verliere offensichtlich den Verstand: Bei solch einer Veranstaltung bleibt definitiv kein Bier übrig.

Immer diese verzweifelten Versuche meiner Vergangenheit mich daran zu erinnern, was ich alles noch weiß, und wo ich überall mal gearbeitet habe.

Treffen im wirklichen Leben sind ein Netzwerk-Quantensprung:

Aber ich bin ja heute nicht wegen meiner früheren Karriere hier, sondern als Alleinerziehende im Aufwind. Und ich freute mich auf Christine Finke vom Blog MAMA ARBEITET. Die war auch schon da. Sie trug ein sehr schönes rotes Kleid und einen 1 A dazu passenden Lippenstift. Souverän saß sie da und lächelte. Wir begrüßten uns, und ich stellte fest: Sehr sympathisch in Echt! Wir verabredeten uns für später.

Der Raum füllte sich. Ich erkannte Verena Schulemann von MAMA BERLIN, und dockte gleich mal an. Aus dem Augenwinkel erspähte ich einen Mann ohne Kind aber mit Rucksack, mürrischer Miene und Notizbuch, den ich gleich panisch in die Kategorie „Vaterrechtler“ einordnete. Ich trank zur Beruhigung nicht naturtrüben Apfelsaft und schaute einer Mutter beim Stillen zu. Den Mann mit dem Rucksack ignorierte ich.

Wieso sind hier nicht mehr von uns, ging mir durch den Kopf? Es gibt doch Kinderbetreuung? Und warum sind hier fast keine Frauen unter 35? Vielleicht sind die noch alle glücklich verheiratet in dem Alter?

Wieso wir mehr öffentliche Diskussionen brauchen:

Ich beschloß nicht weiter über glücklich liierte Mütter zu phantasieren, sondern zu netzwerken. Was die Männer da drüben mit Bier können, kann ich hier auch. Ich pirschte mich heran an einen Stehtisch, um den die einzigen Frauen standen, die ich kannte. Eine gute Entscheidung schon lernte ich andere tolle Frauen kennen. Noch dazu mit Blogs. Läuft. Ich prostete innerlich den bierseligen Jungs von gegenüber zu.

Kurze Zeit später ging es dann offiziell los mit der Veranstaltung. Ich setzte mich neben meine neuen Netwerkpartnerinnen vom Stehtisch. Die waren schon Profis, sie zückten gleich mal die Notizblöcke. Ich hatte nichts dabei, außer einer albernen zu kleinen immerhin sehr schicken Handtasche. Ich zückte mein Handy, und öffnete endlich mal Evernote.

Lief erstmal gut. Ich musste auch nur zuhören, denn Christine Finke las aus ihrem Buch zwei kurze Passagen vor. Format war die sogenannte Fish Bowl. Die Runde wird nach und nach erweitert um Diskussionsbeiträge aus dem Publikum. Ich hatte das auch mal umsetzen müssen für einen Kunden. 200 Schlipsträger sollten sich rege beteiligen. Ich starrte damals auf die leeren Stühle und war versucht, mich selbst einzubringen – mit dem Satz: „Ich hab Ihnen doch gesagt, das wird nicht funktionieren“.

Abgeordentenwatch oder der menschelnde Faktor:

Nach der Lesung startete die Diskussion. Frau Schwesig war nicht gekommen. Stattdessen waren zwei Bundestagsabgeordnete der SPD erschienen. Cornelia Reimann und Ingrid Arndt-Bauer. Letztere ist stellvertretende Vorsitzende des Finanzausschusses im Deutschen Bundestag. Ich kannte beide nicht. Ich benutzte mein Handy für Echtzeit-Recherche. 25 Sekunden später ist der erste Eindruck von Cornelia Reimann positiv. Auf dem Display lese ich

Chancengleichheit, Teilhabe und Solidarität stellen für mich zentrale Werte dar. Für diese Werte stehen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten seit 150 Jahren ein. Aus diesem Grund bin ich in die SPD eingetreten. Ich will mich einmischen, etwas bewegen“.

Vielversprechend. Ich spüre mein einst für die Sozialdemokratie schlagendes Herz wieder zaghaft pochen. Frau Arndt-Bauers Website braucht ein bisschen länger bis sie lädt. Ich lese als erstes eine aktuelle Pressemitteilung. Dort steht:

Bundesförderung für Sprach-Kitas Kreis Borken/Kreis Steinfurt. Gute Kindertagesbetreuung ermöglicht Kindern bessere Bildung und Teilhabe, fördert die Integration und unterstützt Eltern in ihrem Erziehungsauftrag. (…)“.

 

Packt mich emotional nicht ganz so, aber nun gut: Frau Arndt-Bauer scheint sehr pragmatisch, sonst wäre sie wahrscheinlich nicht stellvertretende Vorsitzende des Finazausschusses. Auf dem Podium nimmt noch eine Frau vom VAMV Platz. Die ist praktisch meine Lobby. Das lässt ja alles hoffen. Und einen Quoten-Mann gibt es auch. Immerhin Professor.

Theorien, Denk-Modelle aber die richtige Lösung?:

Rein theoretisch folgt jetzt hier die Zusammenfassung der sehr spannenden Diskussion darüber, was Alleinerziehende brauchen und was wir von der SPD erwarten können. Wenn ich die Stichworte lese, die ich dazu notiert habe, habe ich allerdings das unbestimmte Gefühl, dass ich vielleicht doch den Kellner nach einem Bier gefragt habe?

Ich präsentiere jetzt meine Stoffsammlung (unredigiert):

Dr. Christine Finke: Ja! Wichtiger Hinweis! Schlägt sich total souverän. Super.

Prof Bertram (nett, kompetent, garantiert schon erimitiert),

  • Professor will: Kinder Grundsicherung (JAWOLL) – sagt FÜRSORGELEISTUNG ist entscheidend (JAWOLL! JA!) Alleinerziehende den Ehepaaren steuerlich gleichzustellen kostet 11 Milliarden (Prof sagt ist eigentlich nix – WAS SAGT SCHÄUBLE???)

Reimann MdB:

  • Will Kita Ausbau. Setzt auf Kita Plus (WAS IST DAS ???), will Vollbeschäftigung erreichen (WER NIMMT DENN ALLEINERZ. MÜTTER ü 40?!?!! 🙂

Frage von Moderatorin: Quote für alleinerziehende Mütter? Reimann: Eye Roll?

Professor: Careaufwand = 60 Stunden pro Woche pro Kind, wenn die klein sind (hatte 2011 mindestens 10 mal 120 Stunden Woche???)

SPD Frau sagt: „Wir haben alleinerziehende Ministerin“ – WEN MEINT DIE? Ist Ursula getrennt?

Arndt-Bauer MdB:

  • Will Ganztagesbetreuung und Rückkehr in Vollzeitjob / Hahaha: WER NIMMT DENN ALLEINERZ. MÜTTER ü 40?!?!!

VAMV Frau (sympathisch, sieht nur harmlos aus):

  • Erzählt über Klage wegen Steuerbenachteiligung = Luxusprobleme??

Wortmeldungen Publikum:

Frau aus meiner Reihe HAT SOWAS VON RECHT!/ Frau im rot schwarz karierten Blazer TOLLE FRAU!/  Verena Schulemann: You Go Lady! HOLLYWOOD!

Wer berät denn die SPD? Oh Gott ich glaube ich weiß es.

An dieser Stelle breche ich den Versuch ab, diese Veranstaltung in einem Artikel vernünftig zusammenzufassen. Das Thema „Alleinerziehende“ gehört definitiv mehr in die Öffentlichkeit. Es ist nicht nur ein Trend-Thema, sondern gesellschaftlich relevant. Und die Erschöpfung der Mütter auch.

Und nun auf ein Wort liebe SPD – du gerechte Partei meiner Kindheit, Heimat und Hafen von Willy Brandt:

Ich würde gern mal alsbald informell bei einem Bier mit Martin Schulz sprechen. Ich würde ihm etwas erzählen von meinem Alltag, der noch relativ harmlos ist, im Vergleich zu vielen anderen alleinerziehenden Müttern, die ich kenne. Sie machen jeden Tag einen Wahnsinns-Job. Sie kämpfen gegen die Erschöpfung, gegen Vorurteile, gegen Ämter, um ihre wirtschaftliche Existenz – und kümmern sich nebenbei um die Kinder. Und das ist mehr als eine vollzeitnahe Teilzeit. Wird halt Scheiße bezahlt Genossen, um mal im Wahlkreis-Stammtisch-Slang zu bleiben. Frauen wie uns gab es schon immer. Nur: Wir haben ausser dem Müttergenesungswerk und dem deutschen Floristenverband keine nennenswerte Lobby. Deswegen übersieht man uns gern. Aber jetzt ist ja Wahljahr und Martin Schulz da – und es gibt das Internet.

Wir brauchen eigentlich nur wofür sich die Sozialdemokratie einmal stark gemacht hat, und immer noch steht:

Chancengleichheit, Teilhabe und Solidarität. Alle Maßnahmen für Alleinerziehende funktionieren und kommen an, wenn sie sich an den schwächsten Gliedern der Kette orientieren. Frauen in extrem angespannten Lebensverhältnissen brauchen NICHT NUR Steuererleichterung, sondern praktische niederschwellige Hilfsmaßnahmen. Erst dann kann man an Vollzeitbeschäftigung denken. Vielleicht muss man in diesem Zusammenhang auch als Arbeiterpartei den Begriff „Arbeit“ neu definieren und denken? Warum wird Care-Arbeit, die in der Regel mehrheitlich die Frauen leisten nicht berücksichtigt?

Mit der „Wertekonferenz Gerechtigkeit“ startete die SPD ihre Arbeit am Wahlprogramm für 2017. Parteichef Sigmar Gabriel erklärte: „Man muss ernsthaft fragen, ob wir den Gerechtigkeitshunger unserer Zeit noch begreifen.“ Ich habe nach diesem Abend so meine Zweifel, ob die SPD verstanden hat, was Alleinerziehende brauchen.

Ich habe übrigens zwei Tage gebraucht diesen Artikel zu schreiben. Meine Stirn hatte heute morgen weniger Falten, aber dafür zog sich der Abdruck der Tastatur an meinem Haaransatz lang.

Die Erschöpfung und der Stress – und das was sie nach sich ziehen – sind ein Problem. Hier auf dem Blog erzähle ich darüber und berichte über Methoden und Menschen, die helfen, damit klarzukommen. Siehe Kategorie Yoga & Gesundheit – z.B:

Die Grinberg Methode für ein besseres Körpergefühl: Ein Bericht über eine Sitzung bei Nina Püchel

Yin Yoga: Ein Workshop bei Katrin Knauth

Ich empfehle auch die Website von Alexandra Widmer zu diesem Thema: www.starkundalleinerziehend.de

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