Freitag Abend hat es mich getroffen. Nach 1,5 Stunden Yin Yoga stand ich völlig entspannt in der Umkleide, dann sagte eine Frau leise: „Oh Gott in München gab es einen Terroranschlag.“ DONG! Die wirkliche Welt hatte mir soeben unsanft auf den Kopf geschlagen. Trotz dieser Nachricht blieb ich erstaunlich ruhig. Danke Yoga! Den Rest des Abends verbrachte ich damit, zu erfahren, ob die Menschen, die ich in München kenne, in Sicherheit sind. Ich checkte, wer sich bei Facebook mit „In Sicherheit“ markiert hat. Ich kenne das schon – ich habe nämlich u.a. auch Freunde in Istanbul und Paris.

Ein Video alias der dokumentierte Wahnsinn:

Das ist jetzt 5 Tage her. Inzwischen glaubt man ein einen Amoklauf. Wie auch immer:  Das Netz wird seitdem überschwemmt mit Augenzeugenvideos. Ich habe auf ein einziges Video geklickt. Es ist ein wackliges Amateur-Video, dass einen jungen Mann auf einem Parkdeck zeigt. Die Schlagzeile dazu lautet: Video dokumentiert wirres Gespräch mit dem Täter. Der Dialog, den ich hier in Teilen wiedergebe, ist befremdlich:

Videofilmer: „Du Arschloch, Du Hund, Du Penner, Du bist ein Wichser, Du bist ein Arschloch.“

Mann auf dem Parkdeck: „Jetzt muss ich eine Waffe kaufen, um…“

Videofilmer: „Weißt Du was, Dir gehört der Schädel eingeschlagen, Du Arschloch!

Mann auf dem Parkdeck: „Scheiß Türken, ey!“

In diesem Ton geht das weiter.

Ich werde jetzt etwas schreiben, was vielleicht einige falsch verstehen: Der Mann auf dem Parkdeck tut mir leid. Wenn wir einfach nur den ersten Satz in diesem aberwitzigen Dialog lesen, finde ich meine Reaktion ziemlich normal. Er wird beschimpft und beleidigt. Mehr Empathie regt sich aber erst mal nicht bei mir. Auch das ist normal: Er hat eine Waffe. Mit der wird er sich eine Kugel in den Kopf jagen, nachdem er mit ihr auf viele Menschen geschossen hat. In München werden viele Mütter und Väter um ihre Kinder weinen an diesem Freitag im Juli. Und wie so oft in der letzten Zeit fragen wir uns:

Warum muss das passieren?

Immer wieder und immer öfter?

Was geschieht mit uns?

Wie erkläre ich es meinem Kind und mir selbst, dass Menschen andere oder sich selbst töten?

Warum lernt die Menschheit nicht dazu?

Ich glaube ein Teil der Antwort liegt in diesem verwackelten Video:

Warum Du und ich die Welt retten können und müssen:

Jede Mutter, jeder Vater, jeder Erzieher, jeder Lehrer – jeder Mensch, der alt genug ist, sollte sich dieses Video ansehen. Nicht aus Sensationslust, sondern um etwas zu erfahren. Über die Verrohung unserer Sprache, die Folgen sozialer Ausgrenzung, und das was uns fehlt: Mitgefühl. Ich will damit nicht entschuldigen, was dieser Mann auf dem Parkdeck getan hat. Nein. Ich schreibe mir mit diesem Post die Verzweiflung von der Seele. Ich miste mich spirituell aus. Als Mutter und Mensch kann man das gebrauchen. Dieses Gefühl das nicht alles verloren und umsonst ist – und das man immer etwas tun kann.

Nicht jeder junge zornige Mensch endet als Amokläufer oder Extremist. Es gibt Studien, die sich damit beschäftigen. Sie untersuchen was jemanden zum Täter werden lässt. Viele Jahre lang waren Experten irritiert, dass Amokläufer an Schulen nicht immer selbst als Schüler gemobbt wurden. Inzwischen geht man davon aus, dass noch etwas eine große Rolle spielt: Die Ablehnung durch Gleichaltrige. Das Gefühl nicht dazuzugehören – das ist mit das schlimmste, was es gibt.

Der Ernst des Lebens braucht mehr Mitgefühl

Ich weiß wovon ich spreche. Ich war vor ca. 100 Jahren auch mal in der Schule – dort habe ich in mindestens einem Fach gelernt: Alle Menschen sind gleich. Jeder Mensch hat das Recht auf Unverletzlichkeit und Unversehrtheit. Nachdem ich nun schon eine Weile aus der Schule bin, und relativ viel erlebt habe, möchte ich das etwas revidieren: Jeder Mensch ist einzigartig. Wir sind nicht alle gleich, aber jeder verdient die gleichen Chancen und hat ein Recht auf Respekt und Anerkennung – egal aus welchen Verhältnissen er kommt.

Diese Erkenntnis ist das, was ich meinem Kind mit auf den Weg geben möchte. Und Mitgefühl für Menschen, die es nicht so leicht haben – AUS WELCHEM GRUND AUCH IMMER. Das hat bislang mittelgut geklappt. Ich gebe trotzdem nicht auf. Es ist alles was ich geben kann und muss. Wenn es so weiter geht, hinterlasse ich in 45 – 50 Jahren keine Eigentumswohnung, kein Auto, keine Aktien oder wertvollen Antiquitäten. Deswegen muss jetzt niemand Mitleid mit mir haben. Was mir allerdings nicht schaden würde wäre Mitgefühl. Das kann jeder brauchen – denn das ermöglicht soziales Handeln für die Gemeinschaft. Mitgefühl gibt es leider in unserer individualistisch geprägten Leistungsgesellschaft nicht genug.

Das finde nicht nur ich, sondern kluge Wissenschaftler, die sich mit Empathie und Mitgefühl beschäftigen. Tania Singer zum Beispiel, die sagte in einem Artikel in der Zeit:

„Ob das Mitgefühl im Laufe der Zeit weniger geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Doch fest steht, dass in unserer individualistischen, egoistischen Gesellschaft Mitgefühl nicht besonders ausgeprägt ist. Im Mittelpunkt steht doch meist das Ich: Wie geht es mir, und was brauche ich? Wie es dem anderen geht, ist allenfalls die zweite Frage. Etwas mehr Mitgefühl würde unserer Gesellschaft sicher sehr guttun. Die Frage ist nur: Wie kann man Mitgefühl fördern und entwickeln?“

Ich hätte da eine Idee: Vielleicht wäre die Schule ein guter Ort, denn da müssen wir ja sowieso alle hin – und da wäre einiges zu tun. Unsere Kinder brüllen sich auf dem Schulhof unglaubliche Wörter an den Kopf. Nein mein Kind geht nicht in eine Brennpunktschule. Alle Eltern vor der Einschulung sollten jetzt tapfer sein:

Das ABC und was Kinder sonst so mitbringen aus der Schule

Als ich zum ersten Mal von meinem Erstklässler gefragt wurde: „Mama was ist ein Wichser?“, fiel mir die Kinnlade ins Abendbrot. Mitfühlende Mütter sprachen mir daraufhin Trost zu: „Ihr wart halt im Waldorfkindergarten – wir kennen das schon länger.“ Im 2. Schuljahr hatte mein Kind seinen Wissensrückstand aufgeholt: Abschaum, Arschloch, Assi, Drecksack – in jeder Hofpause lernte er neue Freunde kennen. Meine besorgten Rückfragen wurden meist wie folgt beantwortet:

 Das sind halt Jungs
 Alle sind so heutzutage
 Das ist doch noch harmlos
Ich finde das nicht. Ich finde damit fängt es an. Die nächste Stufe ist das Ausgrenzen:
Mit der/dem spielen wir nicht
Die/Der kann das eh nicht
Und dann folgt der Klassiker das Hänseln und Aufziehen:
Brillenschlange
Heulsuse
Schwächling
Da mussten wir alle durch, stöhnen jetzt einige. Ja das kann sein, aber wozu?

Moskitos, Mitgefühl und was die Welt sonst noch braucht

Wir sollten uns zurecht fragen, was wir und unsere Kinder unter Stärke verstehen. Wie wir in unserer Gesellschaft mit Schwachen umgehen. Was Ausgrenzung bedeutet und wo sie beginnt. Welche Folgen Hartz IV hat und wie existent Chancengleichheit tatsächlich noch ist. Wie sprechen wir zuhause, auf dem Schulhof und auch sonst miteinander? Apropos: Jemand hat mal vor nicht allzu langer Zeit ziemlich mitleidslos zu mir gesagt:
Die Schule ist hart und das muss sie sein, weil sie auf das Leben vorbereitet und das ist hart.

Ich finde das ist falsch – und das sage ich, obwohl und gerade weil mich das Leben nicht zärtlich getätschelt hat – weder als Kind noch als Erwachsene. Ich bin und „musste“ durch vieles durch. Ich sage jetzt und hier: Kinder brauchen keine Härte, sondern die Fähigkeit und das Wissen um die eigene Stärke – egal wie schwach sie sich fühlen (und sie sollten natürlich lesen und schreiben können ((und vielleicht Bruchrechen?))

Wenn ich reich und berühmt wäre, oder jemanden kennen würde, der am Hebel der Macht sitzt, dann würde ich allen Schulen (inklusive Lehrer und Erzieher) spontan Kurse schenken von „Roots of Empathy“  – das ist eine Art Empathietraining bei dem Kinder zum Beispiel verstehen lernen, dass es nicht peinlich ist, wenn jemand leicht in Tränen ausbricht oder Kinder Angst haben. Oder Meditationskurse oder Yoga oder sonst irgendwas sinnvolles, was viel zu selten auf dem Lehrplan steht – und hilft in gleichwürdige Beziehung mit anderen zu treten. Bis dahin schenke ich allen diesen Post. Mein Gefühl sagt mir, es wird Zeit, dass sich einiges ändert und ich weiß, dass mindestens der Dalai Lama von Mitgefühl so viel hält wie ich.

Und weil ich den so mag, darf der die Abschlussworte sagen:

„Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn ein Moskito im Zimmer ist“.