Der Tag fing so mittelgut an. Es regnete in Strömen. Auf dem Weg zur Arztpraxis, hab ich festgestellt, dass meine neue Winterjacke zwar total schick ist und warm, aber Obacht: nicht wasserdicht. Also bin ich zum nächsten Drogeriemarkt, um mir den 100. Schirm unter 5 EUR zu kaufen (dieses Mal in lebensbejahendem Pink).

Ich lief in meinem “post” Chemotherapie-Tempo, das entspricht einer Oma, Mitte 90, mit Rollator, dessen Räder dringend mal geölt werden müssen. Hinter mir schnaubte ein Mann, konnte ich aufgrund der Tonlage erkennen. Da ich aber rechts ging und genug Platz war, hab ich erstmal nicht reagiert – dachte bin nicht gemeint.

Drei Sekunden später überholte er mich schimpfend mit Kinderwagen: “Mann, Mann”. Ich rief, leicht konsterniert: “Bitte?” Er legte daraufhin nach: “wieso blockieren Sie alles”. Und dann sagte er ein Wort, das wiederhole ich hier nicht. Worauf mir auch ein Schimpfwort raus rutschte, was er wiederum mit fuchtelnden Mittelfinger parierte. Die Geste hat mich dermaßen geärgert, dass ich ihm den Satz: “Ah Kind in die Kita bringen müssen und jetzt stocksauer, weil zu spät?” mitten ins somatische Zentrum donnerte. An seiner Reaktion = peinlich berührte Flucht, hab ich erkannt, voll ins Schwarze.

Ich hab mich gar nicht gefreut, dass ich diesen Treffer gelandet hab, dachte eher: Alter, warum regt mich der so auf? War das jetzt nötig, wahrscheinlich setzt der sich mit in den Morgenkreis und nervt die Erzieherin. Unangenehm.

Warum hab ich mich so gestritten? Wenn ich daran denke, was in den letzten Monaten passiert ist, und wie gefasst ich war. Mann. Mann. Mann.

Im Drogeriemarkt folgte sogleich die nächste Prüfung vom Universum: total motzige Angestellte. Sauer, weil ich 08:02 Uhr schon was kaufen wollte. Laut Schild war der Laden seit 08:00 Uhr geöffnet.

Anscheinend hatte ich aber ein bisschen gelernt aus dem Fight um die Bürgersteig-Hoheit: nämlich, dass ich gar nicht unbedingt gemeint bin. Hier waren es höchstwahrscheinlich Job (wahrscheinlich mies bezahlt), Corona allgemein und dann steht ne große Frau vor dir und tropft den frisch geputzten Boden voll. Oder die Frau ist liiert mit dem Mann mit Kinderwagen vom Bürgersteig. Oh. Eben!

Habe ich mich daran erinnert, was ich mir vorgenommen hatte vor ein paar Jahren nach einem Wochenende Yoga und temporärer Erleuchtung: stay friendly no matter what, weil unter jedem Dach ein Ach. Also bin ich höflich geblieben, statt ebenfalls zu motzen:

Ich: “Entschuldigen Sie, ich mach alles nass, ich brauch ganz dringend einen Schirm”

Verkäuferin: “Da, direkt hinter Ihnen”

Ich: “Danke das rettet mich jetzt, meine Jacke ist leider nicht wasserdicht”

Verkäuferin: “Aber schön”

Ich: “Danke, dass Sie das sagen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, halten Sie durch”

Verkäuferin: “Danke gleichfalls”

Das Resultat dieser Konversation war gute Stimmung bei zwei Frauen, die sich nicht kennen und wenig gemeinsam haben. Jedenfalls sah sie deutlich freundlicher aus als vorher.

Zuhause hab ich beschlossen, dass ich es mir heute weiter gut gehen lasse, niederschwellig und mit möglichst wenig Aufwand. Und wie geht das? Mit Musik. Während der Chemotherapie hab ich Al Bowlly entdeckt. Ein Freund, der Swing tanzt, hat mir einen Link zu einem Video geschickt mit den Worten: flippste aus, gefällt dir bestimmt. Er hatte recht.

Ich liebe diese Stimme, so viel Gefühl, hüllt mich ein wie eine Decke (feiner Kaschmir keine fette Daune). Großartig. Al Bowlly hat zum Beispiel wie Judy Garland “Somewhere over the rainbow” gesungen, großartige Version, hab geheult als ich den Song erste Mal gehört hab.

Denn stell dir vor, du liegst total platt in einem Sessel in der Chemoambulanz, starrst wahlweise auf die Hammerzehen von Frau X (no offense, geht mir bestimmt auch mal so) oder sehr bunte Therapiekunst (no offense, hab leider Kunstgeschichte studiert), du fühlst dich richtig mies, dann singt dir Al folgende Zeilen:

when all the world is a hopeless jumble, and the raindrops tumble all around, heaven open the magic lane, when all the clouds darken up the skyway, there’s a rainbow highway to be found, leaving from your window pane, to a place behind the sun, just a step beyond the rain,
somewhere over the rainbow, way up high

Mehr Pick Up Artist brauch ich nicht. Als es mir richtig schlecht ging während der Chemotherapie, körperlich oder psychisch, hat mir diese Musik so geholfen. Ich hab mich besser entspannt und ausgehalten.

Frau X, meine Mitpatientin, hat in ihrer tiefen Stimme und russischen Akzent gebrüllt: WAS HÖREN SIE DA IMMER KINDCHEN, IHRE FÜSSE WIPPEN SO SCHÖN”, ich hab geantwortet: “Al Bowlly”, Frau X: “WAR DER MAL BEI CARMEN NEBEL?”, ich: “Nein”.

Al Bowlly wurde nur 42 Jahre alt. Er starb 1941 durch eine deutsche Fliegerbombe, als sein Wohnhaus in London getroffen wurde. Auf YouTube gibt es einige Songs, darunter zwei tolle Studio-Aufnahmen auf dem Kanal von British Pathé. Zum Beispiel Melancholly Baby: Da steht er am Mikro und singt für mich, also na ja uns alle. Sorry, bin bisschen verliebt. Al Bowlly kommt auf der Liste “Imaginäre Verlobte” gleich nach Gary Grant. Wie (mein) Al singt, diese Anzüge, seine Augen, dieser Charme: ICH DREH DURCH (nur kurz geht gleich wieder):

Leute, ich schwöre, Al Bowlly macht alles besser. Nachdem ich heute eine Stunde lang mit seiner Musik den Kiez beschallt hab, war der Himmel blau!

Danke Al. I love you.

Hier noch die Links zu den Songs: Achtung beim Klicken verlasst Ihr mich und seit auf Youtube:

Al singt Melancholy Baby bei British Pathé: https://www.youtube-nocookie.com/embed/WOeZr8jrMZY

Al singt Somewhere over the rainbow: https://www.youtube-nocookie.com/embed/8TiYgOOLat8

Seine “Greatest” Hits:

https://www.youtube-nocookie.com/embed/7kqQdLZRQb8

Artikel über Al Bowlly und die Bombennacht in der er ums Leben kam:

Kommt gut durch, hört schöne Musik, bleibt freundlich und regt Euch nicht auf.

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