Freitagmorgen war ich vor 8 Uhr mal wieder durch. Dabei hatte ich noch nicht mal eine To-Do-Liste geschrieben. Fühle mich seit Monaten wie im falschen Film, z.B. dem mit dem zerknautschten Bill Murray und der (auch in echt ich schwöre) schönen Andie McDowell: jeden Morgen geht das Drama von vorne los. Schlimm. Wobei die Story an sich ok ist. Es gab Schnee, niedliche Murmeltiere, Menschen mit Holzfällerhemden und ein Happy End! Wie hiess der noch gleich? Egal. Ewig her. Zurück ins Hier und Jetzt. War im März schon mal fast so. Kalt, hat geregnet, plötzlich Vollbremsung mit Ansage. Aufregend, dann doch nicht, weil auf Dauer hält das ja kein Mensch aus: Improvisation, Unsicherheit, diesen Mangel an Möglichkeiten. Selbst die Kakerlaken, die laut Forschung einen Atomkrieg überleben, hätten die Rüssel voll.

Was geht, wenn nix mehr geht

Meine frühere Therapeutin, würde sich jetzt räuspern und sagen: “Nun das ist alles belastend, aber Ihr Leben derzeit. Wollen wir mal gemeinsam schauen welche Möglichkeiten Sie haben?”. Diese Sätze und überhaupt Therapie empfand ich erstmal als Zumutung. Anstrengend. Hab irgendwie durchgehalten. Und dann wollte ich gar nicht mehr aufhören. Spinne ich vielleicht?

Nicht mehr als alle anderen.

Ich hatte Glück im Unglück. Die Therapeutin war sehr klug, anpassungsfähig und hatte Humor. Und einen guten Geschmack, ein tolles Sofa, großzügige Räumlichkeiten und einen schönen Ausblick. Das sind rein theoretisch gute Vorraussetzungen, um in harten Zeiten nicht mutlos zu werden (oder durchzudrehen).

Zählen oder untergehen

Zählen hilft auch, um etwas zu bewältigen. Freitag früh im Taxi z.B., da hatte ich Glück und fast einen Unfall. Hab dabei stoisch geatmet und gezählt. Bremst aufkommende Panik. Das Gehirn kann nicht gleichzeitig Angst produzieren und bis 4 zählen. Hat mir meine Therapeutin beigebracht, famose Person.

Im März musste ich oft zählen, da hatte ich nämlich nicht nur Lockdown, Homeoffice, Pubertät am Start und Homeschooling, sondern plötzlich einen Tumor. Oh Gott. In der Tat. Die Zählweise ist 4:2:4:2. Einatmen bis 4 zählen, den Atem kurz anhalten dabei bis 2 zählen, wieder Ausatmen dabei bis 4 zählen, den Atem halten bis 2 zählen. Versucht es. Hab den Tumor erfolgreich angezählt und Chemotherapie überstanden.

Neben Zählen hilft noch was in Krisensituationen: sagen, was ist. Das fiel mir sehr schwer, weil wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der nur die Harten in den Garten kommen und in die Eigentumswohnung. Ich habe keine. Aber immerhin kein Corona. Eben.

Mist, Mist, Mist

Völlig unterschätztes Wort. Einsilbiger Frustabbau: niederschwellig und zuverlässig. Mist ist grundsätzlich ok. Er hilft beim Wachsen und klingt kultivierter als Scheisse. “Beschreiben Sie genauer wie Sie sich momentan fühlen”, hätte meine Therapeutin gesagt. “Ich wate streckenweise durch einen Fussballfeld großen Misthaufen in High Heels”.

Die hat es gut, seufzt Ihr, die hat einen Therapieplatz. Nein, die gute Frau ist seit 2 Jahren in Rente.

Wenn ich mich schlecht fühle, rufe ich mir nahestehende Menschen an. Früher hätte ich das nicht, weil “alles kein Problem, komme klar”. Bloss niemals Schwäche eingestehen, oder “Krise” sagen, weil das ist der Untergang deiner Selbstwirksamkeit.

Resilenz, ok, aber gehts auch ne Nummer kleiner?

Es ist eigentlich KEIN Lockdown bei Euch, bei uns war es richtig schlimm”, sagte eine Freundin aus Norditalien neulich mitfühlend. Dong, eingenordet in der Schrecklichkeitsskala, im unteren Mittelfeld. Die Menschen dort waren früher und schlimmer dran. Durfte keiner kurz raus aus der Wohnung.

Nur der hochbetagte Hund einer Nachbarin war frei, mit dem wollten plötzlich viele Gassi gehen. Mal vor die Tür – ohne wieder mit Klopapier zurückkommen zu müssen. Durch die zappelnde Hundeleine und lauwarme Kotbeutel kurz alles unter Kontrolle haben. Das Tier war nach dem Lockdown am Ende seiner Kräfte.

Und es ist nur ein Hund. Und er lebt immerhin in Italien.

Für alles (k-)eine Lösung:

Was ist mit den Menschen in dieser Situation? Es geht um individuelle Belastungsgrenzen, Existenzen, Schicksale. Ich weiß. Aber ist Pandemie. So vielen geht es schlecht: jemand ein Meme mit Mops parat?

Meine Freundin in Norditalien tickt auch so. Die hat beim ersten Lockdown lustige Bilder gepostet. Und gekocht. Und getrunken. Und die Kinder? Denkt eigentlich jemand an die Kinder. Die hat keine, aber eine Hausbar.

Alkohol ist keine Lösung. Ich weiss. Du weisst es. Die in Italien wissen es. Alle wissen es. Alle müssen durch den Lockdown. Ich darf übrigens gar nicht trinken. Dabei hätte ich heute morgen im Taxi schon Schnaps gebraucht, aus dem Flachmann – rein metaphorisch. Natürlich. Wie so ne Hollywood-Haudegen-Diva in einer Screwball Komödie: Drama. Zack, Kostümjacke auf, Schluck genommen, weiter im Text.

Wahrscheinlich schmeckt mir mein Lieblings Gin gar nicht mehr. Nach der Chemo mochte ich plötzlich keine Schokolade, keine Tomaten. Alles anders, Drama. Schon wieder.

Genau wie Freitagmorgen im Taxi.

Nur einfach mal nix ist auch gut

Ich saß auf der Rückbank, neben mir lautstark schweigend der morgenmuffelige Teenager. Ich musste zur Blutabnahme, er zur Schule. Unser Taxi wartete an der Ampel. Es wurde grün, ging aber trotzdem nix, da andere PKW sich nicht an Rot gehalten haben. Die Kreuzung war blockiert. Wahnsinn.

Die, die nicht durften, fuhren, die die durften auch. Das Taxi donnerte auf einen blauen Kombi zu. In dem Auto saß eine wütende Frau, die war bei Rot gefahren und brüllte ihren Zorn über sich und alles raus. Ich hörte nichts. Aber ich verstand sie trotzdem.

Im Krankenhaus hab ich Lippenlesen gelernt, weil niemand dort offen sagen will, was mit dir los ist. Die Frau im Kombi schleuderte ein Wort mit W in unsere Richtung. Oha. Der Taxifahrer antwortete mit empörtem Dauerhupen.

“Sie tippte sich an die Stirn. “Du hattest Rot Tussi”, entfuhr es mir fast. Ich verlor ganz offensichtlich die Kontrolle. “Du hast keine”, stichelte mein Hirn hämisch, “überhaupt nie und seit März sowieso nicht”. Ich jammerte laut: “Ich will doch nur zur Blutabnahme verdammte Axt”.

Für alles eine Lösung, ätsch doch nicht?

Der Taxifahrer hatte Verständnis für meine Lage, er trat das Gaspedal durch. Gleichzeitig raste ein Auto gegenüber los. Und die Tram kam. Ich schwitzte, der Teenager neben mir hingegen: völlig gechillt. Er hatte während der Fahrt die Augen zu, und hörte den Gangsta Rapper seines Vertrauens. Capital Bra nuschelte:

“Gib mir Tilidin, ja, ich könnte was gebrauchen
Wodka-E, um die Sorgen zu ersaufen”

Alter, es ist zu früh – für ihn und diesen ganzen Wahnsinn um mich. Ich habe gleich einen Unfall in einem Taxi mit Wunderbaum Vanille. Ich will nicht schon wieder ins Krankenhaus, ich will einfach mal nix. ZÄHLEN, DU MUSST ZÄHLEN SUSANNE. 1, 2, 3:

Knapp daneben, aber halt vorbei

Bei 4 rasten wir an der Tram vorbei, knapp am Kofferaum des Kombis, und dann war da noch ein LKW. Vielleicht auch nicht, ich hatte inzwischen die Augen zu, muss auch mal sein.

An der nächsten Ampel, war ich bei 99 angekommen, durchgeschwitzt, an einem Freitag vor 8 Uhr, irgendwo in Berlin, und der Lockdown hat nicht nicht mal angefangen. Aber ok ich lebe.

Was Ihr die nächsten Wochen machen könnt:

  • Schreddern: Unterlagen zu vernichten, ist ungefähr so entlastend wie mit Baseballschläger auf eine Wassermelone hauen.
  • Lego Sortieren: letztes Jahr gemacht, empfehle ich sehr. Kind schwelgte in Erinnerungen. Nach Farben und Themen haben wir geordnet und was nicht mehr gebraucht wird, wurde gespendet oder verkauft.
  • Online Kleidertausch Party: neue Klamotten sind auch eine Bewältigungsstrategie, ich tausche seit einigen Jahren mit Freundinnen. Geht auch per Video Call.
  • Plätzchen backen: fange dieses Jahr früher an mit Weihnachtsbäckerei, backe unter anderem 1 Tonne Nervenkekse nach Hildegard von Bingen (als ich dies schrieb hat der Backofen Betrieb eingestellt, auch durch).
  • Schlafen: Pandemie macht müde. Legt Euch hin. Winterschlaf machen bis März, in einer Höhle mit Aroma Diffuser und Fussbodenheizung, ist angesichts der Lage völlig ok.
  • Geführte Meditation, einfach mal bei YouTube gucken oder bei Apps.
  • Kontakt zu Menschen haben/halten. Damit meine ich nicht den Satz “melde dich wenn du was brauchst”, sondern virtuelle Lebenszeichen, die sind keine echte Berührung aber helfen. Oder mal wieder ein Brief, wie früher?

PS: Seid nachsichtig mit Euch. An die Eltern da draussen: wenn die Schule zu macht und Ihr nicht mit Homeschooling und Homeoffice klar kommt, dann ist das halt so. Sich permanent um andere kümmern in Zeiten der Unsicherheit und Belastung ist anstrengend. Und dann noch Homeoffice 8 h? Eben. Und wenn Ihr keine Kinder habt, nicht mal einen Goldfisch oder Zimmerpflanzen und platt seid: dann ist das halt so.

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Foto: René Löffler