Auf meinem Blog war es lange ruhig, weil ich in den letzten 12 Monaten viel unterwegs war. Zuletzt beim Adalovelace Festival.

Habe dort mit meiner Chefin zusammen einen Workshop über Remote Work und unsere Unternehmenskultur gehalten. Seit einem Jahr arbeite ich wieder in Vollzeit. Und bin total happy. Eyeo hat 42% Frauenanteil in Führungspositionen  – als Tech Unternehmen wohlgemerkt. Diese Zahl in Kombination mit der Branche löst meistens ehrfurchtsvolles Staunen aus, und denn Satz “bei uns wäre das unmöglich”.

Woran wir uns in Deutschland gewöhnt haben

Alles was von den üblichen Mehrheitsverhältnissen abweicht, auf hundert Männer im Anzug, vier Frauen im grauen Kostüm und ein leuchtender Merkel-Blazer, irritiert in Deutschland. Auch wenn sich die Dresscodes durch die Start-Up-Kultur ändern, wir eine Kanzlerin haben – und #Diversity der letzte HR-Schrei ist: 

Was den Anteil von Frauen in der Wirtschaft, insbesondere Führungspositionen oder Parität in Parlamenten, betrifft sind wir verglichen mit Schweden irgendwo in den frühen 80ern – TL:DR: da gab es noch nicht mal das Internet. 

„Die immer mit Schweden“, seufzen vielleicht jetzt einige, die hier schon öfter vorbeigeschaut haben? 

“Die sind halt einfach weiter”. In der Tat.

Schweden oder überhaupt Skandinavien hat Parität auf die Agenda gepackt, und systematisch durchgezogen, als Querschnittsaufgabe von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Wie weit wir hinterher hinken, realisierte ich heute wieder.

Am 15.11.1994 wurde Artikel 3 Abs. 2 des Grundgesetzes um einen Passus erweitert:

Artikel 3 Abs. 2 GG: „ Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Gleichstellung Theorie und Praxis

Vor ein paar Monaten saß ich in Helsinki werktags an einer Tramhaltestelle, bin lange nicht eingestiegen, hab nicht geträumt, sondern gezählt, wie viele Frauen am Steuer einer Tram sind.

Am nächsten Tag hab ich eine Tramfahrerin gefragt: „why do so many women work as tram drivers here in Helsinki?”

„Well, we just work“. Tja.

Drei Monate später fuhr ich wieder nach Finnland, diesmal in eine andere nicht ganz so große Stadt, und war endgültig fassungslos vor Begeisterung, weil da geht das auch, so viele Frauen, halt in Bussen, weil keine Tram. 

Und in den Vorstandsetagen der Verkehrsbetriebe ist das ebenso. 

Dreams are my reality.

Deutschland der Diversitäts-Dino

Wann immer hierzulande über verbindlichere Gleichstellungs-Maßnahmen wie z.B. eine Quote „nachgedacht“ wird, kommt sofort Gegenwehr: bitte nicht, dann geht es nicht mehr allein um Qualifikation und Kompetenz. Das sagen erstaunlicherweise oft Frauen.

Ich verstehe das nicht. Was soll uns denn passieren? Umgekehrt kein Thema. Seit der Jungsteinzeit oder so? Mich hat der öffentliche Nahverkehr in Finnland radikalisiert: bleibe unnachgiebig wie ein Mammutzahn, und zitiere aus meiner Lieblings-Studie zu diesem Thema:

 Männer, die trotz nur mittelmäßiger Qualifikation in Posten gelandet sind, werden durch die Frauenquote weniger. 

Kontrast.at, Kathrin Glösel
Veröffentlicht am 16. Oktober 2019

Aber die Quote wirkt doch gar nicht, murmeln jetzt vielleicht einige? Wie weit kommen wir denn damit? Ich verstehe nicht, warum Gleichstellung immer als nicht zu bewältigende Herausforderung betrachtet wird: das ist einfach der Ist-Zustand in einer gerechten Gesellschaft und nicht der BER. Ok, vielleicht in Deutschland, aber ehrlich gesagt: mit mir als Projektleiterin wären wir schon durch. Oder nehmt halt eine andere qualifizierte Frau. Gibt genug.

Das “it’s still a man’s world”- Schild am Eingang zur Arbeitswelt

Seit 20 Jahren bin ich im Berufsleben, und erlebe diese Monokultur und die Folgen. Neulich erst drückten zwei Männer ü 50 einer Frau u 30 beim Verlassen einer Veranstaltung ihre Namensschilder in die Hand, obwohl die dort genauso Gast war. Das war ein peinliches Versehen? Die stand halt ungünstig? Gut, dass die ihr Laptop nicht noch vor sich gehalten hat, weil da wären vielleicht auch Gläser gelandet. Ich könnte Geschichten erzählen.

Kann mir doch egal sein? Bin in diesen Verhältnissen vorangekommen. Ja, bei mir ging einiges. Wer ist nicht anfällig für Privilegien, hat z.B. nicht gern die Damentoilette exklusiv für sich? Oder Komplimente: “dass Sie das bis hierher geschafft haben, toll”. Aber irgendwann siehst du genauer hin, und hast Fragen, wie: warum putzt das Klo meistens eine Frau? Oder du brauchst einen Tampon. Oder eine Stilleinlage. Oder einen Wickeltisch? Und dann?

Müssen wir hier tatsächlich über Menstruation, Milcheinschuss und Toiletten sprechen? Es geht doch um Führungspositionen. 

Ja! Müssen wir. Und zwar viel öfter.

Ich möchte, dass das besser wird für viele, nicht nur für einige Frauen. Ich will Schlangen vorm Damenklo bei Tech Events, oder politischen Veranstaltungen, die nix mit Diversity, sondern mit Finanzen zu tun haben. Und richtige Unisex-Toiletten, und zwar ohne das obligatorische „Sie-sind hier-eigentlich-falsch-gute-Frau“-Becken als herzliches Willkommen hinter der Tür. 

Über das Potential von Unisex-Toiletten

Temporäre Unisex-Toiletten auf Events sind ein gutes Beispiel wie Diversity in Deutschland realisiert wird. Nachfolgend ein fiktiver Dialog, Planungsgespräch Veranstaltung „Endlich mehr Frauen“ mit Presse und Wirtschaftsvertreter*innen in einem Ministerium

Herr Dr. Müller-Friedrich  (56, Referatsleitung in Ministerium, verheiratet, 3 Kinder)

Frau Dr. Marie-Luise Schwartz“ (29, ledig, kinderlos, mehr Uni-Abschlüsse als Herr Müller-Friedrich, IQ von 145, erzählt sie nicht, weil das bedrohlich wirkt, seit 12 Monaten in der Abteilung, total motiviert, brennt für das Thema, deswegen hat sie sich freiwillig gemeldet, Orga zu übernehmen)

Dr. Müller-Friedrich: „ich hab mir was überlegt Fräulein Schwartz: wir machen ein Schild an das Herrenklo: Unisex – können wir das veranlassen?” 

Dr. Marie-Luise Schwartz: Sind Sie sicher, Herr Dr. Müller-Friedrich? 

M-F: Was meinen Sie Fräulein Schwartz?

Dr. M-L Schwartz: Aber in der Herrentoilette ist doch etwas sehr präsent Herr Müller-Friedrich, was wenn alle Herren wie sie es gewohnt sind ….

Herr M-F: Dann sollen die Frauen halt klopfen, oder die Augen zu machen. Einfach dran vorbeigehen. Oder die gehen dann halt wieder raus, und ins Damenklo.

Dr. M-L Schwartz: Aber wieso brauchen wir dann eine Unisex-Toilette Herr Dr. Müller-Friedrich.

M-F: Fräulein Schwartz, weil das total in ist, und die Presse das Schild sieht, und es twittern kann. 

Dr. M-L Schwartz heult innerlich laut auf, kündigt, geht in die Wirtschaft (ist dort erstmal zufrieden, bis das erste Kind kommt)

Best Practice diversity dysfunction 

In einer idealen Welt, wo Gleichstellungsbeauftragte im Vorruhestand sind, weil sie einfach nicht mehr gebraucht werden (oder im Plot einer Netflix-Serie, die ich sehr gerne schreiben würde) würde Frau Dr. Schwartz nicht gehen, sondern nachhaken (und dann befördert werden).

Auftritt Frau Dr. Marie-Luise Schwartz:

“Sind Sie schon mal mit geschlossenen Augen im Herrenklo navigiert Herr Müller-Friedrich? 

Falls Herr Dr. Müller-Friedrich das getan hat, ohne dass es Hindernisse gab, ist das noch lange kein Beweis. Für mich und Frau Dr. Schwartz, und alle, ich gebe wieder ab an Marie-Luise:

“Was wenn Sie den Minister stören, der hochsensibel ist?

“Das ist irrelevant Fräulein Schwartz, das mit den Schuhen ist ein Mythos, kein Mann in so einer Position jemals! Sensibel, lächerlich“

Was ich Herrn Dr. Müller-Friedrich trotzdem mitgebe, ist die folgende Frage: „Wie kommt Frau Dr. Schwartz auf Dauer zurecht in einer auf Männer zugeschnittenen Umgebung? Und finden wirklich alle Männer toll, wie das so ist, bzw. das System funktioniert? Welche Menschen schliesst das noch aus?

Wer wird wann und warum befördert in Deutschland? Wer setzt sich durch? Und was ist das überhaupt schon wieder für eine markige Formulierung?

Wer in Deutschland Karriere macht, und außen vor bleibt

Fachkräftemangel, zu wenig weibliche Führungskräfte. Ah ja.

“Das Mimimi kann ich nicht ernst nehmen”, hab ich kürzlich am Telefon gesagt. 

“Wie meinen Sie das?”, ertönte es irritiert.

“Das sind mehrheitlich hausgemachte Probleme. Das hat wenig mit Qualifikation oder Motivation zu tun, sondern mit NICHT inklusiven, patriarchalen Machtstrukturen, und Putzen, verdammte Axt“.

Wörtlich zitiert wurde der Satz nicht, weil das würde vielleicht den ein oder anderen vor den Kopf stoßen, meinte mein Gegenüber. Ich finde, dass durchaus mehr Bretter erschüttert werden sollten. Kürzlich hab ich wieder was gelesen auf Twitter, und gedacht: dass das eine/r denkt, schreibt und abschickt anno domini 2019? 

Auf die Nachfrage einer Frau an einen Veranstalter im HR-Bereich, warum es wieder ein all-male panel gibt, kam eine unfassbare Antwort. https://twitter.com/dieAnderl/status/1189291568131432448 . Mich hat der übrigens nicht gefragt, dabei hab einen sehr guten Vortrag zum Thema “unconscious bias“ drauf, u.a. trage ich einen Medusen-Haarreif und stelle eine Milchpumpe aufs Rednerpult (vielleicht zu progressiv?).

“Alter, der ist sowas von lost”, hat mein Nachwuchs die Aussage kommentiert, als ich sie am Küchentisch laut vorgelesen hab. Aber der ist damit weit gekommen, hab ich in dem Moment gedacht.

Alter, Kinder – gute Stichwörter, weil Teil des Problems

Warum muss ich mich im Jahr 2019 in Vorstellungsgesprächen noch auf Fragen nach meiner Familienplanung einstellen, bis ich in der Menopause bin? Oder überlegen, ob ich Elternzeit erwähne im Lebenslauf, weil mich das vielleicht schon in der ersten Runde des Bewerbungsprozesses raushaut, egal wie qualifiziert ich bin? 

Und: wie viele Frauen kommen nach der Elternzeit in die Nähe der Türklinke vom Vorzimmer der Chefetage in Deutschland? Ohne dass sie da ihren Mann abholen? Oder den Opa besuchen? Oder ist das doch der Papa, sorry, meine das nicht so böse wie es klingt, will sagen: die haben länger Zeit für Familienplanung. 

So viele Fragen, tja, bin gerade in Fahrt: niemals das Mikro abgeben als Frau hab ich neulich wieder gelernt auf Event, insofern, so not sorry, wird lang:

Wie viele weibliche Vorstände in Unternehmen gibt es in Deutschland, und welche Ressorts verantworten sie?  Und jetzt diese Zahlen bitte mit Schweden vergleichen. Da fällt mir nicht viel ein, ausser:

Mann, Mann, Mann:

Nach all der Zeit – immer noch, immerhin dürfen Frauen in Westdeutschland seit 1977 Erwerbsarbeit nachgehen ohne Erlaubnis ihres Gatten. 

In einem Interview mit Claudia Nemat, Vorständin bei der Telekom, habe ich den folgenden Satz gelesen: ”Dass das schwieriger ist als Mutter, weiß sie aus eigener Erfahrung, Nemat hat zwei Kinder. Hätte sie nach deren Geburt pausiert oder in Teilzeit gearbeitet, wäre ihre Karriere so nicht möglich gewesen, sagte sie einmal in einem Interview. Dann würde sie also heute vermutlich nicht als einzige Frau im siebenköpfigen Vorstand der Telekom sitzen und vielleicht eines Tages Geschichte schreiben als erste Frau an der Spitze eines der wichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen”

FAZ NET FRAUEN DER TECH-BRANCHE: Die Zukunftsmanagerin von -AKTUALISIERT AM 20.10.2019

Das macht mich traurig, weil diese Aussage einen Glaubenssatz manifestiert, oder besser betoniert: lückenlose Anwesenheit und ständige Verfügbarkeit sind Voraussetzungen für Beförderung. Vereinbarkeit gibt es für Führungskräfte nicht. Ich rege mich heute noch auf, wie auf Sigmar Gabriel eingebasht wurde, weil der einmal in der Woche zuhause gearbeitet hat, am Nachmittag, weil seine Frau, eine Zahnärztin, dann in der Praxis war. Der ist weder im Regierungsflieger ins Legoland gejettet mit seiner Tochter, noch hat der damals Antrag auf Job Sharing gestellt mit Manuela Schwesig.

Wie Führungskräfte von Familie beflügelt werden (können)

Erhellend in diesem Zusammenhang: die Studie zum Thema „Arbeit und Familie – Lebensmuster von Führungskräften“, die belegt, “dass die befragten Führungskräfte unter der Woche sehr wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen und die Aufteilung von Zuständigkeiten innerhalb der Familie traditionellen Rollenmustern folgt. Dennoch fühlen sie sich durch ihr Familienleben in ihrer Arbeit beflügelt“ („dennoch“ – Kreisch, sorry, kurzer Heiterkeitsausbruch der Verfasserin).

Wirtschaftspsychologie aktuell 12. Juni 2017 Prof. Dr. Regine Graml

Da staunt auch die Studienleiterin nicht schlecht:

“Obwohl die Führungskräfte wenig Zeit mit ihren Kindern an Wochentagen verbringen, empfinden sie, dass sie egalitär Verantwortung in der Kindererziehung übernehmen. Dies weist auf ein starkes familiäres ‚Involvement‘, also eine empfundene Beteiligung der Führungskräfte, hin“, so Prof. Dr. Regine Graml, Wirtschaftspsychologie aktuell, 2017 

Wirtschaftspsychologie aktuell, 12.Juni 2017 Prof. Dr. Regine Graml

Ja, das gibt es. Sätze wie „Einschulung? Muss das sein, ich delegiere das an meine Frau“ sind leider keine Satire, sondern für viele Menschen mit Kindern, bittere Realität. Vielleicht haben Unternehmen kein Handlungsdefizit, was Frauen in Führungspositionen angeht, weil Programme und Quoten, doch es gibt ein Erkenntnisproblem wenn es um Frauen und Führung oder überhaupt Frauen und Erwerbsarbeit in Deutschland geht.

It’s about Care, it’s about privilege, it’s about time.

Die ungleich verteilten Macht- und Einkommensverhältnisse resultieren aus ungleich verteilter Care Arbeit und deren mangelnder Wertschätzung in der Gesellschaft. Mich wundert es überhaupt nicht, dass viele Unternehmen beim Thema “mehr Frauen” scheitern. Obwohl sie dafür “viel” tun, es ändert eben nichts an den politischen Rahmenbedingungen, gesellschaftlichen Realitäten oder Normen, die ungleiche Verhältnisse bedingen. 

Strukturelle Diskriminierung made in Germany

Seit 1958 gibt es z.B. das Ehegattensplitting, aka die dekorative Haushalts-Fußfessel. Immer wieder rechnen Expert*innen vor, warum gerade die besonders hinderlich ist für Parität oder Vermögensbildung von Frauen. Keine*r traut sich da bisher ran, weil die Ehe im Grundgesetz besonders geschützt ist. Da hat irgendein katholischer Kardinal für gesorgt. Dass deswegen alle anderen Familienformen oder Ehefrauen finanzielle Nachteile haben sollen, wenn sie keine mehr sind, oder Frauen, weil sie nie welche waren, davon steht da aber nichts. Ein Kollege, der bisher in Schweden gelebt hat, und kürzlich zum ersten Mal mit deutschem Steuerrecht konfrontiert wurde, fasst das mal zusammen:

 “Seriously, we have more money because my wife earns less, and because we don’t have kids, what’s going on here?”

Büro, an einem sonnigen Vormittag, November 2020.

Der ist so nett, deshalb habe ich ihm nicht erzählt, wie das dann ist, wenn er Vater wird, wobei er im Unternehmen keine Hindernisse zu erwarten hat. 

Die Absetzbarkeit der Kosten für Kinderbetreuung ist ein Witz. Meine Dienstreisen sind ein kostspieliges Hobby, wenn es nach geltendem Steuerrecht geht, weil mein Kind ist schon in der Schule und hat ja mich. 

Gleichzeitig ist Vollzeitjob beider Eltern die angestrebte politische Antwort auf alles, auch Erwerbsarmut von Frauen. Apropos: wenn in der Schule was ist, wird in 9 von 10 Fällen die Mutter angerufen. Und wie steht es um Verfügbarkeit von flächendeckender, guter, bezahlbarer Kinderbetreuung nach dem Mittagessen außerhalb Berlins (und gibts auf dem Land Internet, sorry falscher Rant). 

Eine gute Backmischung ist nur eine kurzfristige Lösung

Ich hab mal auf die Frage: können die Kinder nicht die Hausaufgaben im Hort machen, gehört: “das ist nicht vorgesehen, sie arbeiten zu viel”. Ich hatte keinen Aufsichtsratsposten, oder lebte in einem dunklen Tal im Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden, sondern war eine Mutter mit mehr als 20 h Erwerbsarbeit – in Prenzlauer Berg, Berlin, Germany, a.d. 2015. Hab das Kind u.a. deshalb aus der öffentlichen Schule genommen, ist jetzt in privater Ganztagsschule, von den Kosten kann ich einen geringen Teil absetzen, obwohl die mir 100% Stelle ermöglicht, und Hauch einer Chance, meine Rentenlücke zu schließen. Last but not least: dass Hunderttausende Kita Plätze fehlen war schon bei Einführung des Elterngelds bekannt. 

Schlepp das mal alles nach oben in die Chefetage. Ja, manche Frauen schaffen es trotzdem, backen dabei glutenfreie (Fertig-)Muffins für den Schulbasar, gehen zum Yoga, Waxing, schreiben eine Doktorarbeit, veranlassen die Abholung der Hemden ihres Gatten durch die Zugehfrau per Smartphone, haben gar keinen Partner, aber Immobilien geerbt, und sprechen abends pro bono zum Thema Diversity, weil wir wollen endlich 50% vom Kuchen. 

Aber die Mehrheit der Frauen kann das eben nicht, weder essen, noch verdauen, weil sie bestimmte Privilegien oder Möglichkeiten NICHT haben, wie überhaupt Geld. Das hat nichts mit Wollen oder persönlicher Einstellung zu tun, sondern mit struktureller Diskriminierung. 

Selfcare, Wollen, Krümel – die Wahrheit über Macht und Kuchen

Bevor gerecht aufgeteilt werden kann, müssen wir erstmal aus den “Krümeln” die Frauen zur Verfügung haben, eine Masse machen. Das geht nicht ohne Sahne oder andere Hilfsmittel, weil wie soll das halten? Und: wer hat überhaupt Platz am Tisch und kommt an die Teller? 

Es ist angesichts dieser Ausgangslage nahezu grotesk, zu glauben, Parität ergibt sich aus einer gerechten Verteilung von Führungspositionen, weil wird großzügig nach unten durchgereicht. “Lean in” ist kein Konzept, sondern ein Privileg. Daher hier nochmal freundlich, bestimmt und zum Mitschreiben:

Der Maßstab für Realisierung von Gleichstellung in Deutschland ist nicht die weibliche Führungskraft, das sind die Frauen, die am weitesten von einem selbstbestimmten Leben entfernt sind. 

Dass z.B. Maßnahmen, die viele Frauen entlasten – wie gute, öffentliche Kinderbetreuung – in Legislaturperioden gedacht werden oder wieder mal neu diskutiert ist ein großes Problem. Je nach Regierungspartei und Stimmungslage ist Kinderbetreuung in Deutschland Gleichberechtigungs-Goodie, Mobilisierungs-Maßnahme für Erwerbstätige oder “Fremd”-Betreuungs-Aufreger. Diese Diskussion ist obsolet, sie wird der Bedeutung von Care nicht gerecht.

Über die Bedeutung von Sorge für Menschen und Märkte

Ich zitiere aus einem Dossier des Gunda Werner Instituts, Christa Wichterich schreibt:

“Kapitalistische Wertschöpfung ruht förmlich auf einem Polster von überwiegend unbezahlter und von Frauen geleisteter Sorgearbeit und von sozialen Sicherungs- und Reproduktionsnetzen. Ebenso ist sie existentiell abhängig von selbstregenerativen Kräften der Natur, deren Ressourcen sie unentwegt ausbeutet. Aus der Perspektive dieser Spaltung, die die neoklassische Ökonomie festschreibt, gelten Kinderbetreuung und der Wasserkreislauf der Natur gleichermaßen als außerökonomisch und nicht wertschöpfend.” 


Dossier Gunda Werner Institut, darin: Sorge, Marktökonomie und Geschlechtergerechtigkeit – das
Vereinbarkeitsproblem der Politik
Christa Wichterich

Komischerweise verdient ein sehr großer Konzern mit Abfüllen von Wasser in einem französischen Dorf und Afrika so viel, dass die dort bald keins mehr haben. Läuft für den. Und er ist nicht allein: wieso kann ein privater Investor mit dem Bau von Kitas, Altenheimen oder Schulen viel Gewinn machen, weil Kommunen kein Budget haben? Trotz Rekord Haushaltsüberschuss? Und Sorgende verdienen wenig bis nichts, weil sie keine Betreuungsmöglichkeit haben und/oder im Niedriglohnsektor hängen? Was ist der Stundenlohn von Erzieher*innen und Pfleger*innen? Wie viele Migrantinnen übernehmen Sorgearbeit anderer Frauen ohne soziale Absicherung? Was ist hier eigentlich los? Das ist doch kein privates Vereinbarkeits- Dilemma, das hat System und Folgen.

Stop fixing the women, fix the system

Und wer jetzt sagt, das mit der Sorgearbeit kann gar nicht das Hauptproblem sein, weil es gibt genug Frauen ohne Kinder. Wo bitte sind die? In Deutschlands Chefetagen offensichtlich nicht. Ausser halt nach 20 Uhr, wenn die Putzkolonne kommt, da ist der Frauenanteil wieder recht hoch. 

“Räum bloss nicht immer die Spülmaschine ein” war der beste Karriere-Tipp, den ich je bekommen habe. Geb ich hier gern weiter. Hätte da früher eher mit Unverständnis reagiert, weil mich schmutziges Geschirr mehr getriggert hat, als der unverhältnismäßig hohe Anteil von Frauen an unbezahlter, unsichtbarer Arbeit. Oder der „mental load“. Ich wusste auch gar nicht, was das ist, an dieser Stelle empfehle ich den Text von Patricia Cammarata zu diesem Thema.

Selbst Doppelverdienerhaushalte mit gleicher Erwerbs Stundenzahl teilen die Hausarbeit nicht partnerschaftlich. Erhellend zu diesem Thema die OECD Studie “Dare to Share”. Die bestätigt das “Doing Gender”-Argument: Frauen und Männer halten gesellschaftliche Geschlechternormen ein, denen zufolge Frauen traditionelle “Frauen”-aufgaben übernehmen wie Hausarbeit und Kindererziehung, und die Männer traditionelle “Männer”-tätigkeiten ausüben, wie Mammutjagd Erwerbstätigkeit.

Letzte Woche wurde ich von der Agentur eines Küchenrollenherstellers gestalkt. Sollte auf dem Blog “hochwertigen” Content veröffentlichen, als Beispiel erhielt ich einen Link, der führte zu einem Artikel über partnerschaftliche Aufgabenteilung im Haushalt:

“Bei manchen Aufgaben macht es auch Sinn, sie nach Fähigkeiten aufzuteilen. Wenn Er zum Bespiel absolut nicht bügeln kann, erledigt Sie das besser selbst. Umgekehrt eignet sich eine Männerhand oft besser für andere Arbeiten wie Getränkekisten schleppen oder den verstopften Abfluss reinigen”

https://familista.de/haushalt/aufgabenteilung-im-haushalt-so-klappts-ohne-stress/

An dieser Stelle grüße ich meinen Freund Gøran in Norwegen, der Hände hat wie Helikopter-Rotorblätter, Hubschrauberpiloten ausbildet, Hobbytischler ist und wie die Mehrheit der Männer dort 50% aller Aufgaben im Haushalt übernimmt, auch Bügeln. Und meine Chefin, möchte ich grüßen, mir der ich mich immer über Dichtungsprobleme austauschen kann.

Wieso ich mich über genderneutrale Kindergärten freue

Mädchen bekommen mehrheitlich die Puppen, die Jungs die Autos. Wehe es ist umgekehrt, oder es wird positiv über genderneutrale Kindergärten in Schweden berichtet. 

Wer im Jahr 2019 etwas gegen freie Wahl der Spielzeuge hat, weil darum geht es eigentlich, hat viel bis nichts verstanden.

Was diese traditionelle Rollenzuschreibung mit unserer Gesellschaft und Arbeitswelt macht, und für wen sich das rechnet, das hab ich lange weder bemerkt noch hinterfragt. Allerdings hätte ich die Zeichen sehen können (oder mal mit meiner Mutter sprechen?).

Ich hab als Projektleiterin mit Kollegen auf einer Veranstaltung gearbeitet, mehrere Gäste hatten Schnee am Schuh, und verwandelten den Marmorboden um sich herum in eine Eislaufbahn, auf der die anwesende Presse schon Pirouetten drehte. Putzfrau hatte schon Feierabend, aber der Wagen mit dem Schrubber war noch da. Alle Blicke richteten sich auf mich. Fragend. Wartend, weil sind unsere Kunden, keiner könne mit dem Gerät umgehen, aber ich als Mutter habe ja bestimmt schon mal?

Danach hab ich gedacht: warum hab ich das nur gemacht? Warum bin ich nicht ans Telefon („Sorry, Kanzleramt, muss leider ran, ihr schafft das”)

Warum James Bond an die Spülmaschine muss 

Inzwischen arbeite ich in einem Unternehmen, wo das sehr anders ist, und behaupte, dass das ein entscheidender Grund ist, warum dort 42% Frauen in Führungspositionen arbeiten. 

Ja, gibt Hoffnungsschimmer, weil Role Models: James Bond hat mittlerweile eine Chefin. Wobei ist Judie Dench nicht seit kurzem ersetzt durch Ralph Fiennes? Machen die vielleicht noch was draus im nächsten Film? Neuer M leitet MI 6 in Teilzeit, arbeitet remote, brieft Bond über Hand-Mund-Fuß Krankheit als bislang unterschätzte Bedrohungslage. Oder James verabschiedet sich in der nächsten Folge, weil geht 12 Monate in Elternzeit? Mal sehen, immerhin eine Frau im fünfköpfigen Drehbuchautor*innen- Team: “sowie Phoebe Waller-Bridge” – long live the monoculture. Alter. Schweife wieder ab, zurück ins hier und jetzt.

Diversität in Theorie und Praxis

Die Führungskraft von heute kann anders, fährt beim Incentive mit dem Team im rosa Tütu auf dem Segway durch Weinberge im Elsass (hab ich im Feed auf LinkedIn gesehen). Was wäre, wenn eine weibliche Führungskraft in dem Outfit, als Sarah Jessica Parker-Reminiszenz, durchs Headquarter läuft an einem Montag? Ist das akzeptiert im Unternehmen, oder nimmt die keiner ernst, weil die das trägt, und auch sonst kein harter Hund ist? 

Unternehmen, die Frauenmangel beklagen, sollten sich fragen: sind wir wirklich bereit für Vielfalt und Parität? Oder hält sich bei uns stereotyper Schimmel oder sonst was Unangenehmes? 

Strukturelle Diskriminierung vielleicht? Sehr unerquicklich. So wie Hand-Mund-Fuß, Läuse und Borkenflechte zusammen. Dauert bis das erkannt wird. Wird auch gern geleugnet: “das ist trockene Kopfhaut, was noch nie gehört, BORKENFLECHTE, das ist doch so ein Internet Mythos?”

Wenn du das aber einmal erlebt hast, kennst du das Problem, vergisst du nie.

Apropos: ich kenne einen Mann, der wollte den gleichen Anteil von Care Arbeit leisten, und dachte: “kein Problem, bin schon so weit oben, und wir sind mittlerweile so fortschrittlich”. TL:DR: er hat das Unternehmen frustriert verlassen, weil weder Unterstützung noch Verständnis vorhanden. Er ist nach Skandinavien, hat dort wieder Führungsposition übernommen, da staunen alle über unsere Verhältnisse und verstehen das Problem nicht: 

“In Schweden bist du ein schlechter Manager, wenn du es nicht schaffst, dein Kind nachmittags von der Kita abzuholen, in Deutschland ist es umgekehrt”. 

Lass ich mal so stehen.

PS: ich hab tatsächlich nur einmal Patriarchat geschrieben (ist immer mitgemeint).

2. PS: Natürlich können Frauen keine Karriere machen, wenn SIE das wollen.

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