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Die innenpolitische Atombombe: wie soziales Abrüsten die Zukunft bedroht

Wenn Erwachsene an ihre Kindheit zurückdenken, dann erinnern sie sich hoffentlich an warme Sommertage, an denen sie mit anderen zusammen atemlos über endlose Wiesen gerannt sind, auf Bäume geklettert, oder mit dem Rad halsbrecherisch Hügel heruntergerast sind.

Geborgen und frei in einer ihnen zugewandten, freundlichen Umgebung. Manchmal halt mit Gipsbein und Schramme, weil es Stürze gab.

Ein Sturz im Leben ist eigentlich kein Beinbruch:

Ich kann mich aber genauso an Tage erinnern, die ich im Zimmer verbracht habe, ausgesperrt von dem freudigen Lärm draußen auf der Straße – mit dem unschönen Gefühl nichts wert zu sein und nirgendwo dazuzugehören. Wütend auf das Leben und mich.

Meine Kindheit ist bestimmt von zwei Gefühlszuständen: der Wärme und der Wut. Die ersten 10 Jahre herrschten Unbekümmertheit und Freude, ich hatte ständig was in Gips, weil ich wieder mal selig von einem Baum fiel. Nach dem 5. Gipsbein hatte ich allerdings richtig Pech: mein Vater hat meine Familie verlassen und viele Jahre keinen Unterhalt bezahlt.

Man kann nicht sagen, dass das spurlos an unserer Familie vorübergegangen ist.

Warum ich einem Rentner ein Kaugummi an die Garage klebte:

Wir zogen in einen Nachbarort – in ein Haus mit ganz viel gruseligen Tannen im Garten. Unser Vermieter war ein vermögender Rentner, der gleich nebenan wohnte, und über den Zaun motzte. Alle Beschwerden über uns schloss er mit dem Satz: “Aber es ist ja kein Wunder bei den Verhältnissen”.

Damit meinte er den Umstand, dass meine Mutter halbtags arbeitete, kein Mann mit im Haus war, und wir bei jemandem zur Miete wohnten. Das reichte Anfang der 80er in der westdeutschen Provinz schon für gesellschaftliche Abwertung. Als dann meine Mutter noch eine romantische Wildblumenwiese wuchern ließ, waren wir bei ihm endgültig unten durch. Da nutzte auch unsere Bildung nix.

Ich ging inzwischen in der nahen Mittelstadt aufs Gymnasium, und versuchte zu funktionieren. Unserem Vermieter warf ich fette Weinbergschnecken über den Zaun ins Salatbeet. Irgendwann zogen wir wieder um in eine Wohnung mit Balkon. Wenn ich später einmal genug Geld hätte, so schwor ich, würde ich zurückkehren, das verdammte Haus mieten, und ein Heim für ledige junge Mütter, darin eröffnen. Ich hinterließ unserem Ex-Vermieter ein Kaugummi an seiner Garage (und etwas das eigentlich ins Taschentuch gehört).

Häufige Schwimmbadbesuche sind keine Chancengleichheit:

In den Sommerferien nach dem Umzug fuhren wir jeden Tag ins Schwimmbad. Wir hatten eine riesige Kühltasche mit. Am Kiosk gab es trotzdem immer eine Leckmuschel, ein Eis und so ein komisches Schaumgummizeug mit Kokosraspeln, dass im Mund immer mehr wurde – das gehörte zum gelungenen Schwimmbadbesuch halt dazu. Meine Mutter machte das alles möglich.

Wir blieben in diesem Sommer öfter mit dem Auto liegen, und ich hoffte inständig, dass das bloß keiner sieht, der mich aus der Schule kennt. Meine Mutter tankte grundsätzlich immer für 10 Mark in dieser Zeit. Damit kam man damals noch relativ weit.

Ich fühlte mich trotzdem abgehängt, z.B. am ersten Schultag nach den Ferien, wenn alle von ihren Auslandsurlauben berichteten. Ich verbrachte die 5. Klasse unter die Tischkante.

Was ein Barmann mit meinem Tanzstil zu tun hat:

Dieses Gefühl nicht dazuzugehören, änderte sich erst, als ich Kontakt zu einer französischen Familie bekam, und fortan jeden Sommer nach Südfrankreich fuhr. Allein mit dem Zug. Mit 12. Die Ferien konnte keiner überbieten. Mit den Jahren wuchsen die Ausgaben und ich. Ich ging jedes Wochenende in die einzige coolste Disco in der größten Stadt, weil meine Freundinnen ein eigenes Auto hatten – und ich 10 Mark.

Als ich irgendwann von einem Barkeeper als “cool” bezeichnet wurde, fortan Freigetränke bekam, war das für mich wie ein Sechster im Daseinslotto. Mein Zehnmarkschein Mark fühlte sich an wie ein Hunderter. Ich gehörte wieder dazu. Das hatte positive Auswirkungen auf meine Aura und mein Tanzverhalten (während ich dies schreibe habe ich übrigens the KLF im Ohr, bevor sie mit Platzpatronen beim BRIT-Award 1992 in die Zuschauermenge schossen, und auf der Aftershowparty einen Schafskadaver hinterließen).

Warum Kinder ihrem Klapperstorch ins Ohr flüstern müssten:

Ich machte brav Abitur, wurde erwachsen und konnte mir ein eigenes Leben aufbauen. Wenn ich allerdings noch mal von vorn starten könnte, würde ich dem Storch aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen im Erwerbsleben folgende Koordinaten durchgeben:

Bitte das abbezahlte Eigenheim eines überversicherten, verbeamteten Oberstudienrates mit unterdurchschnittlich entwickeltem Geschlechtstrieb und seiner Frau, deren Eltern ihr als sie 18 wurde, das Vermögen der Industriellen-Großeltern, in einem klug gemischten Aktiendepot angelegt haben. Garten brauch ich nicht unbedingt.

Ja, das würde ich bestellen. Und Gesundheit. Trotzdem will ich meine Kindheit nicht missen. Aber ich habe keinen finanziellen Airbag von meinen Eltern mitbekommen. Das ist ein Nachteil, da Erwerbsbiografien heute nicht mehr lückenlos und stringent sind. Fast 35 Millionen Deutsche müssen ihr monatliches Einkommen komplett für ihren Lebensunterhalt ausgeben. Das Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft, allen BürgerInnen ein eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen, ist illusorisch. Vor allem für Menschen mit Kindern.

Die Zukunftsaussichten in Zeiten des Wachstums:

Gestern hab ich in einem Interview gelesen, worauf wir alle zusteuern: “die jetzige Kindergeneration wird im Erwachsenenalter nicht nur für ihre eigenen Kinder und all die vielen Rentner aufkommen müssen, sondern auch noch für circa ein Viertel ihrer Generation, die Leistungsempfänger sein werden. Das ist eine ökonomische und soziale Katastrophe” stellte der Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers in einem Interview der RP Online fest.

Vor diesen Zukunftsaussichten fürchtet sich in Deutschland vor allem der Mittelstand  – ob zurecht oder nicht, ist dabei unwesentlich. Selbst wenn das ein Oberstudienrat behauptet, vergisst man etwas Entscheidendes: die vom Abstieg betroffenen Nichtwähler. Menschen, die trotz Arbeit nicht genug Geld haben “leiden” nicht an Politikverdrossenheit, die sind nicht nachhaltig integriert in Wohlstand und Teilhabe. 

Was uns droht, wenn die “Richtigen” zusammenkommen:

Wer weiß wie die Atombombe funktioniert ist innenpolitisch zurzeit klar im Vorteil: Wenn aus der unkritischen eine kritische Masse wird, lösen die Elemente eine Kettenreaktion aus und die Kernspaltung beginnt. Das funktioniert z.B. mithilfe eines AfD TNT-Sprengkopfs hinter einem Uranstück – innerhalb eines Stahlmantels wird dieses auf das andere Uranstück geschossen. Dabei werden ungeheure Energiemengen freigesetzt, die sich in einer Explosion entladen (oder an der Wahlurne).

Die Wohlstandsphobiker und die Abgehängten kommen sich gefährlich nahe: in den sozialen Netzwerken, auf der Straße, und auf politischen Veranstaltungen, wo wütende Männer mit seltsamen Krawatten ihnen erzählen, wer daran schuld ist, dass es ihnen so schlecht geht. Manchmal brüllen auch Frauen. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer sagt: “Die AfD verheißt denen, die ein Gefühl der Ohnmacht haben, dass sie wieder die Kontrolle zurückbekommen.”

Eine kurze Geschichte über Wohlstand und Wut:

Das viel gescholtene soziale Netz vor ALG 2 war niemals eine Hängematte. Auch nicht in unserer Leistungsgesellschaft. Es war eine Schutzzone. Es hat nicht massenhaft Sozialschmarotzer und Unproduktivität gefördert, sondern sozialen Frieden. Vielleicht war es reformbedürftig, ja, aber ALG 2 ist kein echter Fortschritt, eher eine bleischwere Decke, die sich über Betroffene legt, sogar über welche mit Arbeit. Und es ist ein Milliardengeschäft.

Mit negativen Auswirkungen auf viele Kinder. Das wird gern bestritten. Immer wieder lese ich Kommentare wie: “wir hatten auch nichts und waren glücklich, das härtet ab.” Wer es aus eigener Kraft raus bzw. nach oben geschafft hat, der vergisst gern, wie es da unten war, weil Verzicht als Kind sehr weht tut.

Warum die Sozialpolitik der neue rote Knopf ist:

In den letzten Jahren ist etwas geschehen. Unbemerkt haben wir eine innenpolitische Atombombe geschaffen.

Man hätte das alles kommen sehen müssen, so wie ich das mit der Kugel Eis, die langsam aber sicher auf den Rasen zu rutschte, weil ich gleichzeitig an der Leckmuschel hing mit der Zunge, damals im Schwimmbad. Die Frau vom Kiosk hat mir dann noch eine zweite Kugel geschenkt, statt zu sagen “Pech selbst schuld”. Heute hören Kinder eher Letzteres. Und Eltern auch. Alle hören es – von irgendjemandem, dem es besser geht.

Ich zitiere noch mal den Soziologen Wilhelm Heitmeyer: “Die Solidargemeinschaft, wie es sie in den 1990er Jahren noch gab, erodiert unter dem massiven Druck der Durchsetzungs- und Konkurrenzlogik des Kapitals, dem die herrschende Politik folgt. Wenn dann Teile der Politik gleichzeitig vom gesellschaftlichen “Zusammenhalt” reden, dann ist das bloße Ideologie und Ablenkung.”

Was die GroKo an Ergebnissen bringt – oder eher nicht:

Die Verhandlungsergebnisse der GroKo sehe ich mit Sorge. Ohne wirkliche soziale Reformen, die unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen, und uns vorbereiten auf die Veränderungen, die uns durch die Digitalisierung, Globalisierung und den demografischen Wandel bevorstehen, machen wir den Weg weiter frei für die AfD – und alle, die danach kommen. Wir verspielen die Zukunft.

Das wäre ein guter Abschluss, aber da das mein Blog ist, und ich weiß, wie es ist, sich ungehört zu fühlen, und hier machen kann, was ich will, habe ich das letzte Wort. Sorry.

Wenn ich im flotten Kostüm eine Pressekonferenz geben würde, nachdem ich eine Bundestagswahl gewonnen habe, würde ich Folgendes verkünden:

Wir starten neu.

Wir haben verstanden, dass es Zeit ist, mutige Wege in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu gehen. Weiter zu denken. Umzugestalten.

Wir haben fast zu lange gewartet. Damit ist Schluss. Nicht alle Menschen hatten gleiche Chancen oder haben bekommen, was nötig war, um ein gutes Leben zu führen. Das hat uns weit auseinander getrieben. Das werden wir ändern.

Wir übernehmen Verantwortung aus den besten Gründen: einer guten Zukunft für uns und unsere Kinder. Jetzt und hier.

Ab heute heißt es mehr für alle zusammen in diesem Land.

Das wird Mut brauchen und Kraft kosten – und Investitionen erfordern. Alles, was wir dafür brauchen, ist vorhanden. Wir müssen nur vorwärtsgehen. Und machen.

Ich freue mich auf diese spannende Zeit und Aufgabe.

Ach und noch etwas ist mir wichtig: es wird keine Kindergelderhöhung geben, sondern eine völlig neue Familienpolitik. Ich schwöre, so wahr mir meine Mutter helfe!

Und dann würde mein Kind von hinten brüllen: Du hast die Kindergrundsicherung vergessen Mama, und die Rentenerhöhung für meine Oma.

PS:

Eigentlich wollte ich einen Link zu einem PayPal Konto einfügen, damit ich wieder vorsorgen kann. Aber in Zeiten der Entsolidarisierung, und im Hinblick auf das Finanzamt, ist das keine gute Option.

Ich suche eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit im Bereich Kommunikation/PR/Event.

 

PPS: die letzte echte Steuerreform gab es übrigens bevor der Mann mit dem Bärtchen und der durchdringenden Stimme Deutschland die Autobahnen gebracht hat. Noch so eine Baustelle. Just saying.

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