notyetaguru.com

rein theoretisch ist alles gut

Die bessere Hälfte: wen man an Silvester und 2018 braucht

Der Silvesterabend war für mich lange Zeit schwierig. Um kurz vor Mitternacht, wenn das neue Jahr das alte Jahr zärtlich auf die Schulter klopft, und alle anwesenden Gäste panisch ihr passendes Gegenstück suchen, um sich gegenseitig ganz viel Glück auf die Lippen zu pressen, wollte ich wahlweise verschwinden, mich vom Balkon stürzen oder für immer im Klo einschließen.

Seit einigen Jahren fällt mir Silvester sehr viel leichter. Sogar in großer feucht-fröhlicher-80%-Paare-und-alle-so-glücklich-Runde. Ich habe nämlich etwas aufgegeben:

Den Anspruch mit einem bestimmten Menschen zusammen vollständig zu sein – vor allem an hohen Feier-und Festtagen.

Dass ein Gefühl von Ganzheit vor allem mit uns selbst zu tun hat, wissen einige: die Glückskinder unter uns, die mit dieser Erkenntnis aus der Fruchtblase geplatzt sind – und kluge alte Seelen, die zum wiederholten Male wegen schlechtem Karma auf diesen Planeten geschossen wurden, ahnen es zumindest. Die meisten Menschen müssen die eigene Vollständigkeit fühlen lernen. Das ist verdammt schwer. Ich z.B. hab es anscheinend richtig krachen lassen in meinem letzten Leben?

Vielleicht war ich eine ständig verpartnerte exzessiv in Eselsmilch badende ägyptische Prinzessin mit Katzenhaarallergie, deren Narzissmus mindestens drei Pharaonen in den Sarkophag gebracht hat? Wie auch immer:

Silvester war ich nicht in der Wanne, sondern bei Freunden auf einer Tango-Party. Bis zuletzt wusste ich nicht, ob ich überhaupt ausgehen soll. Das merkte ich daran, dass ich mich 10 Mal umzog, meine Haare doof fand, den Hauch eines Pickels wahrnahm am Kinn. Eine Stimme in mir versaute mir die Vorfreude.

Frauen kennen das gut, wir sind nämlich gar nicht so allein, wie wir glauben. Irgendwo gleich hinterm Zwerchfell wartet einer: der gute alte Selbstzweifel. Meiner ist ganz besonders hartnäckig, der hat mich schon im Kinderballett genervt, und davon abgehalten, als Dornröschen durchzustarten, der war mit auf dem Abiball etc. etc. (sogar bis nach Paris ist er mir hinterher gereist). Der kommt leider überall mit und durch.

Die Taktik, diesen ungebetenen Gast zu ignorieren, oder in den Kleiderschrank zu sperren, funktioniert nämlich nicht.

Ein praktisches Beispiel: selbst wenn du dich in ein Kleid wirfst, das so spektakulär ist, dass schwarze Limousinen für dich bremsen, weil die Fahrer dich von hinten sehen, und denken, du bist die Schauspielerin von schräg gegenüber, die sie zur Gala bringen sollen, auf der du leider arbeiten musst.

Du fühlst dich weder geschmeichelt noch bestätigt, du denkst: Oh Gott mein Hintern ist bestimmt zu dick, und dann schrumpfst du in der Klamotte, die über deinem Kopf zusammenfällt. 

Was also tun? Zuhause bleiben? Ja warum nicht. Wenn es geht, dann bleibt man halt Silvester allein auf der Couch.

Hab ich schon gemacht. Ich hab mich auf den Selbstzweifel gelegt, und ganz viel gegessen, damit er richtig schön platt ist. Leider fühlte ich mich auch so am nächsten Tag. Nachhaltig und hilfreich ist das nicht.

Mittlerweile hab ich ein Hobby, dass mich dazu bringt mehr auszugehen, und mich mehr zu bewegen. Wenn du Tango tanzt und weißt, dass am anderen Ende der Stadt, ein Raum voller guter Tänzer wartet, dann ist auf dem Sofa liegen zum Glück keine Option. Dann hilft stattdessen: sich mit dem Selbstzweifel auseinander zu setzen, und ihm tapfer entgegenzutreten. Und sich vielleicht 11 Mal umzuziehen.

Um 19:04 Uhr machte ich mich auf den Weg – schwarzer Rock und Seidentop. Geht immer, die spektakuläre Susanne blieb im Schrank, die war ich an dem Abend einfach nicht. Ich stand vorm Spiegel in meinem roten Hammerkleid, das ich ursprünglich anziehen wollte, und fühlte mich völlig erdrückt. Also lieber eine Nummer kleiner, bzw. Klamotte passend zur Gefühlslage!

Um 20.57 Uhr fühlte ich mich großartig, ich tanzte wunderschön mit einem mir völlig unbekannten Mann, und vergaß, dass ich eigentlich gar nicht ausgehen wollte. Tja

Um 23:45 Uhr fiel es mir wieder ein. Tja, tja.

Als ich um 23.59 Uhr kurz davor war, die Balkontür einer Wilmersdorfer Dachgeschosswohnung zu küssen, sagte eine Freundin aus Finnland zu mir: “hyvää uutta vuotta”. Das heißt nicht “du hast da einen Pickel am Kinn, und dein Outfit sieht scheiße aus Baby”, sondern: “frohes neues Jahr”. Dann küsste sie mich, umarmte mich fest, und brüllte: “I am so happy to know you my dear” in den Raketenlärm, der um uns herum tobte.

Da stand ich allein unter vielen küssenden Menschen, von denen einige zusammengehörten für diesen Abend, oder schon immer. Ich starrte in den Himmel. Goldene Lichterblitze funkelten über mir, sie regneten auf das Moos bewachsene graue Dach.

Unten im Hof lag dunkel das neue Jahr. Es beäugte mich.

Und da mitten in diesem Lärm hörte ich eine Stimme, die sagte: frohes Neues Schatz. Sie pochte von innen an mein Herz, ganz sachte und warm. Ich fühlte mich vollständig und gut, so wie ich bin, genau da wo ich war.

Zusammen ist man tatsächlich weniger allein, weil man sich immer selber hat.

Dieses Gefühl wünsche ich uns allen ganz oft für 2018!

Was dabei hilft:

  • Reißt die Kleiderschränke auf und die Herzen.
  • Tut etwas für Euch und Eure Körper.
  • Spürt Euch – und verbindet Euch mit anderen Menschen, auch wenn es manchmal schwer fällt.

“i love myself.’

the
quietest.
simplest.
most
powerful.
revolution.
ever.”
Nayyirah Waheed

 

 

« »

© 2018 notyetaguru.com. Theme von Anders Norén.