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rein theoretisch ist alles gut

Über den wiederholten Wiedereinstieg: Du schaffst es – irgendwie

Du schaffst es, hat mir gestern eine Freundin geschrieben. Den Satz, den diese Antwort ausgelöst hat, werde ich hier nicht wiederholen, weil ich kürzlich als Familienbloggerin interviewt worden bin zum Thema Trends und Zukunft. Da kann man die Community ja nicht kurz darauf hängenlassen.

Zuneigung und Zuspruch sind großartig. Und dann noch unter Frauen, dass ist quasi wie ein Sechser im Lotto. Aber ich spiele ja kein Lotto. Ergo ändert so ein Satz auf Dauer nichts an den Verhältnissen in denen ich lebe. Die Mutterschaft fetzt gerade mal wieder nicht so.

Das liegt nicht an meinem Kind. Das macht Freude und ist lustig. Und gerade das macht mich zornig. Da hilft auch meditieren nix. Oder fernöstliche Philosophie. Wenn ich meine Energie an eine Klangschale haue, geht sie zu Bruch. Bäm.

Wut ist ein Geschenk hat Ghandi mal zu seinem Enkel Arun gesagt

Ghandi ist großartig. Eine Inspiration, vor allem für Mütter, die sich beruflich neu orientieren. Der Mann war in seinem ersten Leben Jurist, hat dann seine wahre Berufung gefunden, und ein Land in die Unabhängigkeit geführt. Und das ohne Internet und YouTube.

Buddha war übrigens ähnlich erfolgreich als spätberufener Quereinsteiger.

Kurz nach der Geburt seines einzigen Sohnes Rahula („Fessel“), mit 29 Jahren, verließ er sein Kind und seine Frau Yasodhara. Eigentlich war das eine Art spirituelles Zigarettenholen. Wenn Buddha Mutter gewesen wäre, dann wäre der niemals soweit gekommen. Doch: Buddha setzte sich einige Jahre schweigend unter einen Baum? Welche Frau mit Kind bekommt das hin?

Natürlich kann man als Mutter meditieren, man kann seine Einstellung ändern, man kann seine Sicht auf die Dinge ändern. Aber eine volle Windel bleibt eine volle Windel. Es fühlt sich nicht gut an für das Kind, selbst wenn man die Augen zumacht, und sich woanders hindenkt. Es stinkt. Spätestens wenn das Kind brüllt, muß man sich mit dem Scheiß beschäftigen – vor allem ohne Kindermädchen oder Gleichberechtigung im Alltag lebenden Gatten. Und wenn die Windeln weg sind, wird es ja nicht leichter, nur anders. Selbst schuld? Das sagt sich so leicht und gern hier im neoliberalen Deutschland.

Der berufliche Neustart ist für kinderlose Frauen leichter

Ich meine, gucken wir uns mal all die erfolgreichen Businessfrauen an. Oder politischen Entscheidungsträgerinnen. Wo sind die Mütter?

Die sind beschäftigt: mit dem Leben ihrer Kinder und der Karriere ihrer Männer, nebenbei arbeiten einige noch. Oder eben nicht. Das ist halt so. Immer schon so gewesen bei uns in Deutschland. Haben alle was davon, außer Mutti. Halt!

Wieso muss ich an dieser Stelle wieder etwas Negatives über Mutterschaft und volle Windeln schreiben? Kann ich nicht mal einfach unverfängliche Basteltipps geben. Oder positive Nachrichten verbreiten? Für das Leben mit Kindern werben. Zum Beispiel eine Anleitung für „Babyhäschen-Wollfilz-Anhänger fürs Osterbouquet“ raushauen oder nachhaltige Ökowindeln bewerben.

Es gibt Mütter, die sind sehr zufrieden, wenn sie sich auf ihre Familie konzentrieren. Wenn sie das wollen und wissen, was das für Konsequenzen hat, ist das ja ok.

Ehrlich gesagt hab ich keinen Bock auf Zwangshandarbeiten, auf Windeln und auf Ostern. Ich möchte noch etwas anderes. Ich kann so viel und kann es so schlecht integrieren in meinen Alltag mit Kind.

Mutterschaft = unbezahlte Vollzeit und so wenig wertgeschätzt:

Ich bin müde und genervt. Von dem was seit 10 Jahren und gerade um mich herum passiert. Schon wieder GroKo. Stillstand. Weiter? Wird schon. Für wen? Die Mütter?

Immer die gleiche Scheiße. Sorry. Ist so. Das kann man doch nicht wegdekorieren. So viel Wollfilz gibt es gar nicht. Ich hab dafür keine Zeit oder Geduld. Und für politisches Engagement, Teilhabe? Was mache ich überhaupt? Den lieben langen Tag? Gerade?

Gehts noch?

Ich stehe auf, kümmere mich um mein Kind, er geht zur Schule, oder ist krank, ich suche in Jobbörsen nach Stellen, die zu mir passen – oder von denen ich leben kann, oder beides. Ich koche, putze, schreibe Bewerbungen, erledige umfangreichen Papierkram für Ämter, nehme Termine wahr, überlege mir was ich koche, wovon. Ich bilde mich fort. Eigentlich arbeite ich ständig. Und bin ständig in Sorge. Besonders wenn ich gerade keinen Job habe. Ob das Kind krank ist, oder gesund, und ob ich krank bin oder gesund. Ich bin zuständig. Immer. Hab ich druff. Von morgens bis abends, oder nachts. Mir wirft keiner Geld in die Parkuhr.

Falls jetzt jemand dem neoliberalen Reflex verspürt zu kommentieren: Mütter gefallen sich in der Opferrolle. Stopp! Zu sagen, das etwas nicht gut funktioniert ist kein Jammern. Es ist eher umsichtig und konstruktiv, darauf hinzuweisen. Vor allem, wenn man immer wieder an den gleichen Punkt kommt. Und wo es so vielen Frauen so geht wie mir. So unterschiedlich wir auch sein mögen. Deutschland hat immer noch ein Vereinbarkeitsproblem. Und ein Nettolohnproblem. Und ein Care-Arbeits-Wertschätzungsdefizit. Das betrifft Mütter, die wenig Vermögen haben oder Unterstützung im Alltag besonders hart. Wieso soll das so bleiben?

Im Jahr 2018. In Deutschland, dem Land mit dem angeblich begehrtesten Paß der Welt? Ich würde nach 10 Jahren in meinen Paß jederzeit tauschen, gegen Ersatz aus Skandinavien zum Beispiel.

Ich muss nur positiv und am Ball bleiben – der Jobmarkt boomt:

„Das Kind lassen Sie am besten weg“, sagte neulich eine nette Frau, die meine Bewerbungsunterlagen durchsah, lächelnd zu mir, das erhöht Ihre Chancen, überhaupt eingeladen zu werden“.

Ich habe kurz geschluckt. Der Widerspruch kitzelte mich am Gaumen, dann hab ich meinen Blick demütig auf die graue Tischplatte gesenkt und gesagt: „wenn Sie meinen“. „Sonst kann man ja nichts weglassen in ihrem Lebenslauf. Sie haben ja schon so viel gemacht in den letzten Jahren und bei so vielen Unternehmen“, entgegnete sie freundlich.

Ich blickte auf die drei Seiten, die jemandem, der mich nicht kennt, erzählen, wer ich bin, was ich kann und warum er mich auswählen soll, und nicht aussortieren. Auf der ersten Seite oben rechts lache ich mir selbst entgegen. So voller Optimismus.

Ob das Photoshop ist, überlege ich kurz? Nein. Das brauchte ich gar nicht: ich war nur bei einem guten Friseur und im 6. Monat schwanger – meine Zukunftsaussichten waren so glänzend wie meine Haare. Ich hab mich sehr gefreut auf diesen neuen Lebensabschnitt – denn ich war so gut vorbereitet. Rein theoretisch. Kam dann halt anders. Tja. Meine Partnerwahl, bzw. der Mann mit dem ich ein Kind habe, war eine Fehlleistung, hat mir neulich ein Mann bei Twitter erklärt, als ich mich beschwerte, dass so viele Mütter in prekären Jobverhältnissen und Teilzeit hängen mit negativen Folgen.

Das Foto gefällt mir sehr, sagt mein Gegenüber, und holt mich zurück ins hier und jetzt.

Ist schon lange her, seufze ich, und schaue aus dem Fenster auf eine graue, kalte Stadt und Zimmerpflanzen, die eigentlich längst aufgegeben haben. „Die Bedeutung von Pflanzen für das Raumklima wird total unterschätzt“, entfährt es mir völlig zusammenhangslos.

Unterstützung beim Wiedereinstieg, und was sonst nicht hilft

„Wir erstatten die Kosten für Bewerbungsfotos“, beeilt sich die Frau zu sagen. „Das ist ja toll“, piepse ich wie eine übermotivierte Praktikantin – und will hinterherschieben: und was ist mit Friseur?  Ich unterdrücke diese Frage.

Nach einer halben Stunde stehe ich im Aufzug mit meinen optimierten Bewerbungsunterlagen, und drei unbekannten Frauen, die offenbar eine Vorliebe für die gleiche Blondierung teilen. Vielleicht erstatten die dafür hier die Kosten? Ich schäme mich für das was ich denke: So will ich nicht aussehen, und ich gehöre nicht in diesen Fahrstuhl. Ich stampfe fast mit dem Fuß auf. Nur fünf Etagen, dann bist du hier raus.

Vier Frauen schauen betroffen zu Boden und tun so, als seien sie alle gar nicht hier. Bloß nicht den Blick heben.

Warum müssen in solchen Umgebungen immer Spiegel sein? Ich meine, man ist ja schon demoralisiert genug. Das ist doch völlig kontraproduktiv.

Wenn hier wenigstens ein paar aufbauende Sprüche als Motivations-Grafitti auf die Spiegel gekritzelt wären. So was wie: Du schaffst es. Du kannst was. Immerhin warst Du an der Uni! Gibt eh keine Rente Mutti! Ich glaub an Dich! Du verdienst einen 100 EURO Friseur.

Und Musik. Und Discolicht. Ich lache laut vor mich hin. Und summe: I will survive von Gloria Gaynor. Die drei Frauen weichen leicht panisch zurück an die Wand. Endlich öffnet sich die Tür. Nichts wie raus.

Was Mütter alles so tun – können oder müssen

Ich winke dem Pförtner zu, der gar nicht weiß, wie er mit dieser Aufmerksamkeit umgehen soll. Er hebt ungelenk die Hand, lächelt schief durch eine Scheibe und betätigt den Türöffner. „Der hat früher bestimmt auch mal was anderes gemacht“, murmelt eine Frauen neben mir mitleidig.

Draussen pfeift der Wind erbarmungslos um das Gebäude. Ich ziehe meine Mütze tief über meine Stirn. Scheiße ist das kalt. Was passiert hier? Offenbar muß ich ganz viel schlechtes Karma ableisten. Und schon so lang.

Buddha saß auch 6 Jahre unterm Baum, bevor der wieder was zu tun hatte, fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Der Teil meines Gehirns, der den Überlebenswillen steuert, funktioniert selbst bei 11 Grad Minus und fiesem Ostwind. Wo schreibt man das in den Bewerbungsunterlagen hin? Bei Qualifikationen?

Was hätte Buddha eigentlich über seine Zeit unterm Baum in den Lebenslauf geschrieben. Nix? Sie müssen grundsätzlich nur Lücken über drei Monaten erwähnen, hat die Frau eben gesagt. Tja. Eigentlich alles ganz leicht. Rein theoretisch.

Für Buddha jedenfalls, der hatte ja Zeit.

Gehören Kinder in eine Erwerbsbiografie?

Mütter haben immer zu tun, selbst wenn sie in „Familienpause“ sind. Das fragt keiner interessiert ab, oder honoriert es, wenn er dich wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern will. Mutter sein ist in Deutschland eher ein schlecht entlohntes Ehrenamt – alles sehr wichtig für die Gesellschaft, aber erwähnen soll man das nicht bei Arbeitgebern? Und für das Rentenkonto ist es auch nicht besonders relevant. Es sei denn man sorgt privat vor.

Und zu viel Zeit mit den Kindern soll eine Mutter nicht haben wollen, immer schön und möglichst schnell „richtig“ arbeiten. Und gern mit passendem Mann.

Wenn dir das jemand ehrlich sagen würde bei der Schwangerschaftskonfliktberatung, dann hätten wir keine Probleme mehr mit dem Kitaausbau. Frauen würden die Reproduktionsarbeit minimieren. Das Rentensystem würde kollabieren. Und die wenigen Mütter würden irgendwann vielleicht volle Windeln verschicken an politische Entscheidungsträger, um ihren berechtigten Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen?

„Scheiße verdammt“, rufe ich laut, als ich über einen tiefgekühlten Hundehaufen stolpere, und sich meine revolutionären Tagträume in der Kälte auflösen.

Früher war alles anders oder doch nicht? Deutschland einig Mutterland

Nach 15 Minuten Gewaltmarsch erreiche ich endlich eine zugige Tramhaltestelle. Mein Gesicht ist taub. „Dit is die Russenpeitsche“, erklärt mir eine ältere Dame, die aussieht wie Margot Honnecker. Ich versuche zu lächeln, und kuschele mich schweigend so dicht wie möglich an ihren Pelzmantel.

„Den hat mein Mann 1981 aus Russland mitgebracht Kindchen, dit is noch Qualität.“ Oh Gott der Mantel ist jünger als ich, denke ich. Ich kann leider keine Konversation machen, weil mir die Mundwinkel gefroren sind. Der Dame im Zobel ist das egal. Ich erfahre alles.

Inzwischen sind noch mehr Menschen an der Haltestelle. Ein junge Frau mit freien Knöcheln in rosa Turnschuhen und zwei dick eingepackte Männer. „Sie holen sich den Tod“ ruft Frau Zobel mitfühlend. Die zwei Männer drehen sich um. „Nicht sie Mann“, wettert meine neue beste Freundin. „Die arbeiten garantiert als Fahrkartenkontrolleure“, ergänzt sie leise. Ich nicke zustimmend. „Scheiß Job“ resümiert sie. Ich nicke nicht.

Das könnte ich vielleicht machen, fährt es mir durch den Kopf. Aber ich würde ständig Ausnahmen machen und die Quote versauen. Mit klammen Fingern krame ich in meiner Handtasche nach meinem Tagesticket. Gefunden. Gott sei Dank! Ich steige ein. Die Frau mit dem Zobelmantel bezahlt den AB Fahrschein zu 2,70 EUR mit 5 Cent Stücken. Die Kontrolleure flüchten erstmal in den hinteren Teil der Tram.

Sie streiten kurz mit einer Mutter, die keinen Fahrschein hat, aber zwei brüllende Kinder in der Trotzphase. Als ich gerade aussteigen will, plumpst die Dame im Zobelmantel neben mir in den Sitz. „So Kindchen“, sagt die Frau. Ich nehme das als Wink des Universums und bleibe einfach sitzen. Ich erfahre die nächsten 25 Minuten, wie ihr Sohn schuldlos seinen Job bei der Stasi verloren hat, und zum Glück gleich bei einem ähnlichen Amt was gefunden. Ich hoffe inständig, es ist nicht der BND.

Den Rest der Fahrt überlege ich zusammen mit Frau Zobel, was helfen könnte, damit Mütter leichter wieder einsteigen können in den Beruf.

Wir kommen zu keinem eindeutigen Ergebnis. Aber zu einem schönen abschliessenden Satz:

Ob ick dit mal erlebe, dit keener mehr denkt die Arbeit hört für uns Muttis uff, wenn se keener zahlt? Dit hat doch keene Partei kapiert. Bis heute. Bei der Stasi da konnte mein Sohn och mal von zuhause arbeiten.

Ich überlege kurz, ob es Sinn machen würde, mich als Quereinsteigern beim BND zu bewerben, dann steige ich aus.

Der Wind kommt für Mütter immer noch zu oft von vorn, stelle ich fest.

Ich suche übrigens weiterhin eine (bevorzugt sozialversicherungspflichtige) Tätigkeit im Bereich Kommunikation/PR/Event. Ich schreibe auch gern Artikel. Meine Kontaktdaten sind im Impressum hinterlegt.

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