Letzte Woche war ich in einem Pulli, über den mein Kind sagt, er sähe aus wie eine rosa Wolldecke, zu Gast bei der Berliner Fashionweek. Ich habe einen Vortrag über „Awarness“ gehalten, und ich fühlte mich ziemlich sexy in meinem Outfit. Als sei diese Klamotte ein Vintage Hosenanzug von YSL, der in meinem Geburtsjahr von Catherine Deneuve getragen wurde, auf dem Weg ins Ritz zum heißen Date mit Marcello Mastroianni.

Eine Freundin hat mir den Pulli vor einigen Jahren vererbt. Eine sehr warmherzige starke Person. Immer wenn ich ihn trage, streife ich mir ein bisschen Mut von ihr über. Das konnte ich am Dienstag gut gebrauchen. Wer mich länger kennt, weiß wie verrückt das ist mit dem Pulli ist, auch wenn er von einer spanischen Designerin stammt und aus 100 % Kaschmir ist. Ich hätte mir natürlich extra ein neues Outfit gekauft zu einem solchen Anlass. Wie jede(r) normale modebewußte Mensch?

Anders machen geht: man muss sich nur trauen!

Seit Anfang dieses Jahres bin ich Teil eines BloggerInnennetzwerks namens Betterblogs. Wir verstehen uns als eine Art klugen Bremsklotz, der bewußt das Tempo aus diesem Konsum und Lifestylewahnsinn nimmt. Ich zitiere Kea von Garnier, die die Idee dazu hatte: „Menschen werden nicht mehr geschätzt für das, was sie tun oder denken, sondern für das, was sie haben.“ 

Wir sind mit dieser kritischen Wahrnehmung und Einstellung nicht allein. Zum Beispiel gibt es die Fashion Changers, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, mehr Menschen in der Modebranche dazu zu bringen über Nachhaltigkeit, und den eigenen Konsum nachzudenken.

Das ist dringend notwendig. Ich könnte z.B. locker bis zum 70. Geburtstag Outfits aus meinem Schrank auftragen. Vielleicht müsste ich ab und an neue Schuhe haben, wenn meine Zehen sich langsam himmelwärts biegen. Aber sonst? Dabei habe ich in den letzten 10 Jahren fast nichts gekauft. Es ist trotzdem mehr als genug Kleidung da, nicht nur in meinem Schrank – siehe geerbter Pulli – und das heißt leider: unser Konsumverhalten hat uns alle längst am Arsch. Sorry. Und unsere Kinder auch. Und deren Kinder erst. Und dann? Ist wahrscheinlich Schluß mit der Menschheit. Aber sachte und von vorn.

Warum Biosalat vom Discounter unangenehme Folgen hat:

Den derben Ausdruck hab ich übrigens während meines Vortrags auf der Shopping Week milde lächelnd ins Mikro gesprochen. Ich wollte mein Publikum, vorwiegend junge gut gestylte BloggerInnen, aus den Designersitzsäcken rütteln. Ist mir, glaube ich, gelungen – vor allem weil ich ihn in den Satz: „eigentlich darf heutzutage niemand mehr einen konventionellen Fashion Blog starten, weil wir sind echt am Arsch mit den Sachen, die wir in die Natur werfen“ einbaute. Ich brauchte ein starkes Schluß-Statement und Aufmerksamkeit, weil dieser Planet quasi brennt.

Paul Ehrlich hat eine Formel dazu entwickelt: Auswirkung = Bevölkerung * materielle Güter * Technik. Die Umweltauswirkung wird durch wachsende Bevölkerung, durch Vermehrung des Konsums (oder Anstieg des Sozialprodukts) und durch die Art und den Stand der Technik bestimmt.

Menschen senken ihren Konsum nicht freiwillig, im Gegenteil, er wächst bei steigender Kaufkraft. Natürlich auch seit es das Internet, also Blogs gibt. Und damit Influencermarketing. Und Instafeeds. Und Twitter. Und Snapchat. Und Facebook.

Was InfluencerInnen so bewirken (könnten):

Viel haben gehört zu uns, besonders in der digitalen Gesellschaft. Schon Kleinkinder daddlen kostenlose Onlinespiele mit In-App Funktion und starren auf Werbung. Uns ist ähnliches passiert als Kind, gab ja schon Fernsehen oder die Nachbarskinder: Bedürfnisse werden unbewußt geweckt und gestillt. Wir wurden darin eingewickelt von unseren Eltern oder von uns selbst. Das nimmt uns mehr Möglichkeiten, als dass wir dafür jemals Payback Punkte bekommen.

Ich weiß wovon ich spreche: ich habe über 40 Jahre lang konsumiert, mal mehr, mal weniger. Ich hatte keine Ahnung was das alles für Auswirkungen hat auf mich und meine Umwelt, wobei meine Kreditkartenabrechnung aus dem Jahre 2002 Stoff für eine Netflixserie hätte.

Um meinen Konsum zu verstehen, muss ich ziemlich weit zurückgehen. Das empfehle ich jedem, das bringt mehr für die persönliche Entwicklung als eine Rückführung beim Teilzeit-Schamanen, der eigentlich Schauspieler ist.

Der Tag als ich zum Fashion Victim wurde:

Die nachhaltigste Konsumprägung erfuhr ich im zarten Alter von ca. 8 Jahren. Meine Mutter hatte Besuch von einer Bekannten, die aussah wie Jean Seberg.

Sie hatte einen Job im Ausland, ein Cabrio und einen Hosenanzug von YSL und sah total zufrieden aus. Ich war ein kleines Mädchen, fühlte mich fehl am Platz und liebte Latzhosen. Das war ein Zeichen. Ich ging mit der Bastelschere bewaffnet in unser westdeutsches Provinz-Badezimmer, und säbelte mir die Haare ab. Meine Mutter war entsetzt. Der Besuch vergaß beim übereilten Abgang eine Mode-Zeitschrift.

Ich fing an zu lesen. Ich wollte ab sofort und immer so aussehen, wie diese Frau im Hosenanzug und überhaupt all die Frauen in der Zeitung. Mit dieser Sehnsucht wurde ich erwachsen. Sie hat mir leider nicht die Chefredaktion der Vogue beschert, aber einen um 70% reduzierten Max-Mara-Mantel, und mich lange davon abgehalten, mich mit mir selbst auseinander zu setzen. Konsum befriedet uns mit allem was uns nicht passt, ob die alte Hose besser sitzt ist zweitrangig.

Warum Konsumlücken wichtig sind für die Biographie:

Ich wurde übrigens nicht eines schönen Tages vorm Schrank erleuchtet, auch wenn das so klingt. Ich hab mir auch keine Declutter-Yourself-Bibel gekauft. Mir ist das Leben passiert, im Guten wie im Schlechten und das hat mich nachhaltigst aus der Konsum-Komfortzone gekickt.

Schöner dösen im Tank der Shopping Matrix:

Wenn man aus den Generationen X oder Y, Z kommt, haut das besonders rein. Wir sind Konsumwonneproppen. Mit uns kamen die Bequemlichkeit und Fülle in die Haushalte unserer Eltern. Die autofreien Sonntage wegen der Ölkrise waren nur kurze Schreckmomente für uns.

Der Versandhandel ermöglichte die Lieferung von Kleidung ins Haus, das machte aber – wenn überhaupt – der immer gleiche Mann von der Post, der davon gut leben konnte. Die Mittelstandsfamilie flog plötzlich einmal im Jahr in Urlaub, besser zweimal. Nicht nur französische Filmstars, die huldvoll von der Gangway winkten. Nein, auch die Nachbarn zum Shoppen nach Paris.

Schmucke Reihenhäuser verwandelten unser wildes Indianerland schräg gegenüber in ein Mittelstands-Legoland mit Carport. Die RAF-Plakate im örtlichen Postamt verschwanden. Willy Brandt war Geschichte wie sein Kniefall in Warschau, mein Bruder, Helmut Schmidt und Loki kamen und dann Dr. Helmut Kohl aus der nahen Pfalz. Anything ging. Er blieb. Bis ihn Frau Dr. Merkel ablöste, die war tatsächlich aus der ehemaligen DDR und eine Frau.

Der Kaufmannsladen in uns und um uns herum:

Erwachsenwerden ergab sich in der Regel einfach. Wir machten Abitur oder bitte mittlere Reife, weil Hauptschule oh Gott, was will man denn damit werden, außer für andere schuften, und du willst doch mal viel Geld verdienen, und dir was leisten können? Dafür gab es Zugehörigkeit und die üblichen Mittelklasse-Annehmlichkeiten. 

 Als dieser schwedische Konzern, der Fashion demokratisch weil für alle erschwinglich machte, die Fußgängerzone unserer Landeshauptstadt erreichte, jubelte ich. Wir wohnten inzwischen „nur“ in der Mietwohnung, weil mein Vater keine Lust mehr auf Familie hatte. Die zwei roten Buchstaben mit dem & dazwischen verhießen mir dringend benötigte Glücksmomente: ich konnte mit meinen solventen Freundinnen shoppen. 

Unbegrenzte Möglichkeiten – oder der ganz normale Wahnsinn:

Irgendwann kaufte ich dort nicht mehr, weil wenn man genug verdient – und es aus der Provinz heraus geschafft hat, geht man woanders hin. Zum Beispiel einmal im Jahr ins KaDeWe zum Sale. Und dann BÄM kam das Internet. Tatsache ist:

Im Grunde genommen muss heute niemand mehr irgendwohin um einzukaufen, außer ab und an aufs Klo.

Und dann wirst du Mutter, und bist so oder so raus, weil du keine Zeit hast, höchstens für den Toilettengang, aber nicht für deine Kleidung, die nur noch praktisch sein soll, und möglichst im Brustbereich aufknöpfbar. Das ist aber nur eine Phase, weil siehe oben gibt ja juhu Online Shopping. Oder du hast plötzlich keinen Job mehr? Huch. Und jetzt? Nichts. Erstmal. Viel Zeit zum Nachdenken, wenn das Kind schläft. Und zum Lesen. Zum Beispiel Hanna Arendt. Nein das ist keine Serie bei Netflix.

Ich verstehe seit meiner Shoppingpause sehr viel, z.B. wie sich Keanu Reeves fühlt, wenn er in dieser Szene bei Matrix aus dem Tank kippt. Will ich wieder unterm Konsum-Deckel dösen? Nein, ich bin wach – wobei wenn Keanu Reeves mit mir im Tank läge?

Nein, nein, nein. Ich bin ja nicht allein auf dieser Welt. Vor allem war ich mal auf dem richtigen Weg zum bewussten Konsumenten.

Die Macht liegt eigentlich im Einkaufkorb:

Ich weiß noch, wie meine Revoluzzer-Stillaktivistinnen-Tante 1983 alle brüskiert hat, weil die „falsche“ Trinkschokolade serviert wurde. Sie hielt uns ein Impulsreferat am Küchentisch, wie der Konzern hinter der Marke ihrer Meinung nach Frauen in Afrika vom Stillen abhält, weil er Gewinn erwirtschaften will. Mir war die Lust auf diesen Kakao vergangen, und meiner Mutter auch: „die boykottieren wir“, sagte sie triumphierend.

Das hatte für uns mehr Folgen als für das große, böse N mit hinten accent aigu. Es gab fortan nur noch klumpige Trinkschokolade aus angerührten schwach entölten Backkakaopulver.

Der Konzern ist übrigens immer noch da. Aktuell saugt er in der dritten Welt Grundwasser ab, füllt es in Flaschen und verkauft es als teures Tafelwasser in den reichen Ländern der ersten Welt. 

Schrecklich. Ja, ich weiß.

Kann da die Politik nicht? Müsste, und wir könnten ja auch selbst mehr ran.

Was bunte Schokolinsen und Atomversuche in der Südsee gemeinsam haben:

Neulich hab ich gelesen: Süßigkeiten gehören zu einer glücklichen Kindheit, und das Glas Nußnougatcrème, Chicken Nuggets oder der Pulli von den mit den zwei Buchstaben im Sale mit der Maus drauf?

Es ist doch nur ein Pulli. Bringt eh nix ein das Nein? Im globalen Chor schon.

Frankreich hat 1995 ein Atoll im Südpazifik weggesprengt bei einem Atomversuch, obwohl Japan, Neuseeland und Australien die ganze Welt zum Warenboykott aufriefen. Das ist gescheitert, weil sich Europa nicht geschlossen solidarisiert hat, und die junge kaufkräftige japanische Generation lieber Champagner trinken wollte.

Jetzt bitte kräftig CO2 ausstoßen, weil es kommt ganz dick:

Unsere Konsum-Bomben haben mehr Sprengkraft, als die letzte Atombombe.

Ist trotzdem egal?

Wir sterben sowieso alle irgendwann aus!

Stimmt. Hab ich auch schon gehört. Vielleicht ist die Menschheit einfach nicht auf Nachhaltigkeit produziert und ein bisschen unterbelichtet trotz radioaktiver Strahlung?

Jeder shoppt und handelt doch für sich allein?

Wir haben es jeden verdammten Tag in der Hand, ob ein Kauf dramatische Folgen für die Umwelt hat oder für Menschen, die für günstige Produkte und gewinnmaximierte Dienstleistungen schuften müssen. Das ist doch Wahnsinn?

Ich beschäftige zurzeit 42 Sklaven.

Aber mehr Wachstum bringt doch immer mehr Wohlstand?  Nicht unbedingt. Selbst der Umstieg auf faire Mode und Produkte ist keine Lösung, wenn wir nichts an unserem Konsumverhalten ändern. Was brauchen wir wirklich?

Besseres Wirtschaften ohne Wachstum?

Es gibt Wissenschaftler, die sich mit diesem Dilemma beschäftigen, und Lösungen suchen. Zum Beispiel Tim Jackson. Er hat ein großartiges Buch geschrieben: Wohlstand ohne Wachstum – das Update.

Er stellt spannende Fragen: „wie können wir diese alte Kluft zwischen Kommunismus und Kapitalismus überwinden (…). Wir müssen fragen, wo funktioniert der Markt, und wo funktioniert er nicht. Wo funktioniert der Staat, und wo funktioniert er nicht.  (…)“

Jackson glaubt an die Zukunft der  „Cinderella-Economy“. Lokale Firmen, kommunale Energieprojekte, Erzeugermärkte, Genossenschaften, Büchereien. Noch spielen solche Projekte kaum eine Rolle.

Nachhaltige Unternehmen und wahrer Wohlstand:

Als ich vor 4 Jahren eine Freundin in Griechenland besuchte, konnte ich die Aschenbrödel-Wirtschaft live erleben. Meine Freundin wohnte wieder bei ihren Eltern auf dem Land, genau wie ihre Brüder, und viele andere, die zuvor in Athen oder anderen Großstädten gute Jobs hatten. Alles auf Anfang.

Viele HeimkehrerInnen belebten alte Familienbetriebe neu, machten z.B. wieder Olivenöl – nur weniger, weil ganz anders, dadurch auch weniger Gewinn, aber nachhaltig nicht nur für sie, sondern zukünftige Generationen. In Detroit entstanden nach dem Zusammenbruch der Autoindustrie ähnliche Kollektive und Projekte. Da gärtnern ehemals fremde Nachbarn zusammen, machen green farming, food sharing oder gründen Repaircafés.

Trotzdem ist ein gutes Leben ohne Geld schwierig. Wohnen, Energie, Mobilität, Bildung, Essen, Kleidung, Gesundheit muss für alle bezahlbar und verfügbar bleiben, auch wenn man keine Familie hat, oder auf dem Land lebt.

Kooperieren, agieren, statt konsumieren setzt in der Tat großes Potenzial frei. Lesen auch: deswegen gibt es jetzt Links zu Menschen, Unternehmen und Projekten, denen ich letzte Woche begegnet bin. Danke für die Gespräche und die Inspiration!

Die Fashion Changers: drei großartige Frauen Vreni Jäckle, Nina Lorenzen vom und Jana Braumüller, die in Kooperation mit dem Greenshowroom und der Ethical Fashion Show ein Networking-Event – Fashion Changers x prePeek anlässlich der Berlin Fashion Week auf die Beine gestellt haben.

Viertel Vor, ein lesenswertes Magazin über das Thema Nachhaltigkeit und Zukunft, was ja quasi das gleiche ist!

Gemeinwohlökonomie-Unternehmer Jörg von Kruse von I+M Naturkosmetik aus Berlin. I+M Naturkosmetik stellen seit 1978 ihre Produkte her, und tun nebenbei Gutes. Change the world with beauty! Yeah!

Konsumforscherin Tina Müller von der Copenhagen Business School, falls euch interessiert warum ihr kauft, und was das mit euch und uns so macht.

Esther Rühe vom Slowfashion-Blog  Die Konsumentin, die die Talk Runde am Donnerstag super moderiert hat.

Mit Ecken und Kanten, ein Online Shop, der Produkten, die aufgrund eines Sortimentswechsels, Rebrandings oder Produktionsfehlers vom regulären Handel ausgeschlossen werden, eine zweite Chance gibt

Maxi aka curtisdaughter, die sich sehr für obdachlose Frauen engagiert.

Und die arschcoole Superfrau Nike van Dinther vom Online-Magazin This is Jane Wayne, die zurecht sagt: „Man kann heute kein Modelabel mehr gründen, ohne sich Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit zu machen“

Die Liste ergänze ich, ich sortiere noch meine Handtasche, und sichte Visitenkarten. Ihr kennt mich, braucht alles seine Zeit (hatte am Wochenende Kindergeburtstag).