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rein theoretisch ist alles gut

Wertschätzende Wut: Menschen und Manieren

Der Mann, der denkt, er ist allein auf der Welt,

  • rammt beim Einstiegen am Alexanderplatz eine aussteigende ältere Dame in den Türrahmen der U-Bahn, und merkt es nicht mal
  • steigt am Senefelder Platz wieder aus, checkt am Bahnsteig erstmal das Telefon, so dass man leider fiese Lippenstiftabdrücke im Kamelhaarmantel der Vorderfrau hinterlassen muss, weil die schließende Tür einem sonst den Po abrasiert
  • reißt die Tür der Sparkasse auf, überholt dich auf dem Weg zum letzten freien Geldautomaten rechts
  • bestellt alles bei Amazon Prime ausser seiner Lebensgefährtin, weil das noch nicht geht, und schmeisst die Kartons alle auf einmal – stets ungefaltet – in die Hausmülltonne
  • regt sich über den Foodora Mann auf, der gerade einen Unfall hatte, und deswegen die Pizza verspätet und total verschrammt vorbeibringt
  • telefoniert so laut am Nachbartisch, dass durch die Schallwellen, die Füllung deiner Sommerrollen zerbröselt
  • legt abends in der Bar seinen Arm selbstverständlich an deiner Hüfte ab, du drehst dich irritiert um, und er kommt so ans letzte kalte Pale Ale von Mitte
  • parkt grundsätzlich am abgesenkten Bürgersteig mit seinem Auto, weil er hier für verdammt viel Geld wohnt verdammt
  • touchiert dich mit seinem Rad/Kinderwagen/Skateboard und nennt dich als du „also bitte“ rufst F…E (das kannst du und willst du nicht wiederholen, aber das Karma hat es sich aufgeschrieben)
  • reißt beim Rennen Richtung Parkplatz müde Kinder um, und verspürt keinerlei Erschütterung durch seinen Antarktis tauglichen Parka
  • hat einen Hund – für den eigentlich gar keine Zeit, und auch nie Hundekotbeutel dabei
  • sagt nie Guten Tag, Bitte, aber immer ICH am Anfang des Satzes
  • oder Danke, Auf Wiedersehen am Ende
  • wählt den Christian Lindner, weil er auch auf so großen Plakaten sein will und besser aussieht
  • schmeißt Gemüseabfälle in der Plastiktüte in die Biotonne, und versteht dein Problem nicht
  • rastet in der verspäteten Bahn aus, beschimpft den Schaffner, dass man seinem Kind fassungslos die Ohren zuhalten muss.
  • tätschelt dir auf die Schulter und sagt: „wer weiß wozu es gut ist“, wenn du gesagt hast: ich habe Krebs/meinen Hund/Job/Partner/meine Lieblingsmütze verloren
  • denkt bei Tinder, er sei Single, obwohl er längst verheiratet ist, und 2018 Vater wird
  • weiß nicht wer über oder unter ihm wohnt (liegt), obwohl er dort immer gegen Mitternacht die Pakete abholt (vorbeikommt)
  • guckt beim Rechtsabbiegen nicht in den Spiegel, weil es ist ja grün für ihn seit er den Führerschein gemacht hat, und von seinem Papi das erste Auto bekommen hat
  • kauft sich jedes Jahr ein Smartphone, selbst wenn er keins braucht, weil die Kinder in den Kobaltminen müssen ja auch von irgendwas leben – und findet den Spruch sehr witzig
  • setzt sich auf den letzten freien Platz in der U-Bahn, obwohl die älteste Frau von Mitte, zwei sichtlich erschöpfte Muttis mit plärrendem Kind auf dem Arm, und ein Mann im Rollator ebenfalls zusteigen – ißt genüßlich ein Matjesbrötchen
  • hört dermaßen laut Musik mit Kopfhörer in der S-Bahn, dass deine Kniescheibe denkt, du bist wieder Samstagabend 1990 im Omen
  • drängt Räder vom Kopfsteinpflaster, weil die Zeit für sein Carsharing Auto läuft, und er hat ja 25 Mal gehupt vorher
  • hilft seiner Frau nicht mit dem Kinderwagen in die Tram, weil er gerade per WhatsApp mit seinem Kumpel das Kicken am Wochenende koordinieren muss
  • faltet einen verwirrten Mann in der Schlange an der Kasse zusammen, weil dieser ihm aus Versehen mit dem Einkaufswagen an die Designerhose gefahren ist
  • versteht die Aufregung nicht, wenn er alten, gehbehinderten Menschen täglich einen Umweg beschert, weil er mit seiner Bonzenkarre gern fast in der Garderobe vom Kindergarten parkt, und damit die Zufahrt für Behindertenfahrdienste blockiert, weil er zahlt ja schließlich brav ins Rentensystem ein.

Das Jahr hat gerade angefangen und ich bin schon satt Freunde. Diesen Post widme ich den Männern, die mir und vielen Frauen, die ich kenne, 2017 und vor allem in dieser ersten Woche auf den nicht vorhanden Sack gegangen sind.

Ich wünsche mir für den Rest von 2018: mehr Achtsamkeit, damit meine ich nicht, dass man sich nachhaltiges Bartöl besorgt, oder 5 Mal die Woche zum Yoga geht. Nein ich meine damit: sich bewußt zu machen, dass man nicht alleine ist, weder auf diesem Planten, noch in diesem Land, dieser Stadt, dem Kiez, Haus, Spielplatz, Supermarkt, Bank, Bahn, Bürgersteig, Tram, Restaurant, Bar, Straße etc. Noch nicht mal auf Twitter ist man alleine. Ist so sorry.

Früher war das doch nicht so schlimm meine Herren? Was geht ab? Ich meine, ich bin durchaus darauf vorbereitet, dass mich bestimmte Verhaltensweisen im sozialen Brennpunkt treffen, und aus meiner emotionalen Spur hauen, aber überall? Es ist mir im letzten Jahr sehr aufgefallen, es hat sich etwas verändert, im Umgang und im Ton.

Wo sind die Manieren? Das ist die neue Männlichkeit? Der starke Mann ist im Kommen? Aha.

Es ist nicht männlich, seiner Umgebung rücksichtsloses Verhalten aufzuhalsen. Es ist auch keine Stärke, sich zu nehmen, was man will, weil man es kann. Es ist und war immer schon schlechtes Benehmen, dass wir uns alle nicht mehr leisten können. UND WOLLEN!

Reißt Euch am Riemen. Mein Kind kann das auch. Manche Männer, die ich kenne, können das.

Geht alles.

Danke i.V. das Universum

Hier noch eine Lektüreempfehlung: Prinz Asserate hat ein sehr schönes Buch über Manieren geschrieben. Freiherr Knigge! Und für Kinder prima ist Lady Lupines Benimmbuch von Babette Cole, tolle Bilder und sehr humorvoller Text. Gibt es vielleicht noch irgendwo?

 

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