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rein theoretisch geht alles

Der kleine Mitgefühlstrainer für Eltern und Kind:

Gestern hab ich mich aufgeregt. Ich hab ganz viele Kommentare gelesen, die Menschen unter Beiträge/Artikel zum Thema #kinderarmut geschrieben haben, und hatte eine Halsschlagader, die kurz vor der Explosion war.

Besonders entsetzt haben mich Kommentare, die auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so schlimm waren, bzw. gut gemeint.

In Deutschland grassiert die leicht bornierte Nächstenliebe!

In besonders schweren Ausprägungen mutiert die zu passiv-aggressiver Unmenschlichkeit oder übertriebener menschlicher Härte: dich betrifft das nicht? Freu dich nicht so früh, eventuell praktiziert du das schon längst, ohne dass es dir bewusst ist. Wenn das so ist, machst du einfach das, was du selbst als Kind gelernt hast, das tut mir sehr leid für dich! Und das Allerschlimmste: Leider gibst du dieses Muster unbewusst weiter an deine Kinder! Tja. Unsere Gesellschaft ist ein bunter Teppich aus verwobenen Verhaltensweisen und Beziehungen. Sind die schlecht, sitzen wir quasi Generationen übergreifend auf dem kalten Fußboden bzw. in der Solidaritäts-Klemme. Wer will das schon? Wir alle wollen doch wirklich nur das Beste für uns und die Kinder? Eben, deswegen  habe ich etwas ganz tolles:

Statt einem praktischen Rezept für Kastanienwaschmittel oder einer Vorlage für eine formschöne Makramee-Blumenampel, gibt es den Mitgefühlstrainer – in 13 Schritten zum Optimum!

Wie funktioniert es? Wenn du nachfolgend mindestens eine Frage mit „stimme zu“ beantwortest oder denkst „stimmt ja eigentlich“, schöpfst du nicht dein volles Mitgefühlspotenzial aus. Doch nun zum Test:

Sprich folgende Sätze laut und deutlich aus – atme dabei in dein Herz-Chakra:

  1. Bei uns muss kein Kind verhungern, denkt doch mal an die Kinder in Afrika!
  2. Keine Waschmaschine? Man kann ja in den Waschsalon gehen
  3. Wir sind früher nie in Urlaub gefahren, und wir hatten eine schöne Kindheit
  4. Kinder brauchen keine Playstation, sondern Liebe
  5. Man muss als Mutter halt verzichteten z.B. auf Zigaretten und Alkohol
  6. Ich führe ein Haushaltsbuch, damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, man muss nicht immer in die LPG gehen, wir kaufen auch ab und zu beim Discounter
  7. Musikunterricht ist ja eigentlich Luxus, Kinder können sich auch gut mit sich selbst beschäftigen.
  8. Ich sollte besser keine Familie gründen, wenn ich in schwierigen Verhältnissen lebe
  9. Es gibt so viele Möglichkeiten in Deutschland mit wenig Geld klar zu kommen
  10. Bei der Tafel, wo ich mich ehrenamtlich engagiere, gibt es einen ganzen Wocheneinkauf für 2€ incl. Obst und Gemüse
  11. Auf der Schule bzw. in der Klasse von meinem Kind kommen viele aus ALG2 Familien. Die meisten antworten auf die Frage, was sie am WE gemacht haben mit „Fernseher schauen“, warum gehen die Eltern nicht mit den Kindern öfter in den Wald?
  12. Dann rückt man zusammen und zieht in eine günstigere Wohnung
  13. Es muss ja nicht jede(r) studieren

Du hast mindestens einmal gedacht „stimme zu“ bzw. „objektiv gesehen stimmt das doch!“?

Es ist auch völlig ok, solche Sätze vor Kindern zu sagen? Finde ich schwierig, gibt zum Beispiel nicht überall Waschsalons, oder auf dem platten Land Tafeln – aber das ist wieder alles so weit weg, von der Lebenswirklichkeit in der wir Großstadt-Muttis/und Papis uns Tag für Tag bewegen.

Du merkst auch nach diesem Abschnitt keine Veränderung im Solarplexusbereich?

Oh Gott das ist ja alles sehr verhärtet.

Passiert, aber ich gebe nicht auf: Ich gebe ein praktisches Beispiel aus meinem allerliebsten urbanen Mitgefühlsbooster hier in Berlin: Der U-Bahn.

Heute morgen habe ich meinen Sohn zu einem Kurs gebracht, wir gingen die Stufen hoch, oben im Eingangsbereich der U-Bahn lag in einer windgeschützten Ecke ein Obdachloser, unter einer sehr sehr dünnen Wolldecke. Es war ein naßkalter, fieser Nieselregen, eine kurze Wettervorschau auf den November, den ja kein Mensch braucht – das Wetter kann man sich leider nicht aussuchen. Wie auch immer: Hinter uns kam eine Gruppe kichernder Kinder die Treppe hoch. Ich wurde Zeuge eines lehrreichen Dialogs zwischen zwei ca. 12 jährigen Mädchen:

Mädchen 1 kichernd im Vorbeigehen nach unten auf den liegenden Obdachlosen brüllend: „Guten Morgen aufstehen“.

Mädchen 2 entsetzt: „Sag mal spinnst Du das ist total unverschämt“.

Mädchen 1 irritiert: „Ich hab es nur gut gemeint, der muss ja nicht hier liegen“.

Mädchen 2 fassungslos: „Aber der ist doch obdachlos?“

Mädchen 1 dozierend: „Meine Mutter sagt, in Deutschland bekommt jeder Hilfe, der kann sich doch Arbeit suchen, jeder Mensch kann das. Niemand muss auf der Strasse leben, wenn er es nicht will, man muss sich anstrengen, dann geht alles, manche Menschen wollen das so.

Mädchen 2 triumphierend: „Deine Mutter spinnt“.

Mädchen 2 ist schon jetzt weiter als die meisten Erwachsenen, und bei der Mitgefühlsentwicklung weit vor der Mutter von Mädchen 1.

PS: Kennst du zufällig die Mutter von Mädchen 1? Sag ihr sie hilft ab jetzt 4 Wochen in der Bahnhofsmission! Warum?

Du auch! Danke!

Und hier noch ein kleines anschauliches Video zum Thema #kinderarmut, Mitgefühl und Ignoranz:

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