Freitag, 13. Oktober um 22:50 Uhr MEZ ist mir unvermittelt das Fruchtwasser einer unbekannten Frau vor die Füße gespritzt. Selbst für Berlin-Mitte ist das eine etwas delikate Angelegenheit. Ich hielt mir ein Auge zu, als das passierte, nicht weil ich nicht ertragen konnte, was da geschah. Nein, ich hatte eine Infektion im linken Auge und starke Schmerzen, deswegen fuhr ich mit dem Taxi an einem Freitagabend nicht zu einer schicken Bar oder so, sondern in die Charité Campus Mitte. Ehrlich gesagt benutze ich seit ich Mutter bin Taxis nur noch für solche Gelegenheiten.

In der Charité war ich schon oft, u.a. mit einem Steißbeinbruch (ich), einer von einer Klotür im Hauptbahnhof zerquetschten Hand (Kind) und einer drei Tage dauernden Marathongeburt (Kind und ich). Gestern musste ich feststellen, dass „meine“ Notaufnahme gar nicht mehr da ist, wo sie in den letzten 10 Jahren immer zuverlässig war. Und noch etwas fiel mir wieder mal auf: Wenn man gesundheitlich eingeschränkt ist, sind Wege eine Herausforderung.

Ich stand z.B. aus Versehen fast im Kreißsaal, obwohl ich praktisch in der Menopause bin – falsche Tür. Ich tastete mich an der Wand entlang zurück nach draußen, wo ich von einem Krankenwagenfahrer angeranzt wurde.

„Entschuldigung wo ist denn jetzt die Notaufnahme“ hatte ich ihn gefragt. Er brummte: „Hier ist keene Uffnahme mehr, können se nicht lesen?“ „Nein ich verliere gerade mein Augenlicht“, wollte ich freundlich erwidern, aber mit sowas macht man ja noch nicht mal in Mitte Scherze. Er blies mir mitfühlend Zigarettenrauch ins Gesicht. Ich stolperte an ihm vorbei auf ein großes Schild mit der Aufschrift Notaufnahme zu. Offenbar musste ich nur um die Ecke und über den großen Vorplatz des Bettenhauses gehen, eine etwas längere Anreise dieses Mal – nun gut.

Am großen Haupteingang mit hell erleuchteter Glasfassade angekommen, überholte ich eine hochschwangere Frau, die von einem Mann gestützt wurde.

Aus dem rechten Augenwinkel sah ich, wie sie plötzlich in die Hocke ging. Ich drehte mich um. Im gleichen Moment kippte die Frau schon nach hinten, Fruchtwasser und Blut schossen aus ihr heraus. Der Mann fing ihren Sturz ab und schob ihr eine Jacke unter. Sie stöhnte, ihre Beine fielen auseinander, einfach so mitten auf einem zugigen Platz vor einem Krankenhaus. Ich schaute mich um, und hoffte, dass sich das Schild mit der Aufschrift „Notaufnahme“ ändert in „Dreharbeiten bitte Ruhe“. Nichts geschah.

Oh Gott das passiert nicht wirklich? Ich wollte doch nur 5 Stunden im Wartezimmer sitzen, Augentropfen und dann wieder heim. Das war der Plan. Wieso kann ich keine unaufgeregte Existenz irgendwo im Pfälzerwald führen? Die hochschwangere Frau stöhnte. „Brauchen sie Hilfe?“, wollte ich fragen, als ich plötzlich erkannte, dass nicht nur Fruchtwasser aus ihr kam, sondern ein kleiner Kopf. Ich spurtete los, und klopfte wie eine Irre an die Glasfront der Klinik. Der Pförtner deutete ängstlich auf die Drehtür. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffte ich es da durch: „Da bekommt eine Frau ein Kind direkt vor ihrem Eingang“ hechelte ich panisch über den Tresen.

Der Pförtner murmelte: „Ja ich weiß, ich hab gerade erst angefangen mit meiner Schicht, ich hab hinten anrufen und ein Rollstuhl ist unterwegs“. „Das wird nicht reichen guter Mann, das Kind ist quasi da“, sagte ich ruhig. Dabei wollte ich mit der flachen Hand auf den Tresen hauen und brüllen: „Bewegen Sie sich, das ist ein Notfall, ich will Durchsagen, Blaulicht, Sirenen!

Der Pförtner tippte etwas in seinen PC, er trug eine Fleecejacke mit der Aufschrift einer Security Firma. Zwei Sanitäter kamen durch die Tür, sie schoben eine Frau zum Fahrstuhl und beobachteten wortlos die blinkenden Knöpfe.

Scheiße wo sind diese Ärzte mit wehenden Kitteln, die mit Defibrilator aus der Klinik rennen, wenn jemand Hilfe braucht, so wie bei Greys Anatomy? Ich rannte aus der Tür Richtung Notaufnahme. Von dort kam mir immerhin eine Frau in blauer Hose und Hemd entgegen. Sie schob einen Rollstuhl und telefonierte. Ich brüllte: „Der Kopf ist schon da verdammt, rennen Sie!“

Irre, dachte ich, vor 10 Jahren habe ich irgendwo in diesem Gebäude mein Kind auf die Welt gebracht, und jetzt liegt da eine Frau davor in ihrem Fruchtwasser einfach so. WTF?

Ich wollte eigentlich gar nicht hierher damals. Ich wollte mein Kind in einem schönen kleinen Krankenhaus in Pankow auf die Welt bringen oder im Westend-Krankenhaus, wo die Backsteingebäude so pittoresk sind. Ich hatte die Wahl, ich konnte mir das damals noch aussuchen. Und dann kam alles anders. Ich entschied mich für diesen Kasten, weil ich eine wahnsinnig tolle Hebamme hatte, die hier als Beleghebamme arbeitete. Und das war auch gut so, denn statt einer eingeleiteten, weil überfälligen Geburt, ging es doch spontan los, dauerte 3 Tage und endete mit einem Geburtsstillstand und Notkaiserschnitt.

Eine Hebamme brauche ich nicht, alles easy, dachte ich am Anfang meiner Schwangerschaft hochmütig, Hauptsache Arzt im Kittel. Was hat diese Frau mit und für mich gekämpft, sie hat u.a. dafür gesorgt, dass ich mein Kind wenigstens einmal an die Brust legen konnte bevor es zur Beobachtung in den Brutkasten musste. Mitten auf dem Flur der Charité geschah das, eine Kolonne Putzfrauen kam vorbei und hat mir herzlich gratuliert. Hatte ich mir das Geburtserlebnis so vorgestellt? Tja.

Was weiß man schon als Erstgebärende, man bekommt einen gelben Mutterpass in die Hand mit ein paar Eckdaten und einem errechneten Geburtstermin, und ganz vielen Abkürzungen, und leeren Feldern in die nüchtern Ergebnisse eingetragen werden, die hoffentlich nicht von der Norm abweichen. In Deutschland wird ja alles ordentlich erfasst, und zerlegt in planbare Einheiten, deswegen ist rein rechnerisch auch für alle Frauen, eine effiziente Geburtshilfe möglich. Gibt genügend Krankenhäuser, nur eine Frage der Logistik, dann fährt man halt eventuell ein bisschen rum. Geburtsstationen sind keine Wohlfahrtseinrichtungen, sondern müssen wirtschaftlich arbeiten.

Rein theoretisch funktioniert einiges, vor allem wenn man es nüchtern in Zahlen und Leistungen verwandelt und abrechnet.

Aber wozu ist das gut? Muss Medizin nicht auch menschlich bleiben?

Wie wir auf diese Welt kommen und irgendwann von ihr gehen, ist das nicht besonders wichtig – etwas was zählt und einen Wert hat für unsere Gesellschaft?

Zurzeit wird darüber leidenschaftlich diskutiert. Hebammenverbände und Eltern verlangen eine sichere Geburt und sehen die Entwicklung der Geburtshilfe in Deutschland kritisch.

Eine Journalistin der Süddeutschen wünscht sich aktuell mehr Sachlichkeit in der Diskussion um die Geburtshilfe, weniger Gefühl, und mutige Politiker, die die richtigen Entscheidungen treffen, sie schreibt:

„Es ist nicht das Wichtigste, ob man in einem Krankenhaus ein schönes Geburtserlebnis hatte. Es ist zunächst einmal auch nicht am wichtigsten, ob man für die Geburt eine weite Anreise hatte. Wichtig ist, dass Mutter und Kind nach der Geburt wohlauf sind“.

Dazu stelle ich sachlich als schon einmal Gebärende fest: Eine Mutter, die eine lange Anreise hat, wenn sie in den Wehen liegt, und in eine Umgebung kommt, die nicht daran interessiert ist, ob die Geburt ein schönes Erlebnis ist, wird danach nicht wohlauf sein, und ihr Kind auch nicht. Ich finde es auch wenig beruhigend zu wissen, dass in Schweden weite Landstriche ohne Kreißsaal auskommen, und notfalls der Hubschrauber schwangere Frauen in die Klinik bringt – wobei die dann garantiert in einem großen, gut ausgestatteten Haus landen, wie es im Artikel erwähnt wird.

Wieso muss man Frauen so einem Stress aussetzen? Will man Mütter damit subtil darauf vorbereiten, was im Wochenbett und in den nächsten Jahren an Erschöpfung und Desinteresse auf sie zukommt? Und dass es keine Solidarität mehr bei uns gibt?

Ich übertreibe? Frauen sind immer so emotional? Gott sei Dank:

Zum Schluß noch mal richtig mit Gefühl und zum Mitschreiben: Eine Geburt ist keine Leistung, sie ist ein Wunder für jede(n) von uns. Sie ist der Moment, wo Leben und Tod ganz nah beieinander sind, sie ist nicht planbar, und ziemlich überwältigend für alle Beteiligen, vielleicht sollten wir das begreifen, uns leisten, und diesen Umstand mehr in den Mittelpunkt der Geburtshilfe stellen. 

PS: Ich frage mich seit gestern, ob es Geburtsanzüge gibt, so etwas wie diese Altersanzüge, die simulieren, wie man sich als 89 jähriger Mensch im Supermarkt bewegt, damit das Marketing sich besser einfühlen kann, was Kunden brauchen, um noch mehr Geld auszugeben. Von der gut funktionierenden Wirtschaft lässt sich ja ganz viel übertragen. Läuft bei uns ja seit einigen Jahren großartig – dieses Ökonomisieren der Gesundheit. Ich würde unsere(n) zukünftige(n) BundesgesundheitsministerIn, 2 – 3 StaatssekretärInnen, VertreterInnen von der GKV, diese Journalistin von der Süddeutschen – und vielleicht Angela Merkel in diese Anzüge stecken, und dann ein paar Stunden mit ihnen durch Berlin fahren, am besten mit lauwarmer Fruchtwassersimulation, im Anschluß kann man gemeinsam brüten, ob das alles in der Praxis so funktioniert, wie man sich das in der Theorie überlegt hat. Ich muss auch in den Anzug? Ich muss gar nix. Meine Geburt war wie drei Geburten, davon hab ich bis heute was. Ansonsten gilt: MÜTTER MÜSSEN IN DIE POLITIK!

PPS: Ich musste übrigens noch in ein anderes Krankenhaus, weil es gar keine Augenabteilung mehr an diesem Standort gibt. Als ich wieder zurück zum Haupteingang kam, war das Baby gerade da. Eine Ärztin im Kittel, sagte emotionslos in ein Telefon: Ich mach dann jetzt Abnabelung.

Ich hoffe Mutter und Kind sind wohlauf, sage ich.

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