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rein theoretisch geht alles

Perlen im Fluss: Fädeln, Tauchen, Untergehen

Mir sind schon aberwitzige Sachen passiert im Leben. Ganz viel schöne Dinge und ganz viel nicht so schöne. Wenn ich die Augen schließe, und alles was bisher geschehen ist, wie auf einer Perlenschnur aufreihe – schwarze Perlen für die „schlechten“ Dinge und weiße Perlen für die „guten“, dann ergibt sich eine lange Kette mit interessantem Muster.

Zwischen schwarze und weiße Perlen reihe ich nämlich in letzter Zeit ab und an eine silbergraue Perle ein, für die Momente, wo kein spektakulärer Ausschlag nach oben oder unten passiert.

Diese „grauen“ Phasen in denen das Leben ein leicht trüber Fluß ist, in dem man auf dem Rücken treibt und in den Himmel starrt, während das Wasser am Körper entlang plätschert, und ein bisschen Gänsehaut macht. Die gibt es auch, die weiß man sehr zu schätzen, wenn das Leben vorher eher so war wie dieser Film mit Meryl Streep, in dem sie leider mit Kevin Bacon nur mörderisches Rafting macht. Tja.

Ich bin beim Rafting in der Ardèche übrigens mal spektakulär über Bord gegangen, danach habe ich wild geknutscht, aber das ist eine andere Geschichte. Dafür gäbe es in jedem Fall eine fette weiße Perle. Wie auch immer: Ich hänge mir meine schwarz-weiß-graue Lebens-Perlenkette mittlerweile stolz um den Hals und denke: Sieht gut aus. Ich denke nicht: Oh Gott dieses schreckliche Muster, so hab ich mir das nicht vorgestellt, und schmeiße sie verschämt oder sauer in einen Karton.

Warum das Leben nicht nur schwarz und weiß ist, auch wenn es so aussieht:

Vieles ist eine Frage der Wahrnehmung. Mit Abstand, Arbeit und Kreativität, werden Katastrophen, Krisen und Verluste weniger groß und gewichtig. Ich kann das für mich behaupten. Ich hatte Zeit darüber nachzudenken und bin sozusagen voll im Perlenketten-Training.

Letzte Woche hatte ich Geburtstag – ich bin in meinem Leben jetzt da angekommen, wo Männer früher feststellten: Da geht noch was, plötzlich zum Friseur gingen, um ihr schütteres Haar zu färben, und einer Frau, die garantiert nicht mit ihnen verheiratet war, verschämt eine Perlenkette um den Hals hingen. Midlife-Krise nannte man das. Manche Menschen haben die auch fast ihr Leben lang. Sie sind ständig unzufrieden mit dem was ist.

Ich war letzte Woche z.B. nicht beim Friseur. Früher gehörte das für mich für einen rundum gelungenen Geburtstag dazu. Ging dieses Jahr nicht. Kenne ich schon. Letztes Jahr, war das auch nicht drin, da war ich am Geburtstag auf einer Insel, wo der Friseur nur eine Haartönung für alle vorrätig hat. Ist das schlimm. Nein. Ich stelle seit einigen Jahren mehr fest, dass es so war oder ist. Ich bewerte Dinge, die mir geschehen nicht mehr.

Ich mache daraus keine dicke schwarze Perle oder einen fetten dunklen Stein. Das ist ein großes Glück. Gibt leichtere Ketten. Wenn dann die richtig dicken Brocken im Leben kommen, ist noch genug Kraft, um sie zu tragen, und man bleibt leichter mit dem Kopf über Wasser. Ich habe mich entschieden, dass nicht alles Ballast ist, und ich mir nicht alles um den Hals hänge, was dort keinen Platz hat. Das war eine kluge, wichtige Entscheidung.

Mühlsteine, Flusskiesel und was du dir statt dessen um den Hals legen solltest:

Ich habe viele Jahre mit Mühlsteinen um meinen Hals gelebt, statt mit Perlen, und habe dieses Gewicht mit Felsen auf meiner Schulter ausbalanciert. So etwas schafft keine Standfestigkeit, sondern schlaucht ungemein. Zwischen all dieser Schwere, wo soll da noch diese stetig wachsende Perlenkette quasi Mitgift des Lebens hängen? Wie soll man locker und entspannt bleiben – aussehen, wie Meryl Streep beim Rafting im wilden Fluß oder der letzten Oscarverleihung?

Geht so nicht. Im Gegenteil: Dieser Irrsinn macht jedes Fortkommen schwer, er  zieht dich runter, und gerade das braucht kein Mensch:

Das Leben ist und war nämlich noch nie ein langer ruhiger Fluss.

Warum das Leben über uns hereinbricht:

Wir Menschen – vor allem hier in der westlichen Welt – haben es dazu gemacht. Wir kontrollieren uns und das Wasser so gut wir können. Wir treiben quasi in einem eingefassten Flußschwimmbad. Wir filtern unangenehme Dinge aus so gut es geht. Wir rufen Wassertemperaturen ab, bevor wir eine Zehe ins Becken halten.

Wir stellen Regeln auf, und setzen Bademeister an den Rand. So treiben wir scheinbar zufrieden und sicher vor uns hin. Wir lernen schwimmen. Wir machen unser Seepferdchen, diese ganzen Schwimmabzeichen, weil sich das gehört. Und plötzlich geschieht etwas. Du kommst ins Trudeln, vielleicht geht dir die Kraft aus, das Wasser ist zu kalt? Irgendein Vollpfosten ist vom Beckenrand auf dich gesprungen? Oder du bist gar nicht im gewohnten Schwimmbad, aber kopfüber in einen wilden Fluß oder tiefen See gesprungen, weil unten eine Perle glitzerte oder das Wasser so schön aussah oder Kevin Bacon mit dir Boot fahren wollte? Du bist gekentert oder jemand hat dich einfach rein geworfen? Tja.

Du hättest es besser wissen sollen oder machen, dich schützen?

Manchmal kannst du gar nichts machen. Ausser tauchen, Perlen finden und auffädeln.

Perlenketten und Luftmatratzen – einige Überlebensstrategien:

Ich schwimme jetzt schon recht lange. Eigentlich hab ich den Freischwimmer, manchmal geht mir die Puste aus, dann klammere ich mich frech an eine Luftmatratze. Das alles macht mir nicht nix aber immer weniger aus. Hauptsache ich komme klar, und meine Kette rutscht nicht in den Abfluss, oder ich.

Manche Menschen haben einfach Glück im Leben, die bleiben trocken oder schwimmen immer oben, hat eine kluge Therapeutin mal gesagt. Sie meinte das gar nicht so böse, wie es klingt. Es heißt einfach, dass einige von uns trotz aller Vorsorge, Planung und Umsicht, nicht gegen alles im Leben gerüstet sind, oder vermeiden können, das sie untergetaucht werden oder naß.

Inzwischen habe ich mir angewöhnt das was geschieht so hart zu bewerten. Ich bin nicht mehr darauf bedacht, völlig trocken zu bleiben, oder eben nur weiße Perlen zu finden und zu fädeln. Oder mir ständig Brocken, um den Hals zu legen, selbst, wenn es nur kleine, feine Flusskiesel sind bei näherer Betrachtung.

Für mein neues Lebensjahr habe ich mir keine neue rein weiße Reihe für meine Perlenkette vorgenommen, sondern dass ich mehr annehme was ist, und daraus etwas mache, was zu mir passt.

Es wird übrigens bei Notyetaguru auch bald etwas neues kommen. Und ich wünsche mir etwas von Euch. Dazu bald mehr. Für heute ist das erstmal genug. Ich tauche ab.

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