Ich wohne in einem Kiez in dem überwiegend Menschen mit sehr guten Einkommen leben. Gibt auch welche, die haben geerbt, wieder andere, die erschreckend kleine Minderheit, lebt in bescheidenen Verhältnissen – und dann gibt es noch die Airnb-Kurzzeiteinwohner. Trotz aller Unterschiede haben sie eines gemeinsam: Den Discounter um die Ecke. Früher war das ein nicht besonders gemütlicher blau-gelber Ort, inzwischen passt der Markt prima in unseren durch Gentrifizierung uff gehübschten Kiez. Es gibt dort Bioprodukte und Delikatessen, die von irgendwo herkommen, wo es vielleicht nicht so schön ist, wie auf der Packung steht. Alles ganz kuschelig im Gegensatz zu früher. Immer irre günstig, aber mit gehobenem Anspruch.

Nur die Mitarbeiter sind noch ein bisschen widerborstig. Sie sind ganz normale Menschen und passen irgendwie nicht so recht in diese „hippe“ Umgebung, obwohl sie alle die gleichen Poloshirts tragen. Sie bemühen sich, nicht besonders aufzufallen. Sie machen routiniert ihren Job. Kasse, Regale, Lager – lächeln und wieder von vorne. Manchmal setzen sie aus. Dann schauen sie fassungslos an der Kasse nach oben, weil jemand unablässig telefoniert und sie nicht beachtet, obwohl sie schon dreimal gesagt haben: „Sie können jetzt die Geheimzahl eingeben, YOUR PIN PLEASE – HALLO?“

Dann steht die hyperaktive Schlange an der Kasse einen Moment lang still, und lässt den Blick wandern. Ich studiere in so einem Moment sehr gerne Tätowierungen, die in Berlin quasi zum Selbstausdruck gehören. In unserem Kiez sind sie dezent – kleine Symbole, die zeigen: Ich kann Yoga, liege nach dem Berghain detoxend im Park, hab die Welt gesehen, und mach irgendwas gut bezahltes mit Medien. Die Discountermitarbeiter verdienen nicht so üppig und mögen es eher bunt und groß, wenn es um die eigene Haut geht. Selbst wenn sie außer Dienst sind, und keine Poloshirts mehr tragen müssen, würde man sie sofort erkennen.

Doch zurück zu den wichtigsten Menschen im Markt und wie sie so ticken: Zwischen den Regalen bewegen sich Kunden, die Nachbarn sind, und sich vom Sehen kennen. Trifft man einen, nickt man kurz, oder lässt höflich den Vortritt am Plastiktütenspender in der Obst-und Gemüseabteilung. Aber ein kurzes Schwätzchen hält man nicht. Höchstens mit Nachbarn, die schon länger in diesem Kiez leben als man selbst, die haben nämlich kein Smartphone und keine virtuelle Distanz.

Es gibt wenige Kunden, die mit Menschen jenseits ihres Touchscreens in Berührung kommen oder sprechen beim Einkaufen. Kommt das vor sind das Sätze wie: Excuse me do you know where the toilet paper is? Or soy milk? Why the fuck don’t they have oat milk? Du nervst mich mit Deinen Fragen! Gibt es hier irgendwo gesalzene Fassbutter? Hast Du den Tisch im Cecconi’s bekomme? Heinrich komm jetzt sofort hierher! Wo ist denn das Regal mit den Biowaren? Oder der Klassiker: MACHEN SIE DOCH ENDLICH EINE ZWEITE KASSE AUF! Der fällt wann immer mehr als drei Menschen an der Kasse anstehen.

Gestern war das auch wieder so. Mitten in der Menge aufgebrachter Menschen in Eile, versuchte eine kleine alte Dame in Zeitlupentempo zum Regal mit den Reinigungsmitteln durchzukommen. Das ging sehr schnell, denn die ungeduldige Schlange teilte sich panisch bei ihrem Anblick. Man wich aus mit Körpern und Blicken. Es bildete sich eine Art Discounter-Rettungsgasse, die der ADAC als Lehrbeispiel für alle seine Mitglieder nutzen könnte. Verunsicherte Menschen schauten verstohlen herab auf jemanden, dessen Gesicht man nicht erkennen konnte. Ich überlegte kurz, ob das nur übertriebene Höflichkeit war, doch in den meisten Augen sah ich Angst oder Scham aufblitzen. Ich war verwundert.

Warum löst eine kleine alte Dame mit großem Buckel, so eine Reaktion aus? Das ist nicht zum ersten Mal, dass ich das erlebe. Sie gehört zur Nachbarschaft. Ich sehe sie oft auf der Straße oder eben hier. Ich schaute ihr nach, weil ich sicher gehen wollte, dass sie findet und greifen kann, was sie sucht. Sie kam zurecht. Die alte Dame hat sich mit ihrem Körper arrangiert, so gut dass eben geht. Sie hat sich ihre Selbstständigkeit bewahrt. Geschickt packte sie das Reinigungsmittel in den Wagen und reihte sich dann in die Schlange ein.

Ich stand drei Kunden hinter ihr. Ich spürte das Unbehagen der Menschen vor mir, die es wahnsinnig eilig hatten. Für die ist die alte Dame ein Hindernis auf dem schnellen Weg nach draußen. Vor allem für den Mann vor mir, der hatte nämlich den Satz mit der Kasse gebrüllt, und sich dann an einer Mutter mit Kindern vorbeigedrängt. Soweit so gut und jetzt das.

Das Leben hat ihm die nette krumme Dame vor die Füße gespült. „Gut, dass sie dem Mann nicht ins Gesicht schauen kann, das ist so ein bisschen wie die Weniger Beiträge anzeigen-Funktion bei Facebook“, denke ich. Dann schäme ich mich dafür, dass ich das gedacht habe. Ich tue Buße, ich lese bei einer Frau auf dem Handy mit, die einen Tinder Chat hat mit einem Mann, der wahrscheinlich noch bei seiner Mutter lebt und offensichtlich bindungsgestört ist. Ein Mann in der Schlange gegenüber findet sie sehr süß, aber sie sieht ihn nicht. Dabei war der eben so höflich am Regal mit den Tiefkühlprodukten. „Wahnsinn“, denke ich, und überlege, ob er vielleicht seinen Vollbart abrasieren würde für mich. „Mein Gott“, rufe ich mich zur Ordnung, „ich bin nur zum Einkaufen hier – wie alle“.

Ich rücke 2 Schritte nach vorne, und packe meine Waren aufs Band: Gummibärchen, Haselnuss-Eis, Bio-Tomaten, Raps-Öl, Mülltüten.

Dann stoppt das Band unvermittelt. Die Menschen vor und hinter mir werden sofort unruhig. Sie schauen irritiert von den Smartphones auf und schnauben. Die alte Dame begrüßt die Kassiererin. So etwas mögen Kunden, die an der Kasse stehen nicht so gerne. Ich kenne das, passiert mir auch manchmal, ich sage immer Hallo und manchmal überbrücke ich die Zeit mit dem Warten auf die Abbuchung von der EC Karte mit einem 36 sekündigen Freundlichkeits-Halbsatz. Die Kassiererin versucht gleichzeitig die Waren über das Band zu ziehen, und sie in den Wagen der alten Dame zu bugsieren. Das funktioniert nicht gut, deshalb stoppt das Band.

Das einfachste wäre, wenn der Mensch, der hinter der Dame in der Schlange steht, hilft. Oder eben dann der nächste. Es rührt sich nichts. Und so tue ich etwas, was eigentlich völlig normal ist, aber irgendwie nicht mehr so richtig funktioniert. Ich drängele mich höflich nach vorn und sage: „Ich helfen Ihnen ok?“ Ich spreche sie einfach an, denn sie ist ja hier, und sie gehört dazu. Sie dreht ihren Körper in meine Richtung. Ihre Augen funkeln wach und freundlich. Sie sagt: „Ja Danke.“ Alles kein Problem – rein theoretisch und PRAKTISCH.

Just do it more often. Thank you.

Sincerely yours.

Universe.