Aufmerksame Leser und Menschen, die mich persönlich kennen, wissen, dass ich ein heißgeliebtes Hobby habe. Ja das auch, aber meine Yoga-Lehererin bemerkte vor kurzem sehr richtig: „Sag mal Tango ist ja voll Dein Ding, du postest dazu immer so viel (in meinem privaten FB Account).“ So ein Satz löst bei mir leider immer noch ein leicht schlechtes Gewissen aus. „So viel“ als Mengenbezeichnung ging bei mir lange Zeit nur in Sätzen, die garantiert nichts mit Vergnügen zu tun hatten. Und dann bin ich ja auch noch alleinerziehend. Wie kommt so jemand wie ich ausgerechnet zum Tango?

Tango oder was man bis 40 alles gemacht haben sollte:

Vor 13 Jahren war ich noch keine Mama und freigestellt zwischen zwei Jobs: Wahrscheinlich habe ich damals einen dieser Artikel in einem Frauenmagazin gelesen, die immer von einer 26 Jährigen Volontärin geschrieben werden und Titel tragen wie „30 Dinge, die Frau tun muss bevor sie 40 wird“ (und alles vorbei ist).

Ich googelte „Tango Argentino Berlin Kurs“ – und fand ein Tango Studio um die Ecke meiner Wohnung. Rein theoretisch großartig. Ich erfuhr aber: „Oh tut mir leid, ohne Partner kannst du leider keinen Kurs machen“. Ach so? Ich diskutierte den Mann am Telefon schwindelig bis er versprach: „Ok ich versuche jemanden zu finden“. Hat er auch. Einen Salsa tanzenden Psychotherapeuten mit Hang zu übergroßen Gürtelschnallen.

Ich machte meinen Frieden mit meinem Tanzpartner, meinen ersten Kurs, dann einen zweiten und dann immer weiter. Und als ich wieder keinen Partner mehr hatte, weil der Therapeut wieder zum Salsa desertierte, machte ich einfach alleine Technikkurse. So ging das bis mein Sohn auf die Welt kam.

Mutter werden oder alles anders oder nicht?

Manchmal frage ich mich, was passiert wäre, wenn ich nicht Mutter geworden wäre. Würde ich inzwischen in Buenos Aires leben, von was auch immer, und mit beidseitigem Hallux valgus, die Nächte durch machen? Das ist gar nicht so weit hergeholt:

Es gibt tatsächlich Menschen für die dieser Tanz eine Sucht ist. Sie entdecken in einem profanen Anfängerkurs, dass in ihrem deutschen Durchschnittskörper eigentlich eine südamerikanische Dschungelkatze steckt. Passiert ständig, in Berlin, in Paris, sogar in Plauen im Vogtland.

Die meisten TangotänzerInnen wandern zwar nicht nach Buenos Aires aus, sind aber trotzdem ein bisschen auf der Flucht (manch eine(r) ist beim Tango auch auf der Pirsch hört man).

Warum Mütter mindestens ein Hobby brauchen:

Ich tanze – wenn alles gut geht – immerhin einmal die Woche am Sonntagnachmittag, manchmal sitze ich auch und gucke zu wie andere tanzen. Im Tango ist das nämlich wie sonst im Leben: Läuft mal so, mal so – vor allem für Frauen ü 30. Das nehme ich inzwischen gelassen wahr und hin. Dabei hilft mir mein zweites Hobby: Yoga. Oder Käsekuchen, den es in meiner Lieblings-Tango-Veranstaltung gibt.

Vor ein paar Jahren lief es beim Tango und überhaupt im Leben so gar nicht. Ich war kurz davor das Tanzen aufzugeben. Eine Freundin wollte das nicht akzeptieren. Sie fragte mich eines Tages:

„Willst Du mit mir zu einem Tango-Marathon nach Italien zu fahren, L. kann nicht.“ „Du spinnst doch“, war meine erste Reaktion. „Drei Tage von morgens bis abends Tango – mit mir tanzt ja sowieso keiner“, jammerte ich? „Dann pfeifst Du halt uff die Kerle, gehst raus an den Strand, legst dich mal 3 Tage in die Sonne und machst mal nix oder isst den ganzen Tag Eis“ erhielt ich als Antwort.

Dieser Satz war genau das was die gestresste Mutti brauchte. Ich reaktivierte meinen Sophia-Loren-Gedächtnis-Bikini, kaufte einen Großfamilien tauglichen Vorrat an Sonnenmilch LSF 50 und hopste im Spätsommer in den Billig-Flieger Richtung Pisa. Und siehe da: Unter der südlichen Sonne fernab von allem Stress machte es Plöpp: Die in mir schlummernde Andenkatze schüttelte jegliche Komplexe aus dem Fell und tanzte bis die Füsse nicht mehr konnten.

Kleine Fluchten oder was dir im Alltag hilft:

Das ist jetzt 3 Jahre her. Seitdem toure ich mindestens zweimal im Jahr zu einer Tango-Veranstaltung im europäischen Ausland. Mutti auf der wohlverdienten Flucht! nenne ich das. Ein Wochenende fernab von allen Alltags-Verpflichtungen entspricht drei Mutter-Kind-Kuren bzw. einem Spa-Aufenthalt in Südfrankreich oder einer sehr erfreulichen Affäre. Jedenfalls sehe ich danach immer so aus, wurde mir bescheinigt, obwohl ich fix und fertig bin nach der ganzen Tanzerei. Meine gute Laune nach einem solchen Wochenende nicht zu vergessen. „Oh Mann Mama fahr bloß wieder zum Tango Du bist so motzig“ rät mir mein Kind jedenfalls immer nach drei Monaten.

Dieses Jahr stand Estland als erste Destination des Jahres auf dem Programm. In Tallinn trafen sich Ende April ca. 200 Tango-Verrückte aus aller Welt auf einer Burg. Und weil meine Mutter dankenswerter Weise großzügig als Babysitter einsprang – gelang mir eine spektakuläre 5 Tage-Auszeit vom Berliner-Alltags-Wahnsinn!

Tallinn entdecken heißt sich verlieben:

Und das war auch gut so, weil Tallinn ist der Hit. Die Esten sind freundliche Menschen, ein bisschen reserviert zu Anfang, aber sehr herzlich. Die wunderschöne Innenstadt hat einen sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Kern: Verwinkelte Gassen, Kirchen, Kopfsteinpflaster und schnuckelige Cafés – shoppen kann man auch, fällt allerdings aus Budgetgründen bei mir zurzeit flach.

Altstadt von Tallinn

Aber gegessen habe ich, und zwar sehr gut und günstig und irgendwie ständig  – u.a. eine fabulöse Meringue-Torte, die eine unfassbare Stöhnorgie und spitze Begeisterungsschreie auslöste. Ein älteres Ehepaar guckte sehr irritiert, meinen Begleiter – ein guter Freund, der mich schon sehr lange kennt, brachte das nicht aus der Ruhe. Warum auch:

Das Tempo der estnischen Hauptstadt ist gemächlich, vom Meer her weht eine sanfte Brise. Am letzten Wochenende im April sogar ein kleiner Schneesturm: Das ist genau das was gestresste Menschen brauchen. Du wirst quasi ad hoc entschleunigt, vor allem wenn du mit einem der Linien-Busse durch die vom Schnee verwehte Stadt zockelst.

Meringue Torte, Busfahren und andere tolle Sachen:

Essen in Tallinn

Ich wohnte nämlich nicht in der Innenstadt, sondern in einem Außenbezirk – in einem Hostel, das näher an der Location war und sehr sehr günstig (12 EUR pro Nacht im 2er Zimmer, das ich mit einer finnischen Freundin teilte). Busfahren oder überhaupt die Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs sind eine gute Sache – auch in Tallinn. Es gibt eine Karte für Touristen, die kostet 7 EUR für (3! Tage) – zu kaufen an einem R-Kiosk (gibt es auch im Flughafen schon).

Das Busfahren an sich gestaltete sich etwas abenteuerlich, da viele ältere Esten und die Busfahrer kein Englisch verstehen – wenn du Pech hat sind das die Menschen, die deine Frage nach der Haltestelle mit einem freundlichen Achselzucken beantworten. Ansagen gibt es nur in den neueren Bussen. Ich behalf mir mit Google Maps, ich verfolgte einfach die Route mit und stieg an der für mich richtigen Haltestelle aus. Wäre ich nicht zum Tango-Marathon gekommen, hätte ich mir definitiv ein Hostel im Zentrum gesucht. Oder ein Airnb-Quartier.

Kalamaja

Marathon-Tänzer wählen die Distanz zwischen Bett und Tanzfläche allerdings mit Bedacht. Jedenfalls ich: Ich bin mal in Norwegen nachts um 4 Uhr sehr viele Treppen an einem Fjord hochgestiegen und dann noch in die falsche Richtung. Als ich endlich im Bett lag, bogen sich meine kleinen Zehen bis zum Aufwachen nach oben. Ich dachte ich muss mit dem ADAC Flieger die Heimreise antreten. Bei diesem Marathon sollte mir das auf gar keinen Fall passieren. Ging auch alles gut.

Was man unbedingt machen muss in Tallinn:

an dieser Stelle vielen Dank an Kaja, eine reizende estnische Tangotänzerin, die uns ganz viele Tipps gegeben hat!

Cafés (Kohvik auf Estnisch):

  • Kohvik Must Puudel – da hatte ich Porridge und einen Smoothie, der im Suppenteller serviert wurde mit Löffel (seltsam aber gut).
  • Epic Coffee – in der Tat episch guter Kaffee und fantastische Franzbrötchen, ganz kleiner Laden.
  • Nop Café – sehr schönes Ambiente, gutes Essen – in einem alten Holzhaus, will man gar nicht mehr weg
  • Café Amore: diese Meringue Torte ich stöhne immer noch

Was man überhaupt und sonst so machen muss in Tallinn:

  • Telliskivi Park – das Hipster-Epi-Zentrum von Tallinn. Streetfood, Design, Kunst – so cool wie Mitte vor 15 Jahren (seufz)
  • Kalamaja angucken – ein Stadtviertel in dem früher die Fischer lebten
  • zum Fischmarkt gehen oder fahren: Auch bei Windstärke 6 und Schneesturm sehr lustig
  • Günstige Mitbringsel aus Tallinn: Honig, Trockenfisch, Buchweizen, Sanddorn-Marmelade, Leinen-Servietten, Stofftiere aus Filz, Craft-Bier, Holzlöffel

Und wer jetzt seufzt und sagt: Ich habe gar keine Zeit für Hobbys und wegfahren kann ich auch nicht mit den Kindern. Alle Mütter mit Mann: WHAT? Alle Mütter ohne Mann: Erst recht WHAT!

Warum Mütter ein Recht auf sich selbst haben und was andere davon haben:

Egal in welchem Beziehungsstatus Ihr seid: Bitte sucht Euch Unterstützung und schafft Euch Auszeiten. Es ist so wichtig, dass ihr etwas nur für Euch macht. Und wenn es nur 15 Minuten sind am Tag. Dröge auf der Yogamatte liegen und ab und zu eine Zehe anspannen und wieder loslassen geht auch für den Anfang. Ihr lacht? Wann habt ihr das mal gemacht? Ich hab meine Zehen und den Rest von mir Jahre lang ziemlich selbstverständlich vernachlässigt – und zwar schon bevor ich ein Kind hatte.

Zeit für sich haben in diesem ganzen Wahnsinn: Das muss einfach gehen.

Nehmt eure Partner in die Pflicht, ob aktuell oder Ex- , wenn das nicht geht, versucht Euch mit anderen Müttern abzuwechseln – baut euch Netzwerke bzw. sucht Euch Fluchthelfer. Gebt Euch nicht auf – vor allem nicht und GERADE nicht wegen der Kinder.

PS: Ich zeige hier bald Mini-Yoga-Sequenzen, die ihr prima zuhause machen könnt.

Und wer gern mal Tango ausprobieren will, der sollte sich trauen. In Berlin gibt es wahnsinnig viele Studios, Lehrer und Stile. Und sogar in Plauen im Vogtland kann man Tango Argentino tanzen lernen.