Heute morgen habe ich mich gefreut. Ich habe die neue Ausgabe der Brigitte MOM durchgeblättert. Und irgendwo hinten auf einer Seite war ich. Huch. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Mein Blog wurde vorgestellt und empfohlen. Mit der Beschreibung: „(…) bloggt vor allem (aber nicht nur) über den Vereinbarkeitswahnsinn.“

Dass ich es mal in ein Müttermagazin schaffe mit meinem Blog hätte ich nie gedacht. Eigentlich weiss ich nämlich gar nicht so recht wie das geht mit dem Mutter sein. Ich mache das halt einfach. Bleibt mir auch nichts anderes übrig. Vor neun Jahren hat es mich eiskalt erwischt: Die übergroße Liebe auf den ersten Blick zu einem unbekannten Wesen aka mein Kind, und dieser ganze Irrsinn darum, den man „Alltag“ nennt aka schöner „Wahnsinn“.

Alles anders, wenn das Kind kommt: z.B. bekommst du ganz viel, aber dafür fällt dramatisch viel woanders weg. Zum Beispiel Zeit – oder Unkompliziertheit. Wobei beides noch vorkommt, aber verdammt teuer erkauft. Entweder mit einem schlechten Gewissen, oder mit Geld. Oder beidem – kurzum es ist anders als man sich das in der Theorie so vorstellt, wenn man von Hormonen vernebelt, Vornamenbücher durchliest, und denkt: Mann ist das schwierig.

Kopfsteinpflaster geht immer gut von weitem und von oben:

Heute ruckelte ich übers Kopfsteinpflaster mit meinem himmelblauen Fahrrad und dachte: Kinderhaben und Kopfsteinpflaster hat mehr miteinander zu tun als man denkt. Kopfsteinpflaster sieht so schön aus – von oben oder weitem, auf Postkarten, in Filmen, von bodentiefen Panoramafenstern aus, oder wenn man mit einem 56.000 EUR SUV in gemächlichem Tempo drüber fährt und telefoniert, während die Nanny hinten auf der Rückbank das Kind bespaßt .

Wenn du mit einem Durchschnittsrad und -hintern über Kopfsteinpflaster fährst und es eilig hast, ist es die Hölle.

Kinderarzt: Wie man dran kommt und relativ unbeschadet wieder raus

Ich war auf dem Rückweg zum Kinderarzt, wo ich mit anderen Eltern in der Schlange stand. Ich hatte Glück, ich war ganz schnell wieder raus mit einem Rezept in der Hand. Ich bin inzwischen sehr effizient und geübt. Ich weiss genau zu welcher Sprechstundenhilfe oder Schwester ich gehe. Ich erspähe nämlich schon aus der Schlange heraus meine Favoritin.

Und jetzt alle mal die Ohren spitzen: Ich gehe nie zu der kinderlosen Berufsanfängerin. Ich gehe immer nur zu der die so guckt, als hätte sie auch schon um 9 Uhr die Nase voll – die weiß nämlich was das Leben mit Kindern so mit sich bringt und hat Verständnis. Selbst wenn diese Frau mürrisch guckt und blafft, während man langsam aufrückt. Ist mir egal. Denn weil ich schon 20 Jahre Öffentlichkeitsarbeit mache (Charmeoffensive mit Hintergedanken), kann ich damit umgehen. Heute auch. Wichtig ist der erste Eindruck immer und vor allem hier:

Also sage ich zuallererst: Guten Morgen. In einem freundlichen Ton. Der Gruß sollte fröhlich sein, ohne große Übertreibung. Wenn ein Ruck durch die Schlange geht, und alle vom Smartphone hochgucken, war es definitiv zu laut.

Merke wenn nix geht: Musst du auf DOCH verzichten! Doch…

Heute Morgen traf ich gleich den richtigen Ton. Eine Mutter neben mir hatte Pech. Sie hatte drei Kinder, eines davon war krank. Mit einem ca. 4 Monate alte Baby auf dem Rücken, und sichtlich abgekämpft stand sie am Empfangstresen. Sie sprach mit der zweiten Sprechstundenhelferin, die unempathisch auf ihren Monitor starrte, und ohne aufzusehen, Daten in die Tastatur hackte. Die übernächtigte Mutter sagte folgenden Satz: „Ich wohne jetzt hier im Einzugsgebiet, sie müssen mich dran nehmen. Sie kassierte daraufhin einen Blick, der hieß: ICH MUSS GAR NIX.

Oh Gott dachte ich: Die arme Mutter. Und während ich darauf wartete, dass meine Rezepte und Verordnungen aus dem Drucker kamen und motivierende Füllsätze wie „Ach Gott überall diese Pollen“ über den Tresen warf, weil meine Sprechstundenhelferin immer wieder stöhnend Fussel vom Shirt fing – und drohte die gute Laune zu verlieren, ging neben mir fast nix mehr.

Die abgekämpfte Dreifach-Mutter bekam richtig eingeschenkt.

Dialoge, die keine Mutter braucht:

Die höchstwahrscheinlich kinderlose Sprechstundenhilfe: „Aber wo waren sie denn vorher beim Kinderarzt“.

Mutter: „In Wilmersdorf (Hinweis: das ist von Mitte gefühlt so weit weg wie Essen von Bochum) aber wir wohnen ja jetzt hier“

Sprechstundenhilfe: „Aber dann haben sie da einen Kinderarzt“

Mutter: „Aber ich kann doch nicht mit drei Kindern, davon eines richtig krank durch die ganze Stadt mit der BVG“

Sprechstundenhelferin: „DOCH“.

Mutter: „Aber das geht doch nicht – ich meine das schaffe ich nicht“

Sprechstundenhelferin: „Das müssen sie, sie können nicht einfach den Kinderarzt wechseln – das geht nicht“.

Ich klinke mich in das Gehirn der Dreifach-Mutter ein und denke: Wenn du jetzt ein Fass aufmachst, kommst du erst 11:45 Uhr dran. Die ruft dich auf, wenn du schon mit einem Leben in Freiheit abgeschlossen hast, dabei wirft sie dir einen triumphierenden Blick zu, der sagt: „Ich habe Zeit, ich muss gar nix Schätzchen und ich verhüte bis der Richtige kommt.“ Willst Du Das???

Die Mutter hier und jetzt neben mir hatte anscheinend meine Schwingungen aufgefangen: Sie sagte nichts, guckte devot, setzte sich schweigend ins Wartezimmer und fiel mit offenen Augen in einen wohlverdienten Sekundenschlaf. Kenne ich. Ich wünschte meiner Sprechstundenhilfe „Einen schönen Tag“, überlegte ob ich mich einfach auch kurz ins Wartezimmer setze, und ein bisschen ausruhe, erinnerte mich aber an meine klopapierrollendicke to do Liste. Ich trällerte: „Danke“ – und lief zu meinem Fahrrad.

Auf dem Heimweg brettere ich über pittoreskes Kopfsteinpflaster, und stellte fest, wie unflexibel, starr und unbequem vieles ist, oder wird, wenn du Kinder hast. Warum müssen sich Mütter immer an alles anpassen – ich meine nix gegen Kopfsteinpflaster, aber wo verlegt man denn überhaupt heutzutage noch Kopfsteinpflaster? In 90% der Fälle sind das verkehrsberuhigte Zonen. Würde irgendein Verkehrsplaner so einen Belag für eine stark befahrene Straße wählen? Ich habe gar nichts gegen Kopfsteinpflaster, aber dann soll sich auch bitte keiner beschweren, wenn ich da langsamer drüber fahre oder ganz absteige, oder das Rad vielleicht mal zickt.

Übertragen auf die Kinderarzt-Geschichte: Warum muss eine Mutter durch die halbe Stadt fahren mit kranken Kindern? Und denkt jemand das ist ok. Gibt es dazu irgendeine Verordnung? Rein theoretisch hatte ich ja mal gute Beziehungen zu einem Ministerium, dass sich damit auskennt. Das hat doch irgendjemand abgesegnet, der entweder keine Kinder hat, oder mindestens eine Frau, die eigentlich nicht mehr arbeiten muss, oder eine Nanny, oder ein Auto – oder alles zusammen?

Das was vermeintlich richtig ist, aus einer Helikopterperspektive, kann sich ziemlich falsch anfühlen, und es werden, für die emsigen Arbeiter-Ameisen da unten.

Es ist an der Zeit sich mehr in den Alltag, die Bedürfnisse und Herausforderungen von berufstätigen Eltern einzufühlen, dazu muss man nicht unbedingt Kinder haben, aber gesunder Menschenverstand und ein Mindestmaß an Einfühlungsvermögen helfen.

Wenn die Anpassungsleistung immer von berufstätigen Müttern verlangt oder geleistet wird, wird sich leider nichts ändern. Im Gegenteil.

Apropos: Kurz vor dem Haus von der Frau Dr. Angela Merkel hört das Kopfsteinpflaster übrigens uff. Just saying.

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