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rein theoretisch geht alles

Familienpolitik: Gehts noch? Warum Eltern mal ganz hurtig in die Trotzphase kommen sollten bevor die Bundestagswahl vorbei ist

Kürzlich ist mir was passiert. Ich bin aufgewacht und war wieder voll in meiner Trotz- äh Protestphase. War ich über Nacht in einen Jungbrunnen gefallen? „Offensichtlich nicht“, ätzte mein Spiegel. Mir egal: Ich strotzte vor Energie, wusste genau was gut für mich ist, und was ich auf gar keinen Fall weiter mit mir machen lassen werde – auch wenn einer vermeintlich mehr Ahnung hat.

Warum Protestkinder hier & jetzt gebraucht werden:

In den wilden 70ern fühlte ich mich ganz oft so – meine Eltern könnten das bestätigen. Ich war ein kesses hochsensibles Protest-Kind mit einer Vorliebe für Latzhosen. Dabei war mein Umfeld bürgerlich mit einem minimalen Resthauch von Bergarbeitervorfahren. Wie auch immer: Ich wollte Latzhosen, kurze Haare statt Zöpfe, Schweißen können wie mein Vater und ein Bonanza Rad wie der Nachbarsjunge.

Dann ist etwas passiert. Ich hörte auf mich für mich oder andere stark zu machen. In der Pubertät ging es aber wieder los. An der Uni engagierte ich mich dann in der Fachschaft und saß plötzlich zwischen Professoren im kleinen Fakultätsrat. Irgendwann wurde es richtig ungemütlich, weil die Politik laut überlegte, bestimmte Fächer (auch meines) zu streichen, weil sie weniger wichtig waren als andere (auch meines).

Brave Studenten kommen in den Himmel, böse überallhin:

Diese ungeheuerliche Ungerechtigkeit war ein ganz großes Glück: Studenten, die das letzte Mal im Kindergarten protestiert hatten, entdeckten den zivilen Ungehorsam. Und so hing ich eines Tages mit einem energischen Vor- und Frühgeschichtler, einer entschlossenen Musikwissenschaftlerin, einem verirrten Juristen, einer toughen Archäologin, und einem schüchternen Indogermanisten am Uni-Hauptportal, an das wir uns bei Sonnenaufgang kichernd gekettet hatten. Und weil dieses Ketten-Happening sehr viel Reichweite hatte, beschlossen sehr viele Studenten, eine sehr große Kreuzung mitten in der Stadt zu blockieren. Morgens um 9 Uhr. Und siehe da: Zwei Protestsemester später wurde unser Lehrstuhl wieder neu ausgeschrieben. Mit der Archäologin bin ich übrigens heute noch befreundet.

So war das damals, als ich noch Zeit hatte und kein Kind – und keine echten Probleme – hätte ich fast geschrieben. Denn gegen das, was ich als berufstätige Mutter erlebe oder erlebt habe, sind die „existentiellen“ Probleme an der Uni in der Tat: PILLEPALLE! Ich müsste rein theoretisch seit 2008 Vollzeit auf dem Ku’damm‘ liegen – für: Mehr KITA-Plätze, Ganztagsschulen, Hausaufgabenbetreuung, besseres Schulessen, flexible Arbeitszeiten, Steuergerechtigkeit, die Honorierung von Care-Arbeit, die Erhöhung des Kindergeldes und so weiter und so weiter. Mitlesende Eltern nicken jetzt zustimmend? Ah ja:

Liebe Liebenden und EX-Liebenden mit Nachwuchs und Problemen: Wo seid ihr? Warum ist Prenzlauer Berg kein Protestdorf? So wie in Asterix und Obelix. Überall gibt es Eltern, die auf dem letzten Loch pfeifen – entweder finanziell oder kräftemäßig. Aber keiner sagt: MIT MIR NICHT!

Prenzlauer Berg und Mitte – Hallo ist da jemand?

Wobei rein verwaltungstechnisch bin ich Mitte. Und da? Auch nix. Wohnen hier nur HIPPster – die Matcha Latte aus der Avocado Hälfte schlürfen, 24 h am Tag stillen und einfach nur noch kreativ sind so lange die Kinder klein sind? Gibt es in meinem Kiez inzwischen bei Geburt schon sichere Plätze in den KITAs, mindestens 367 EUR Kindergeld, fair bezahlte Teilzeit, oder wird Care-Arbeit besser honoriert? Also ich hab davon nix mitbekommen?

Berlin liegt anscheinend im familienpolitischen Wachkoma? Und der Rest? Soll diese Selbstausbeutung so weitergehen? Dieser Familien-Neoliberalismus-Wahnsinn geht mir jedenfalls voll auf den nicht vorhandenen Sack.

In dieser Stimmung katapultierte ich letzte Woche aus dem Bett. Ich wollte an einer Veranstaltung in der Heinrich-Böll Stiftung teilnehmen, wo über Impulse für eine neue Familienpolitik diskutiert werden sollte. Für diesen wichtigen Anlass machte ich mich sorgfältig zurecht: Man ist ja keine 5 mehr, schmeisst sich unerschrocken in die Latzhose und alle seufzen „ach ist die reizend“:

Deutschlands Familien: Unter jedem Dach ein Ach:

Ich wusch also mein Haar, tuschte mir die Wimpern, trug Lippenstift auf, reaktivierte ein Kompetenz ausstrahlendes Ensemble aus meinem Businessklamotten-Fundus, und hetzte los zur Bahn. Auf den ersten Metern bereute ich schon: Falsche Schuhe. Und während Mütter und Väter in Turnschuhen an mir vorbei Richtung Kita, Büro oder Kaffeebutze (ist halt Mitte) hetzten, kamen die Zweifel:

„Reicht nicht schon der ganz normale Wahnsinn, den man als Mutter oder Vater so hat? Noch dazu als Alleinerziehende – ich hab ALLEN Grund und jede Entschuldigung! Ich bin ü 45 – ich warte eigentlich nur noch darauf, dass mein Kind Abitur macht, bzw. ich 55 bin und damit in die ALG 1 Königsklasse aufsteigen kann, wenn wieder mal der befristete Arbeitsvertrag ausläuft (24 Monate 67% von einem letzten Teilzeitgehalt Juhu!). Wieso muss ich zu so einer Veranstaltung? Kann ich mir danach neue Chucks kaufen – bevor ich vorm Renteneintritt meinen Rollator zum Bürgeramt schiebe? Oder meinem Kind, der ist ja sowieso und überhaupt schon fast aus dem Gröbsten raus? Mir hilft ja auch niemand!

Just in diesem Moment fielen mir die Schuhgrößen aller mit meinem Kind unmittelbar verwandten männlichen Personen über 18 ein: Und plötzlich erkannte ich die großen familienpolitischen Zusammenhänge! GENERATIONENSOLIDARITÄT! In meinem Kopf wurde es laut:

„Erinnere Dich an den Tag am Unitor“, wisperte eine Stimme in mein Ohr, „Engagement macht sich immer bezahlt“, „Du bist die geborene Protest-Latz-Hose“, „die Mutter der Nation ist unbesetzt seit Inge Meißel“-  und zum Schluss, als mein Mutti-Belastungs-Tinitus schon leicht pfiff, schoss mir folgende Assoziationskette helfend ins Hirn: „Vielleicht gibt es auf der Veranstaltung ja eine Goodie Bag? Auf meinen Events gab es immer total gute Give-Aways. Ich habe sogar mal völlig uneigennützig einen Olivenbaum an Fachbesucher verschenkt, oder einen Trolley. Allerdings in der freien Wirtschaft, da geht ja fast alles? Trotzdem:

Bei den Grünen gibt es garantiert Fair Trade Kaffee! Und Mindest-Mittags-Catering ( = ein vegetarisches warmes Gericht zum Schöpfen). Endlich was anderes als olle Stulle, oder Banane auswärts zu Mittag. OMG: Essen mit anderen Erwachsenen, das keiner selbst gekocht hat und das trotzdem nichts kostet! Nein ich bin nicht irre: Ich befinde mich gerade trotz Arbeit in einer finanzsensiblen Phase (15. des Monats) und muß auf sowas achten.

Alles wird anders – endlich und überhaupt?

Einige Mütter und Väter kennen das. Und es werden immer mehr – und das ist nicht gut! Deutschland ist berühmt für seine verlässlichen Dieselmotoren, aber für innovative Leistungen in der modernen Familienpolitik eher NICHT! Ist mir früher gar nicht so aufgefallen, interessiert ja auch keinen, bevor er Kinder hat. Autos kann man ja auch besser absetzen von der Steuer, oder abstellen. Und die sind so praktisch, wenn man berufstätig ist. Und dann haste ein Kind und denkst: NICHT EUER ERNST! Ich bin jetzt seit mehr als 2 Wahlperioden Mutter und fürchte daran ändert sich auch nichts im Herbst.

Wenn wir Pech haben schreddert kurz nach der Wahl irgendein hart arbeitender Papi im Familienministerium eine innovativen Vorschlag – auf den er in der Elternzeit gekommen ist, weil plötzlich ein neuer Minister kommt bzw. eine neue Hausleitung – dann heißt es nämlich alles von vorn. Worst Case Scenario: Waren beide vorher im Verkehrsministerium oder so – irgendwas ohne Humanorientierung ist immer schlecht (Peter Hartz kam von VW just saying). Wenn es einfach die Schwesig weitermacht? Schreit der Schäuble vielleicht: KEIN GELD – und der hat schon diesen Rocker-Griechen vom Motorrad gebügelt. Tja so kann es gehen.

„Beschwert sich ja auch keiner bei Euch“ sagt meine Freundin aus Norwegen immer, wenn ich wieder mal mit offen stehendem Mund berichte, was bei uns eben alles nicht geht! Und weil mir all das einfiel, ignorierte ich kaltschnäuzig meine blutigen Zehen, und stieg in die Tram!

Hauptsache Familie oder der Tag hat immer 48 h:

Eine halbe Stunde vor Programmbeginn stand ich im Cateringbereich und nippte an einem 1 A aufgebrühten Fairtrade Kaffee, dazu gab es sogar Frühstück (Bircher-Müsli, Croissants und Kekse). Knorke. Ich schickte einen Gruß Richtung Westdeutschland. War nämlich gar nicht meine eigene Idee:

Eine tolle Mutter mit zwei Kindern, die nicht in Berlin wohnt, und ebenfalls in der Protestphase ist, hatte mich dazu motiviert. Die wäre nämlich hingegangen. Sie hat eine Facebookgruppe gegründet in der wir zusammen mit anderen Frauen einen kleinen feinen Think Thank betreiben. Wir teilen dort Links, Veranstaltungen, Ideen, die wir uns quer durch die Republik virtuell ins Büro, Homeoffice, die Küche, den Waschkeller, den Tisch mit den Hausaufgaben, den Supermarkt, das Wartezimmer, den öffentlichen Nahverkehr, die Schule, die Sporthalle, den Spielplatz – oder sogar bis an die Schwelle vom Kreißsaal zuwerfen (Kein Scheiß – Herzlichen Glückwunsch Verena!).

Denn während wir all diese Dinge tun, die wir tun müssen, weil wir ja unbedingt Kinder in die Welt setzen mussten, merken wir trotz der Dauer-Müdigkeit vor allem eins:

Was alles nicht geht seit wir Eltern sind:

Unser Tag hat immer 24 Stunden, mindestens 6 davon sollten Eltern schlafen, damit sie Leitwölfe äh Wölfinnen sind und Steuerzahler(innen). Und nebenbei werden unsere Kinder ohne störende Nebengeräusche für Nachbarn zu gesellschaftlich verträglichen total sozialen Wesen – möglichst mit Abitur und glänzenden Zukunftsaussichten. Und die machen das dann genauso wie wir?

So ist das halt? Unsere Eltern haben das ja auch alles hinbekommen. Ja richtig? Und einige richtig gut. Andere nun ja. Aber aus uns ist trotzdem was geworden? Oder war mal was geworden – und dann haste wenigstens ganz zauberhafte Kinder. Sorry ich schweife wieder ab.

Kinderhaben. Ah ja. Da war ja noch was:

Hätten wir uns ja alles vorher überlegen können? Wie das so geht dann, überhaupt und ob und vor allem mit wem? Und besser planen! Was anderes studieren! Einen Beruf aussuchen, der vereinbar ist mit dem Elternsein (Privatier/-euse?, Bestseller-AutorIn, Frau/Mann eines Ministers, Oligarchen-Kind, Pop-Sternchen, SchleusenwärterIn, Kim Kardashian)? Und: Immer regelmäßig etwas für die psychische und physische Gesundheit tun! Stimmt kommt zu kurz. Scheiß Erreichbarkeit. Apropos: UND ARBEITEN IMMERZU IN VOLLZEIT DAMIT ES HINTEN UND VORNE EIN BISSCHEN REICHT! Und die Wirtschaft erblüht. Tja.

Hat uns das aber mal jemand so gesagt? Nochmal Tja. Ich denke ja die Bielefeld Verschwörung ist nur eine Ablenkung von der Eltern Verschwörung: Jetzt habe ich/wir den Salat, oder auch nicht, weil Salat ist echt teuer. Aber Halt. Ich bin schon wieder woanders.

Zurück in die Politik, oder besser parteinahe Stiftung:

Ich trank erstmal Kaffee und der haute ganz schön rein: Zwei mittelalte Männer stritten sich am Nachbartisch. Allerdings nicht um Kinder, sondern abgeholzte Bäume in Prenzlauer Berg. Irgendein grüner Politiker sei ein Baum-Killer, ereiferte sich einer von beiden, und dann sagte der andere einen Satz – so ähnlich wie bei den Männern in der Badewanne von Loriot: “Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich wäre jetzt ganz gerne allein.“ Darauf rückte der Eiferer mit zornigem Blick mitteilungsbedürftig an meinen Stehtisch, und ich flüchtete ins Plenum.

Da saß ich lange alleine. Kam niemand, um 10:00 Uhr sollte es anfangen. Mit etwas Verspätung ging es los. Ein Mann von der OECD hielt die Keynote „Deutsche Familienpolitik im internationalen Vergleich“.

Mir fiel wiederholt die Kinnlade runter. Er warf komplizierte Schaubilder an die Wand, sagte Sätze, die mit „In Skandinavien machen die“ anfingen, und mich dazu animierten, auf meinem Smartphone sofort nach den Öffnungszeiten der nordischen Botschaften zu googeln, um dort Eltern-Asyl zu beantragen. Mein Highlight:

 Eine deutsche Teilzeit reicht in Skandinavien für zwei oder Vollzeit in Deutschland ist deutlich mehr als in diesen Ländern

Ich werde nie wieder jammern, dass ich nix auf die Reihe bekomme. Großartig. Den Vortrag gab es als Livestream (vielleicht wird er mal bei YouTube hochgeladen. Deutschland ist auf den Folien leicht zu finden. Ist das was in den Balken meistens weniger irgendwas hat im Vergleich zu den meisten anderen. Sorry ist so.)

Vereinbarkeit in Deutschland oder wo wir sind ist hinten:

Im Anschluß an diese Keynote folgte eine Diskussionsrunde zum Thema „Wirtschaftsfaktor Familienpolitik“. Da bleib mir vor allem Franziska Brantner, MdB im Gedächtnis – und zwar mit dem Satz:

„Als Dänemark die Ratspräsidentschaft übernommen hatte, war das für Eltern eine große Erleichterung, ab 17 Uhr ist Family Time = keine Sitzungen“. Ach die Dänen. 

In Frankreich gibt es übrigens Zeit-Chartas = Zeitbedürfnisse der Mitarbeiter müssen verhandelt werden, hab ich noch erfahren. Die Diskussionsrunde beschäftigte sich auch mit der Frage, warum Care-Arbeit so unterschiedlich aufgeteilt wird. Eine These war es, dass das Splitting dazu beiträgt. Und für Mütter in Teilzeit mit oder/ohne Mann sieht es Rentenmäßig gar nicht rosig aus.

Und während ich mich noch wundere, warum unsere Mütter nicht mit ihren Müttern brennende Barrikaden vor der Deutschen Rentenanstalt errichtet haben, die immer noch rauchen, fällt der Satz, der mich fast aus der Hose springen lässt.

Irgendjemand da oben auf dem Podium zitiert eine Bundestagsabgeordnete: „Es muss halt a bissele schmerzen, wenn man sich trennt, sagte die. Ich google panisch „Alleinerziehend in Skandinavien 2017“ auf meinem Smartphone.

Das Sahnehäubchen der Deutschen Familienpolitik hat auch einen kurzen Auftritt: Das Elterngeld erfahre ich, hat keinen Effekt auf die Partnerschaftlichkeit. Die EU Kommission empfiehlt mindestens 4 Monate Vater und 4 Monate Mutter – nicht übertragbar, und auch noch 10 Tage für den Vater nach Geburt.

Skandinavien macht viel anders und alles richtig:

Ich bin da ja durch, deswegen höre ich nur mit einem Ohr zu. Ich bin inzwischen in einem Auswanderer-Forum gelandet, darin schreibt eine Userin: dass wenn Du in Norwegen alleinerziehend bist:

• 60% der Wohnkosten übernommen werden

• 100% der Betreuungskosten übernommen werden

• Du Teilzeit bei vollem Lohnausgleich arbeiten kannst

• Sportvereine und kulturelle Veranstaltungen für das Kind kostenlos sind

• bis zu 50 Tage zusätzlich arbeitsfrei…

Aber so allein am Fjord mit vorpubertärem Kind? Gerade als ich eintippe: „Norwegen Online Partnersuche seriös“, wird es unruhig. Gibt Mittag. Muss die Suche nach Mr. Northern Right leider abbrechen. Bin sowieso nicht mehr allein. Neben mir hat jemand Platz genommen. Es ist nicht Herr Müller-Lüdenscheid vom Vormittag, sondern die tolle Autorin Katja Zimmermann, ist beides kein Zufall: Wir sind quasi verabredet für hier. Also Katja und ich. Zusammen ist Frau nämlich weniger allein auf solchen Events. Katja hat ein sehr lustiges Buch geschrieben. Über den Alltags-Vereinbarkeits-Wahnsinn mit Kind: Es heißt: Kinder esst Euer Eis auf sonst gibt‘s keine Pommes.

Apropos: Zu Mittag gibt es vegetarische Lasagne und Thai-Curry, will spontan Kellner nach trockenem Weißwein fragen, besinne mich rechtzeitig (Mandatsträger gesellen sich zu uns!).

Eltern gehören überall hin – vor allem in die Politik:

Nach der Pause besuchen wir Gesprächsrunden (Weltcafés) zu konkreten Politikvorschlägen. Uns interessiert Maßnahme 4: Ein Kindergeldzuschlag von 100 EUR zur Verringerung des Armutsrisikos bei Alleinerziehenden. Ich rechne kurz hoch, was das für mich bedeutet, prompt knurrt mir der Magen. Always Trust your gut! Gut dass Katja noch da ist, sonst ist übrigens kein „Betroffener“ anwesend. Sowas erschüttert mich ja nach wie vor. Wieso kommt keiner, wenn es wirklich mal Raum für Feedback gibt? Nach 30 Minuten ist die Papiertischdecke trotz weniger Teilnehmer voll. Die beiden Diskussionsleiter wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen, ahnen aber in jedem Fall was gar nicht geht.

Dann wechsele ich zum nächsten Tisch „Bundeskinderteilhabegesetz für bessere Verwirklichungschancen für sozial benachteiligte Kinder“ steht da –  der Name ist Programm. Ich verstehe nix – immerhin habe ich den gleichen IQ wie Sharon Stone und bin voll im Thema. Und weil ich unterzuckert bin, entfährt mir: „Entschuldigung, aber das kapiere ich nicht. Kann ich so kostenfreien Blockflötenunterricht beantragen, bevor mein Kind an der Uni ist?

Der Mann, der sich das ausgedacht hat, versteht meine Frage nicht. Ich halte mich zurück. Und dann muss ich auch los.

In der Tram wundere mich ein bisschen darüber wie schlecht diese Veranstaltung besucht war, und lese mich durch das familienpolitische Manifest der familienpolitischen Kommission der Heinrich-Böll-Stiftung. Sind ein paar gute Ideen dabei. Ich bin trotzdem nicht gerade in Festtagsstimmung. Warum? Familienpolitik ist ein Randthema bei jeder Partei, Alleinerziehende sowieso. Es müsste allen Parteien klar sein, dass es hier nicht nur um Wahlkampf geht, sondern um die Zukunft.

Meine TOP AUFREGER:

Dass die wirtschaftliche Existenz von Müttern auch im Jahr 2017 vom „Ehemann“ oder Partner abhängt, und das Alleinverdienermodell noch so hofiert wird? Wo leben wir denn? Sind wir seit 1948 Protektorat vom Vatikanstaat?

Dass Kinder arm sind und es bleiben, mitten in einem reichen Land, obwohl ihre Mütter/ Väter arbeiten? Wer kann sich das auf Dauer leisten? Das ist doch familienpolitisches Schwellenland-Niveau.

Nach zwei Veranstaltungen in zwei parteinahen Stiftungen bin ich der Meinung, dass Deutschland eine familienpolitische Großbaustelle ist. Allen in Berlin sollte spätestens jetzt klar sein, was da auf uns zukommt.

Dass Eltern dieses System stoisch oder jammernd ertragen und stützen, statt sich zu wehren und zu fordern, ist – wartet ihr kommt drauf: TOTAL BEKLOPPT! SORRY

Wir brauchen unabhängig von der politischen Ausrichtung der nächsten Bundesregierung den Willen zu Reformen, einen Aktionsplan, eine gemeinsame Linie. Wir brauchen eine Lohn- und Steuerpolitik, in der Familien nicht auf zwei volle Erwerbseinkommen angewiesen sind, um ihre Kinder und sich in der Mittelklasse zu halten.

Engagiert Euch! Veränderungen werden nur beginnen, wenn Eltern aufhören diesen Wahnsinn mitzumachen. Es geht um Euch – jetzt und hier!

Statt brav mit 450 (!) anderen Eltern in der Schlange vor einer KITA zu stehen, die noch gar nicht eröffnet ist, geht gleich richtig auf die Straße. Demonstriert.

Ach so die Kinder? Wohin? Tja! Dann startet Kampagnen im Internet. Oder noch besser:

Geht mit Kind und Kegel zu Veranstaltungen in denen über Familienpolitik diskutiert wird, zeigt Euch, oder organisiert welche.

Wie auch immer: Schmeißt Euch in die imaginäre Protestlatzhose und stampft mit dem Fuß auf. So laut, dass den Babyboomer-Chefs der Kaffeebecher wackelt, die Hinterbänkler im Bundestag von der Bank fallen (ich will Erika Steinbach hüpfen sehen). 

Diesen Beitrag widme ich vier wunderbaren Frauen (meinem THINK BIG TANK):

Fee Linke

Delia Keller

Verena Schulemann

Katja Zimmermann

Und wer weiterlesen möchte zum Thema Vereinbarkeit und Familien dem empfehle ich:

Working Moms nerven? Warum Deutschland ein Problem hat und ich keinen Bock mehr!

Heim und Herd: Sind Vollzeit-Mütter besser dran?

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