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rein theoretisch geht alles

Wohnen: Frauen wie ich (und vielleicht du) brauchen einen Milliardär

Wenn ich ganz viel Glück habe an einem Sonntag, dann schläft mein Kind bis 08:00 Uhr.  Früher, als ich noch ein agiler Nachtfalter mit besten Kontakten in die Berliner Barszene war, bin ich um diese Uhrzeit ins Bett gefallen.

Das Leben kommt manchmal anders als man denkt. Wenn ich irgendwann ein Film bin, steht über mich wahrscheinlich folgender Infotext in einer Öffentlich-Rechtlichen-Mediathek:

„Karriere-Frau durchlebt charakterliche Metamorphose durch Kind, materiellen Verzicht und Yoga. Die Liebe kommt unverhofft, als sie beim vorweihnachtlichen kostenfreien Kiez-Kerzenziehen auf einen Waldorf-Sportlehrer trifft. Oder nimmt sie doch den Immobilien-Erben, der ihr regelmäßig im Kassenbereich von Europas größtem Biomarkt zuzwinkert? Ein bittersüßes Großstadtmärchen mit grandiosem Soundtrack.

Das ist soweit alles richtig bis zum Yoga. Das mit den Kerlen wäre mein Zugeständnis an die Produzenten, und die stutenbissige Fernseh-Redakteurin, weil ohne Mann äh Romantik kommt Frau ja nicht weit.

Ohne Mann äh Moos nix los – der Traum vom Prinzen:

Ist alles machbar. Jedenfalls rein theoretisch – mit dem richtigen Mann. Ich könnte bei der Partnersuche auf den Standortvorteil bauen. Hier im Kiez wohnen viele potentielle Kandidaten. Sogar aus dem kleinen für Käse, Schokolade und Vermögen bekannten Land kommen die inzwischen hierher zum Wohnen.

Hab ich neulich wieder festgestellt. Immer wieder sonntags wandere ich gern durch mein Viertel (oder Kiez wie man in Berlin sagt). Seit neun Jahren meistens mit Kind. Friedlich vereint jagten wir ein Pokemon namens Pantimos. Wir fingen es vor einem sehr schönen historischen Gebäude. Ein wunderbarer Klinkerbau mit großen Fenstern. Ich liebe dieses Haus.

Als mein Kind sehr klein war, und sehr viel schrie, bin ich wahnsinnig oft nachts daran vorbei gelaufen. Das Haus stand damals leer, es war mir ein bisschen unheimlich. Es liegt direkt vor einem alten Friedhof mit großen Bäumen, die komische Geräusche machen.

Mit unbeleuchteten riesigen Fenstern beäugte es mich. Gruselig: Hinter seiner Backsteinfassade lauerten Geschichten, die ich nicht gern hören wollte. Jedenfalls nicht nachts allein um 3 Uhr, ohne Ponygroßen Hütehund an meiner Seite.

Ich lenkte mich damals ab von meiner Furcht, indem ich mir überlegte, wie es wohl sei, darin zu leben. „So viel Platz“, dachte ich, „und diese tollen hohen Decken, da passt eine 3 m Nordmanntanne rein, eine Regalwand mit Leiter und fabulöse Samtvorhänge – solche die Scarlett O‘ Hara in „Vom Winde verweht“ zu einem Kleid umnäht – und dann fährt sie in die Stadt und leiert dem Verehrer ihrer Schwester Geld aus dem Kreuz und angelt ihn sich gleich noch, weil sie kurz davor steht Tara, ihr Dach überm Kopf, zu verlieren. Früher dachte ich immer: Die spinnt doch, wie kann die diesen teigigen Erbsenzähler nehmen und nicht Rhett Butler – kann die nicht umziehen? Inzwischen verstehe ich das ein bisschen:

Warum gemeinschaftliches Wohnen die Zukunft ist:

In dem Jahr in dem mein Kind geboren wurde, hab ich mich manches Mal gefühlt wie „Oh mein Gott Atlanta und Tara sind abgebrannt“. Es gibt ja Mütter, die kennen so was. Ein ständig schreiendes Baby ist jedenfalls ein bisschen wie Krieg, und es macht ganz schön einsam, selbst man man allein ist.

Ich machte irgendwann meinen Frieden damit. Ich gewöhnte mich an diese Wandernächte durch Prenzlauer Berg. Im ersten Lebensjahr meines Kindes spann ich mir eine Mütter-WG mit Hund zusammen. Freundliche Frauen, denen es ähnlich ging wie mir – bei denen ich auch mal mein Kind lassen konnte, wenn ich mal länger als 3 Minuten durchschlafen musste, oder ich endlich wieder arbeiten würde irgendwann. So was wie das berühmte Dorf mit dem man ein Kind großzieht – nur halt mitten in der Stadt: Gelebte Solidarität – eine Gemeinschaft.

Wie Geld ganz viel Gutes bewirken kann, wenn man es lässt:

Das Haus, wusste ich inzwischen, kannte dieses Gefühl. Es war einmal ein Altersheim für mittellose jüdische Mitbürger, gestiftet von einem wohltätigen Unternehmer namens Max Mannheimer. In der Nazizeit wurden seine Bewohner deportiert. Die meisten kamen um. Während des Krieges wohnten angeblich mal ukrainische Zwangsarbeiterinnen im Keller. Und nach 1945 zog dann die Volkspolizei ein, und machte Sachen, die wahrscheinlich keiner im Kiez so genau wissen wollte, bis die Mauer fiel. Fast 10 Jahre stand es danach leer.

Als mein Kind ein Jahr alt wurde hatte ich mir jedenfalls ein Wahnsinns-Nutzungs-Konzept erdacht.

Dieses Haus wusste wieder Gutes tun, dazu war es ja mal da. Ich müsste nur noch philanthrope Investoren dafür begeistern, den Besitzer überzeugen, und den Senat, oder im Lotto gewinnen, und alles sanieren – für mich, meinen einzigen Erben und das Gemeinwohl.

So war das damals: Inzwischen ist mein Kind zu groß für nächtliche Wanderungen im Tragetuch. Es schläft jetzt durch und brüllt schon mal „WIR SPIELEN KEIN LOTTO“, wenn ich am Küchentisch fabuliere, was ich alles machen würde mit meinem Gewinn (eine gebrauchte Geschirrspülmaschine 45 cm, Pokémon Sonne und Mond für eine Nintendo 2DS, ein neuer Roller für mein Kind, ein Jahresabo der BVG für die ganze Familie, nach Griechenland zu lieben Freunden fahren, und mit dem Rest vom Geld endlich eine Stiftung für Alleinerziehende gründen).

Warum alleinerziehende Mütter beim Wohnen Pech haben:

Ich habe leider weder Lotto gespielt, noch aus meinen Ideen mit dem Haus etwas gemacht. Ich habe alle Pläne für mich behalten und vor mich hin geträumt. Schön blöd. Das Haus ist jetzt nicht mehr verfügbar. Heute morgen stand ich wieder davor. Wir hatten uns lange nicht gesehen. Es war aufwendig saniert worden. Offenbar lebten darin nun Menschen, mit sehr viel Geld. Jedenfalls sahen die Klingelschilder so aus.

Ich war neugierig und las ein paar Namen. Einer kam mir bekannt vor. Wieder zuhause recherchierte ich und musste lachen. Da wo früher bedürftige Menschen lebten, ist jetzt das große Geld aus dem Land mit den Bergen und der Schokolade eingezogen. Wer kann auch sonst hier in diesem Kiez so wohnen? Oder sonst wo? Als Alleinerziehende Mutter bist du jedenfalls am Ende der Immobilienverteilungskette. Baulöwen, Vermieter und Makler winken dich mitleidig lächelnd durch. Ein sehr smarter verheirateter Immobilienmogul erklärt in einem Video, das gerade die Runde in den sozialen Medien macht:

„Die Frau mit Kind alleinstehend ist die arme Sau in der Gesellschaft. Aber das werden wir durch Mietwohnungsbau nicht retten oder regeln können. Tatsächlich ist es so unser Staat ist nach wie vor auf Mann, Frau, verdienen anderthalb Einkommen, ein Kind, maximal zwei Kinder das funktioniert gut und wunderbar.“

Ich finde das großartig, weil er klar benennt, was das Problem in unserer Gesellschaft ist. Er wäre übrigens meine erste Wahl für meinen Stifterbeirat. Aber ich schweife wieder ab, geht hier ja erstmal allgemein ums Wohnen und ums ganz große Geld:

Ich machte mir gestern einen Spaß und recherchierte, was die Wohnungen in diesem Backsteinhaus wohl kosten – nur für den Fall, dass ich doch mal Lotto spiele.

Schöner Wohnen immer und überall – mit dem nötigen Kleingeld:

Ich fand eine alte Anzeige in einem Immobilienportal – mit einem sehr feinfühligen Text (wieso sagt man immer Makler und Immobilienentwickler haben keine Gefühle) aus der ich hier zitiere:

„Das „Haus Manheimer“: Der jüdische Kaufmann Moritz Manheimer verschrieb sich zu Lebenszeit der Unterstützung Benachteiligter und unterprivilegierter Menschen. (…) Nach 10-jährigem Leerstand wurde das Gebäude nun wieder der Wohnnutzung zugeführt. Nach aufwendiger Sanierung und Umbau entstanden hier Luxus-Wohnungen.

Das Loft bietet auf ca. 128,98 m² Wohnfläche alles, was man sich für eine großzügige, helle und lichtdurchflutete Wohnung wünscht. Ein Balkon, der in Richtung eines parkähnlichen Friedhofs mit einem traumhaften Ausblick ins Grüne aufwartet, offenbart pure Entspannung.“

 

Die berühmte Ironie des Schicksals? Wer lebt jetzt dort so? Ich verbrachte gestern eine Stunde im Internet und las mich durch die Familiengeschichte von Menschen, die ich nicht kenne, und die schon bei der Geburt so viel Geld hatten, dass sie meine Monatsmiete wahrscheinlich ein Jahr im Voraus überweisen konnten, ohne sichtbare Auswirkungen auf ihren Kontostand. Nüscht passiert. Wissen die überhaupt was der Dispo ist? Alles im Überfluss da.

Der Teufel scheisst immer auf den dicksten Haufen:

So was macht mich immer ein bisschen fassungslos. Was macht man mit so viel Geld und Möglichkeiten? Offenbar investiert man in Wohnungen. Ok. Aber dann?  Ich denke laut vor mich hin. Mein Kind steigt mit ein: „Wahrscheinlich kaufen die ihren Kindern jeden Tag 5 Kugeln Eis und jedes Kind hat einen Dackel“,  antwortet mein einziger Erbe und blickt mich vorwurfsvoll an.

Kinder brechen das Leben auf das Wesentliche runter. Ich überlege kurz weiter laut, ob ich das nächste Mal einfach klingele bei meinen Kiez-Nachbarn und sage:

Guten Tag ich wollte aus diesem Haus mal ein förderfähiges Vorzeige-Wohnprojekt für alleinerziehende Mütter machen. Ich hab immer noch total viele Ideen und das Thema brennt. Vielleicht könnten wir bei einem Tässchen heisser Schokolade aus ihrer Heimat mit Blick auf den parkähnlichen Friedhof zusammen unverbindlich brainstormen. Menschen wie sie, habe ich gelesen, investieren ihr Erbe nicht nur in Eis und Dackel! Ich suche übrigens noch eine 450 Euro Job. Ich könnte Ihre Regalwand abstauben? Ich habe auch meinen Vintage Staubwedel vom Pariser Flohmarkt dabei.

„Der hört dir doch gar nicht so lange zu Mama“, seufzt mein Kind. Ich frage nach: „Warum?“. Mein Kind spricht mit der Stimme der ihm angeborenen Vernunft: „Du kannst doch nicht einfach sonntags klingeln bei fremden Menschen – und dann mit der Mütze auf dem Kopf, der denkt doch du willst den Dackel klauen – und dann fragst du den nach Geld – der gibt dir sicher nix!“.

„Doch“, sage ich,  „manche die schon seit der Geburt viel haben oder sonst wie total viel verdienen, die geben anderen was ab!“ Mein Kind seufzt wieder: „Warum soll der dir denn was abgeben?“ – „Weil er Philanthrop ist“. „Was ist ein Philantopf Mama?“ „Das ist jemand, der den schwächeren hilft. Aber du bist nicht schwach Mama – du bekommst immer die Gurkengläser auf“.

Tja. Das ist es – ich sehe immer so aus, als käme ich mit allem klar oder hätte reich geerbt. Es sind die Klamotten in meinem Schrank? Meine Größe? Ich stehe zu aufrecht? Scheiß Yoga! Sorry. Wie auch immer: Wenn wir jemals aus dieser Wohnung ausziehen müssen, dann wird es ernst. Noch ernster, als es schon ist. Aber noch ist es ja nicht soweit. Unser unrenoviertes 2,5 Raum Tara trotzt dem Schicksal.

Wenn Lotto nix wird, klappt dann Erben?

Vielleicht erbe ich ja auch? Ist nicht mal dieser Sohn meines Onkels in die USA zu seiner Mutter abgehauen – und hat vorher das erste Auto meiner Mutter, eine Isetta, gegen die Garagenwand geparkt? Vielleicht will der noch was gut machen? Was heisst der will? DER MUSS! Neulich las ich nämlich einen Artikel über das Erben. Noch so eine Gesellschaftsbaustelle. Auch da hab ich vom Karma eine kleine Aufgabe bekommen. Ich erbe nämlich eigentlich rein theoretisch mal gar nix, also wenn dieser Isetta-Killer nicht auftaucht, bzw. dessen beauftragter hoffentlich gutaussehender Anwalt.

In diesem interessanten Artikel in der Zeit steht es schwarz auf weiß:

„Gerade für die in den siebziger Jahren Geborenen spielen Erbschaften in den nächsten Jahren eine maßgebliche Rolle. Erbschaften werden über Glück und Unglück einer Generation entscheiden – ganz so, als lebten wir wieder im 19. Jahrhundert“.

Gut dass ich letzte Woche dank der großzügigen Spende einer philanthropen Freundin beim Friseur war. Ich habe 4 Wochen Zeit bevor der Ansatz kommt. Ich muss einen Millionär finden.

Wish me luck.

Und wenn es nix wird, auch nicht schlimm. Dann ziehe ich in den Wald. Ich sehe ganz großartig aus zwischen alten Bäumen – siehe Foto von meinem Lieblingsfotografen René Löffler. Ich bekomme trotzdem eine kleine Panikattacke. Ich im Wald? In der Wagenburg?

Aber halt es ist ja Wahljahr und soziale Gerechtigkeit das Thema! Genau ich muss gar nicht panisch sein, sondern einfach nur warten. Alles wird gut. Die Politik wird aufwachen – und immer mehr Erfolgsmenschen und Erben besinnen sich auf ihren tief im Innern schlummernden humanistischen Kern. Sie möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben und dafür sorgen, dass der Kiez in dem wir alle noch friedlich leben, nicht auseinander bricht.

Das interessiert die gar nicht? Die meisten wollen einfach in Ruhe Geld verdienen oder weiter still vor sich hin erben? Mir langt es jetzt. Mein Kind braucht einen Dackel irgendwann. Ich gründe einfach eine Partei statt eine Stiftung – und dann wählen mich 1,6 Alleinerziehende und alle die nix erben oder sonst wie am Rande der Verteilungskette stehen. Und dann greift die einzig wahre Mutti durch:

Immobilienmogule verdienen in Zukunft nur, wenn sie für jedes Reichen-Ghetto mit Schiebewand und Tiefgarage mindestens ein soziales Wohnprojekt mit Kinderspielplatz und Gemeinschaftsgarten fördern.

Die Vermögenssteuer erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf.

Und.

Und.

Und.

 

 

 

 

 

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