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rein theoretisch geht alles

We are family – Glückliche Familien sind gar nicht so schlimm

Das wird ein sehr persönlicher Post. „Moment“, werden jetzt einige Stammleser einwenden, ist das hier sonst alles fake? Die lässt doch hier regelmäßig die Hosen runter, hat sie gesagt. Ja tut sie – in der Tat, und sie hat auch ganz viele tolle fast textilfreie Fotos, die sie hier vielleicht bald mal posten wird. Aber dazu später im Jahr. Ist ja auch noch so kalt. Am letzten Samstag zum Beispiel stand ich mit meinem Wintermantel und meinen allerliebsten pink-orange farbenen Converse Turnschuhen auf dem Helmholtzplatz und fror mir die Fußsohlen ab.

Wo Angelina Jolie schon mal aus dem Van hopst:

Ich sah meinem Kind zu, das in der Sonne ohne Jacke tobte. Ich weinte ein bisschen heimlich in mich rein. Am Helmholtzplatz ist das normal. Jedenfalls für mich. Er ist berühmt – und berüchtigt. Angelina Jolie war auch schon da. Ich hab sie mal gesehen. Sie huschte unauffällig auffällig mit einer Riesen-Sonnenbrille in einen Spielzeugladen, der in diesem Moment berühmt wurde.

Der „Helmi“ ist ganz schön prall, ungefähr so wie die vollgeschissenen Windeln, die überall aus den Mülleimern quellen. Er war wechselweise Problemkiez und gute Kinderstube von Prenzlauer Berg, und in letzter Zeit irgendwie beides zusammen. Als mein Nachwuchs frisch geschlüpft war, war er ein Hortus Conclusus der glücklichen zugezogenen Familien. Und für mich gerade deshalb eine No Go Area. Wenn ich dorthin musste, dann ging ich nie ohne alkoholfreie Bachblüten Tropfen in antrophosophischer Notfallklinik-Größe im Gepäck.

Ich fühlte mich wie ein alleinerziehender Alien: Überall entspannte gut frisierte Mütter, hilfsbereite Väter, strahlende Kinder im Wollfilz-Jumpsuit, ab und an ein wohlerzogener Mops – alles perfekt, sogar die Hundehaufen glänzten in der Sonne wie handgeschöpfte Schokolade von Samson & Goldhahn.

Nie ohne Bachblüten zum Helmholtzplatz Honey:

Gestern musste ich wieder zum Helmi. Ich war guter Dinge, schließlich bin ich inzwischen eine reife Yoga praktizierende Mutter, und ich bin umgestiegen auf Bachblüten Drops, die kaute ich schon seit ich aufgestanden war prophylaktisch. Perfekte Vorbereitung ist alles! Doch alles umsonst. Ich war überrascht, wie sehr der Helmi sich verändert hat. So schön ordentlich und idyllisch ist er gar nicht mehr. Kommt mir ja eigentlich sehr entgegen: Gestresste Mütter mit Ecken, Rissen und Kanten fallen da gar nicht weiter uff. Jedenfalls in der Mitte des Platzes. Selbst mit leicht abgehetzter Haut vom üblichen Samstagswahnsinn (Einkaufen, Minimal-Putzen und Wäsche waschen), und zerknittertem Kamelhaar-Mantel sah ich aus wie Germany next reifes Top Model. Ich fuhr mir lässig durchs Haar und tätschelte meinem Kind nervös auf die Schulter. Der war wie immer cooler als ich: „Mama toll da prügeln sich zwei Betrunkene“, rief er begeistert.

Um zwei Tischtennisplatten tobte die Hässlichkeit, sie hielt ihr Gesicht trotzig in die Sonne und brüllte unaussprechliche Wörter. Mein Kind war entzückt. Bierflaschen klirrten, es roch nach Urin und billigem Schnaps. Fast so als hätte sich der Kotti durch ein Loch im Raum-Zeit-Kontinuum nach Prenzlauer Berg geschoben. Am Kotti wird mir immer schlecht. Ich motivierte mich lautlos:

„Hast du diese rauhe Passage hinter dir gelassen Schätzelein, ist alles wieder schön – Om – nur tapfer voran“, dachte ich.

Ging irgendwie. Auf einem leicht erhöhten Hügel thronte meine Zuflucht. Dort mussten wir hin. Kiez-Kind stand auf dem Schild: „Ach Menno voll langweilig“, nölte mein Kind. Da waren wir ausnahmsweise mal einer Meinung.

Spiel Cafés: Warum ich lieber ins KaDeWe gehe

Ich mag keine Spiel Cafés. Es ist mir da zu laut, es riecht leicht nach Kinder-Pups, und ich bin überzeugt, dass einige eigentlich ausgerottete Erreger dort irgendwo an der Einrichtung haften. Wieso wollte ich also ausgerechnet dort hin? Noch dazu an einem Samstag?

Liebe Freunde hatten dorthin eingeladen, und weil es zurecht sehr beliebte Menschen sind, kamen so viele Gäste, dass die Party kurzerhand nach draußen verlegt wurde. Für mich super. Es roch nach kalter Wiese, statt Windeln. War halt nur ein bisschen kalt, aber sehr sonnig. Ich hatte zum Glück meine Angelina Jolie Sonnenbrille wiedergefunden und aufgesetzt.

Ich schaute meinem Kind beim Spielen zu. Es waren viele Kinder da. Meine Freunde haben schon mal drei. Und 90% der Gäste hatte auch Nachwuchs. Für uns Eltern war es trotzdem sehr entspannt, die Kinder zwischen 10 Wochen und 12 Jahren beschäftigten sich weitestgehend selbst. Und da sie alle von netten Menschen in die Welt gesetzt wurden und ein bisschen erzogen, war es gar nicht so laut. Alle Eltern werden jetzt neidisch seufzen. Nun ja: Das einzige was mir zu meinem Glück fehlte war ein Apérol Spritz. In meinem Kopf entwickelte ich zum wiederholten Mal den Business Plan für das einzig wahre Eltern-Kind-Café.

Menschliche Schwächen und echte Freunde:

Ich unterhielt mich nebenbei angeregt mit Menschen, die ich lange nicht gesehen hatte, und die ganz anders lebten als ich. Ich war die einzige Alleinerziehende. Passiert mir nicht zum ersten Mal. Ich kannte ja fast alle dort, entweder aus dem ehemaligen Kindergarten, oder aus dem Bekanntenkreis meiner Freunde.

Ich lachte viel und einmal war ich unabsichtlich gemein zu einem Vater, den ich eigentlich sehr mag. In solchen Momenten fällt mir immer auf, wie wenig ich unter anderen Menschen bin, ich weiß manchmal nicht mehr wie man Small Talk macht. Nun ja.

Ich beobachtete verstohlen, wie selbstverständlich diese Paare miteinander umgingen – und im Falle meiner Freunde zog sich das auch noch durch mehrere Generationen. Die Eltern waren auch da und strahlten. Sie sind sehr nett, und helfen ihren Kindern und den Enkeln, wann immer sie gebraucht werden. Alles total harmonisch und selbstverständlich. Das auszuhalten fiel mir lange sehr schwer. So etwas habe ich nicht, und das kenne ich auch nicht. Meine Freunde sind das was man eine glückliche Familie nennt. Und sie sehen auch noch gut aus. Sie könnten Werbung machen. Für Autos, für Waschmittel, für Banken, für Versicherungen. Man könnten den ganzen nächsten IKEA Katalog mit ihnen befüllen. Sie würden das natürlich nie tun, weil sie einfach völlig normal sind und cool. Sie sind auch sehr hilfsbereit.

Als ich mal völlig krank war und zu schwach um aufzustehen, hat sich meine Freundin ins Auto gesetzt, und mir eine Riesen Portion Bolognese vorbeigebracht. Mir war das peinlich. Ich habe mich geschämt. Wenn mich einer fragen würde, was das Schlimmste am alleinerziehend sein ist, würde ich antworten: Die Scham. Das ist einfach ein schreckliches Gefühl. Ständig fühlst du dich minderwertig und unterlegen, weil du nicht so lebst wie die anderen oder so wie die Puppen in dem Haus, das dir dein Vater mal gebaut hat.

Glückliche Familien sind gar nicht so schlimm:

Dieses Gefühl kennen viele und es grenzt uns aus. Das ist schlimmer und hinderlicher als der Dünkel vieler Menschen, die denken, wir sind selber schuld daran wie wir leben. In den letzten drei Jahren hatte ich sehr viel Zeit zum Nachdenken, und ich hätte rein theoretisch auch sehr viel Zeit für meine Freunde gehabt. Aber wir haben es nicht geschafft in Kontakt zu bleiben. Unsere Leben sind sehr verschieden gewesen. Ja das stimmt, aber unsere Probleme sind auch oft gleich.

Warum haben Alleinerziehende Schwierigkeiten, Freundschaften zu pflegen und ein gutes freundschaftliches Netz zu weben. Einen Halt aus Menschen, die so leben wie sie selbst oder eben anders. Immer wieder fällt mir das auf, bei mir selbst und anderen. Wir ziehen uns zurück. Liegt das immer nur daran, dass wir keine Zeit haben? Oder meiden wir andere? Zum Beispiel, die die alles haben, was uns fehlt? Meine Freunde werden mir fehlen, das haben sie schon vorher.

Jetzt ist es zu spät. Jetzt gehen sie weg. In ein Land, wo viele Berge sind und ganz viel Geld. Die wissen gar nicht wie gut sie es haben, die Menschen da, weil die jetzt dahin  kommen. „Besuch uns doch mal – wir haben ganz viel Platz“ sagt meine Freundin und hat feuchte Augen.

Sie meint das auch, sie sagt so etwas nicht nur. Ich verdrücke eine Träne, dann streiche ich ihrem Baby über die leicht zu große Mütze. Ich umarme vorsichtig diese tolle Mama, ihren Mann, einen prima Vater,  und die beiden größeren Kinder, die über die Wiese toben. Ich mag diese Jungs. Ich freue mich für sie, weil sie gemeinsam in ein Abenteuer gehen.

Ich verabschiede mich noch von ganz vielen anderen Menschen, und ich schwöre mir: „Dieses Mal schaffe ich es auch mich zu treffen – in Echt, nicht immer nur E-Mail und Facebook“. Mein Kind hüpft wohl gelaunt Richtung lärmende Trinker. Ein perfekter Tag. Nur meine Zehen sind gefroren. Aber egal: Glückliche Familien müssen nicht ein Puppenhaus passen.

Nur in ein Schneckenhaus passen sie nicht, da steckt man dann zusammen fest mit dem zurecht tobenden Kind! Das ist doch kein Zustand, und das hilft niemandem – am wenigsten dir selbst! Geht raus, hebt das Kinn und mischt Euch unter andere glückliche Familien. Wird Zeit.

PS: Nehmt die Sonnenbrillen mit

PPS: Und Bachblütendrops

Und hier noch einige Tipps rund um die No go area Helmholtz Platz:

Tolle Torten und nicht so versnobt: Café IM NU

Abhängen und versacken: Wohnzimmer Bar

Sushi und zwar richtig gut: Sasaya

Ganz tolle Ramen Suppe: Takumi Nine

Spielzeug Laden: Ratzekatz

Der OH GOTT ALLES SO LECKER UND AUCH NOCH KOCHBÜCHER Shop: Samson und Goldhahn

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