Es wird Frühling in Prenzlauer Berg. Die Kinder brüllen auf dem Spielplatz, zarte Krokusse schießen durch die Hundehaufen im Park, schöne Mütter hüllen sich in sehr schicke Trenchcoats und trinken viel Soja Latte Macchiato im Freien. Herrlich. Ich war auch draußen. Erst mit Kind, dann ohne. Ich fuhr mit meinem Rad friedlich Richtung Biomarkt, als mich an der Ampel ein DriveNow Fahrer so schnitt, dass ich unfreiwillig vom Rad absteigen musste. Nein nichts weiter passiert. Handinnenfläche aufgeschürft und Knie blutig. Ich lag mit meinem Rad ziemlich spektakulär direkt vor einem historischen Pissoir am Senefelder Platz. Ein Tourist lud mich auf Instagram hoch, und half mir dann auf.

Die Fast Lane im Biomarkt:

Ich schob mein Rad über die Kreuzung und murmelte sehr sehr böse Wörter. Fünf Minuten später humpelte ich tapfer durch den Biomarkt, wurde deswegen an der Käsetheke sehr bevorzugt behandelt, was einer Frau, deren Eile mir schon seit der Obst-und Gemüseabteilung an den Hinterkopf prallte, sehr mißfiel. Aber wir nehmen ja alle Rücksicht in Prenzlauer Berg, deswegen ließ ich mir noch einmal alle Laktose freien Hartkäse aufzählen.

An der Kasse ging es mit mir durch: Ich sagte Sachen wie: „Nein es geht schon“ und „nur keine Umstände“, was mir einen uneinholbaren Vorsprung gegenüber der eiligen Frau von der Käsetheke einbrachte. Ihr Mann half mir dann noch mit den Tüten. Ich kann nur hoffen, dass wir uns niemals auf dem Elternabend begegnen. Ich beschloss mein Rad nach Hause zu schieben. Eine gute Entscheidung: Zwei Minuten später raste ein weiteres DriveNow Fahrzeug mit quietschenden Reifen an mir vorbei (always trust your gut baby). Es schoss über die Kreuzung, massakrierte dabei fast eine Gruppe von Primark Tüten tragenden Teenagern, und schleuderte wild hupend um die Kurve davon.

Autos und Vorurteile – da war doch noch was:

Ich erinnerte mich auf der Stelle an alle Vorurteile, die ich jemals über BMW-Fahrer gehört hatte. Und wieder murmelte ich sehr sehr sehr böse (wirklich böse) Wörter. Ich mag das nicht. Das mit den bösen Wörtern. Eigentlich bin ich ein total zivilisierter Mensch. Was geschieht mit mir, dachte ich? Ich litt ganz offenbar an post-traumatischem Stress? Hatte ich jemals eine doofe Affäre mit einem BMW Fahrer? In meinem Kopf öffneten sich Schubladen, ich erinnerte mich an alle Auto-Knutschereien zwischen 1986-2003. Nein keiner dabei. Aber – oh Gott – ein Porsche Fahrer, der bei einer ganz schrecklichen Zeitung beschäftigt war.

In mir poppte die berechtigte Frage „war ich irre?“ hoch. Dies verlangte nach einem Beruhigungs-Kaffee und Kontemplation. Kurze Zeit später saß ich in der Sonne, ich rührte gedankenverloren in meinem Kaffee, als wieder Reifen quietschten. Diesmal ein Mini Cabrio. Mit einem Affenzahn raste es über die Ampel, eine Fußgängerin rannte zeitgleich um ihr Leben. Sie war leider bei Grün losgegangen. So saß ich da – mehrere Ampelphasen lang und beobachtete still vor mich hin.

„Wahrnehmen ohne zu bewerten dit isses Baby“,

sagt meine Lieblings-Yogalehrerin immer. Im folgenden präsentiere ich meine Ergebnisse:

Statistik des Wahnsinns – eine ganz normale Kreuzung:

Zwei Beinahe Crashs, darunter ein sehr spektakulärer Fastzusammenstoß zwischen einer Mutter mit Kinderwagen und einem Mini Cooper, sowie ein Überholmanöver, das einen Deliveroo Fahrer fast so platt gemacht hätte, wie die Hipster Pizza, die er gerade ausliefern wollte.

Ich zählte 13 DriveNow Autos in 2 Stunden. Sie fuhren sehr schnell. Wenn meine Brille serienmäßig mit Radarfalle ausgestattet wären, hätte ich geblitzt? Ja das mit der hohen Geschwindigskeit fällt mir auf: In den letzten Jahren wurde ich nämlich schrittweise entschleunigt. Und während ich das Tempo bewusst rausnehme, drehen alle hier im Kiez und in der Welt uff? Ich mache das ja nicht mehr mit. Schon eine Weile nicht.

Und das ist auch gut so, weil wisst ihr was? Das tut euch auch gut. Die Langsamkeit. Dieser Beschleunigungswahn ist doch irre? Alles sofort gleich heißt: Zu viel auf einmal. Und das bedeutet: Wir fliegen aus der Kurve, wir verlieren die Kontrolle, wir gefährden uns und andere.

HÖRT UFF DIE MUTTI: Wir haben jeden Tag 24 Stunden Zeit, 365 Tage im Jahr, so viele Jahre wie uns hier in dieser Welt geschenkt werden. Daran können wir nichts ändern, aber daran wie viel wir uns vornehmen.

In der Tat: Wir bestimmen das Tempo. Das haben wir aber vergessen? Ich weiß das wieder. Zum Glück. Andere wissen das auch – zum Beispiel Hartmut Rosa. Der hat ein ganz tolles Buch geschrieben. Er sagt:

„Wir sollten nicht fragen, wie können wir uns an die hohe Geschwindigkeit anpassen, sondern wir sollten fragen, welche Geschwindigkeit ist eigentlich gut für uns Menschen. Was führt zu einem erfüllten und guten Leben?“

Und weil ich so ein guter Mensch bin, habe ich mir vorgenommen ganz viele Menschen glücklich zu machen, und für Entschleunigung zu begeistern – die Frau von der Käsetheke und vor allem die DriveNow Fahrer.

Das nächste Mal ziehe ich diese von Zeitnot getriebenen Mitmenschen einfach aus dem Auto. Ich greife durch bzw. durchs geschlossene Verdeck, ziehe die Handbremse und sie dann an den Ohren nach draußen in diese schöne Welt. Dann schnalle ich sie auf den nächsten freistehenden Kinderwagen und fahre mit ihnen ein bisschen durch den Park. Da liegen sie rum und gucken in den Himmel, und das ziemlich lange, weil ich hab Zeit! WIR ALLE!