Es ist Sonntag. Draussen zwitschert ein verzweifelter männlicher Vogel, der ein Nest bauen will (ich war mal mit einem Hobby Ornithologen zusammen). Mein Kind sitzt neben mir und guckt eine Folge Pokemon. Ja am heiligen Sonntag. Ich lasse ich ihn. Es ermöglicht mir nämlich, diesen Artikel zu schreiben für den ich eigentlich gar keine Zeit habe, denn ich muss u.a. noch putzen, Diktat üben, eine Hose flicken, zwei Wäscheberge waschen, Essen kochen, und ganz wichtig die Post aka Rechnungen sortieren in drei Stapel: 1) hab ich schon bezahlt – 2) kann ich am Ersten bezahlen – und größter Stapel 3) es muss bald ein Wunder geschehen.

Wie man als Mutter ins wirtschaftliche Nichts rutscht:

Rein theoretisch geht es wirtschaftlich aufwärts für mich in 2017, ich arbeite seit 2 Monaten wieder. Aber an meiner finanziellen Misere ändert das leider nichts. Das erlebe ich nicht zum ersten Mal. Ich bin wie viele Mütter glückselig in die Teilzeit-Falle getaumelt, und hänge dort seit Jahren fest. Teilzeit ist eigentlich ein ganz großartiges Konzept. Eine Weile arbeitet Frau weniger, weil sie ein kleines zartes Wesen in die Welt gesetzt hat. Einen hoffnungsvollen gesunden zukünftigen Rentenkassen-Einzahler. Mein früherer Arbeitgeber ging in der Elternzeit pleite, und war seit der 8. Schwangerschaftswoche solo. Doppelt schlechtes Timing: Bis genau einen Tag nach der Elternzeit war ich angestellt, dann hatte ich auch schon Post vom Amt.

Selbstständig ständig am Limit:

Ich fing an freiberuflich zu arbeiten. Die folgenden drei Jahre lang ackerte ich wie eine Irre. Tag und Nacht. Dann war es vorbei. Die Agentur für die ich arbeitete verlor den Kunden. Ich war raus. In die Rentenkasse hatte ich während dieser Zeit nichts eingezahlt, dazu reichte es einfach nicht. Wieder Pech für die Mutti. Nach ein paar Monaten ohne Einkünfte hatte ich Glück im Unglück, ich wurde weiterempfohlen für ein neues Projekt. Ich wurde sogar festangestellt – 30 Stunden die Woche. Bingo. Endlich Arbeit und jeden Monat pünktlich Geld auf dem Konto. Ich machte Luftsprünge und ging erstmal zum Friseur. Aber der Reihe nach:

Warum die Teilzeit ein Risiko für die Karriere ist:

In Frankreich, wo ich einmal sehr glückliche Monate als sorgenfreie Praktikantin mit glänzenden Zukunftsaussichten verbracht habe, gibt es nicht so viele Teilzeit-Muttis, aber einen Begriff, der heißt: „le cadeau empoisonné = das vergiftete Geschenk“. Meine damalige Chefin, eine Frau mit 2 Kindern, benutzte diesen Begriff gern. Vor allem, wenn sie über eine andere Frau sprach, die auch ein Kind hatte, von dem jeder wusste, wer der Vater war, aber keiner sich traute den Namen auszusprechen (non nicht Lord Voldemort). Ich schweife wieder ab. Es geht hier nicht um Konkurrenz unter Frauen, das hatten wir erst hier im Blog, sondern um Teilzeit und das cadeau empoisonné.

Einsatz und Ertrag – da war doch noch was:

Das ist in etwa so, wie eine wunderschöne Geschenk-Box, in der man ein Flugticket nach Bora Bora vermutet, und darin liegt dann der Abschiedsbrief von dem Mann mit dem man eigentlich wüste Sachen am Südsee-Strand machen wollte – oder ein 20 Euro Gutschein für Tropical Islands in Brandenburg – oder beides. Moin dieu – tja. Ich hatte jedenfalls sehr viel zu tun in meiner 30 Stunden-Stelle. Ich arbeitete sehr gern und sehr viel. So verging das erste Jahr. Dann das zweite. Und jeden Monat, wenn ich auf meinen Lohnzettel blickte, fiel mir dieses Lieblings-Wort meiner ehemaligen Chefin wieder ein.

Nicht dass wir uns falsch verstehen. Meine Arbeit macht mir Spaß, aber wer kann von der Teilzeitarbeit leben? Teilzeit in Deutschland heißt für Mutter immer noch Überstunden statt Karriere.

Wie Arbeit sich ändern muss, damit Mütter Erfolg haben:

Dabei funktionieren die meisten Jobs auch in weniger Stunden. Im letzten Jahr habe ich in Teilzeit einen Job gemacht, der eigentlich nur Vollzeit geht – Projektleitung für einen internationalen Kongress. Es funktionierte. Ich hatte meine Stunden im Blick, und es herrschte ein sehr familienfreundliches Betriebsklima. Ich war flexibel, aber mein Arbeitgeber war es auch. Ich habe auch von zuhause, oder unterwegs gearbeitet, wenn es erforderlich war und gerade ging. Aber: Es gab nur ein Meeting in der Woche nach 16 Uhr, und das nur, weil es wegen der Zeitverschiebung notwendig war.

Was ich mir Politik und Unternehmen wünsche:

Warum gibt es so wenig lohnende Teilzeitstellen in Deutschland? Weil es sich nicht rechnet für Unternehmer? Dann tut endlich was in der Politik. Und zwar auch und gerade für die Frauen über 35, weil wir sind verdammt viele. Wir bekommen nun mal nicht mehr unsere Kinder mit Mitte 20, sondern später. Natürlich wollen wir danach noch lange arbeiten. Aber viele von uns können das nicht in Vollzeit. Gerade für alleinerziehende Mütter ist das sehr schwierig. Stichwort Vereinbarkeit: Finde mal Kinderbetreuung und Schulen, die das möglich machen. Das ist auch für Frauen mit Partner ein Eiertanz.

Die Politik hat viele Jahre zu wenig getan, und wir Alleinerziehenden zahlen dafür die Zeche. Sie bevorzugt und befördert immer noch das Zuverdiener-Modell: Stichwort Ehegattensplitting oder die beitragsfreie Mitversicherung von Ehegatten in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung.

Ich zitiere: „Allein durch die beitragsfreie Mitversicherung und das Ehegattensplitting bleiben fast 450.000 Frauen dem Arbeitsmarkt fern“, stellt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände fest. Zu den absoluten Verlieren gehöre ich – bzw. alle alleinerziehenden Mütter. Ich werde per Gesetz benachteiligt, nur weil ich keinen Mann habe? WHAT? Das ist doch der Wahnsinn! Habe ich vor 4 Jahren aus Versehen die AfD gewählt und kann mich zurecht an nix mehr erinnern? Wir schreiben doch das Jahr 2017? Oder? Februar? Die Demografie-Keule schwingt anscheinend noch zu hoch, und die Wahl ist erst im Herbst.

Apropos Keule: Hier noch ein Appell an alle deutschen „Familien“-Unternehmen, an die Global Player, den goldenen Mittelstand und ach die Kreativbranche: Etabliert eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Nein die gibt es noch nicht. Da könnt ihr noch so viele Studien in Auftrag geben, und euch wundern was da steht. Fakt ist:

Wenn ein bärtiger Hipster-Kreativ-Chef ein 12 monatiges Sabbatical macht, danach mit nem Welpen auf dem Arm zurückkommt, und verkündet: „Ich geh jetzt wieder zur Uni und arbeite nur noch 30 Stunden“, dann seufzen alle selig in der Agentur. Die Kollegen gehen wie selbstverständlich mit dem Hund raus, wenn der Hipster-Kreativ-Chef eine Deadline hat, und er „Welpe Odin“ deswegen nicht rechtzeitig zum Hundesitter bringen kann. Natürlich darf er den Hund mitbringen in die Agentur, wenn das arme Tier krank ist, und nicht zur Hundeschule kann. Und wenn der süße Hund auf den Teppich vom Chef kackt? Ach Gott der ist doch krank. Kann ja mal passieren. Ich übertreibe?

Dann tauscht doch mal in den vorherigen Sätzen den bärtigen Hipster-Kreativ-Chef gegen „blonde Hipster-Kreativ-Chefin“, macht aus Sabbatical „Elternzeit“, aus „Welpen“ Baby,  macht aus „Hundesitter“ Babysitter und aus „Hundeschule“ die Kita.

Ah now we are talking:

#MakeMotherhoodGreatAgain