Freunde, Gurus und Halb-Spirituelle: So geht das nicht mehr weiter! Seit ein paar Wochen liege ich immer wieder flach. Leicht irre Viren suchen mich heim und alle wollen was von mir. Immer zum Jahresende der gleiche Wahnsinn: Strom, Gas, Versicherungen, Erkältungen und der Weihnachtsgrinch lauert auch um die Ecke. Ich liege am Boden. Ich brauche dringend Schonung.

Ich will sofort eine freie Nebenhöhle, meinen Geschmackssinn und mein bescheidenes regelmäßiges Einkommen zurück. Ein frommer Wunsch ich weiß. Es gibt sowieso kein Entkommen: Der Trick mit der Bettdecke über den Kopf ziehen hilft in meinem Alter und bei meiner Größe leider nur bedingt – irgendwas guckt immer raus. Dabei könnte alles so einfach sein? Heilung hat gerade Saison.

In meinem Newsfeed jedenfalls. Ständig sagt mir jemand ungefragt, wie es besser wird und wie viel Geld ich dafür ausgeben muss. Der virtuelle Seminar-Wahnsinn krassiert? Egal: Ich will einfach nur liegen und leiden, bis es wieder so schön ist wie im August. Da war es warm und ich hatte eine 20 Stunden Stelle.

Probleme: Über Nacht verschwindet leider nichts – höchstens Dein Rad:

Dabei bin ich selbst schuld, dass es gerade so richtig dick kommt. Ich fahre bei der Kälte mit Trief-Nase Rad, und ich habe den ersten richtig fetten Virus der Saison unterdrückt, statt auskuriert. Das sollte man nie tun. Das mit dem ignorieren. Aber es ging nicht anders: Ich musste an einer Tango-Tanzveranstaltung teilnehmen, die es nur einmal im Jahr gibt. Ich hatte mich zwölf Monate darauf gefreut. Was hab ich denn noch vom Leben außer meinem Hobby? Eben.

Ehrliche Bestandsaufnahme ist der erste Schritt zur Besserung, in der Krise und im Schnupfen. Ich hab da voll viel Expertise: Seit meinem zehnten Lebensjahr stecke ich ständig in irgendetwas Unangenehmen. Gerippte kratzende Strumpfhosen mit zu geringem Wollanteil oder für meinen Hüftumfang völlig untaugliche weil zu enge Jeanshosen meine ich damit nicht. Das Universum kümmert sich schon lange sehr intensiv um meine persönliche Entwicklung. Wir hatten da bis jetzt: Lebensbedrohliche Krankheiten, traumatische Ereignisse und finanzielle Schief-Lagen, die dich ins Bodenlose kippen.

Nun denn ich bin noch da – und: Ich habe anscheinend noch nicht ausreichend gelernt, das Drama wiederholt sich ständig, und ich verdiene mit der ganzen Scheiße, die mir passiert noch nicht mal Geld. Mein Karma erwischt mich jeden Monat auf meinem Kontoauszug.

Warum gute Gurus kein fettes Business brauchen, aber einen ganz langen Atem:

Rein theoretisch, optisch und aufgrund meiner langjährigen Erfahrung bin ich also prädestiniert Deutschlands einziger wahrer weiblicher total authentischer Guru zu werden. Von meinen erfrischend ehrlichen Texten hab ich noch gar nicht gesprochen. Ich stecke mein ganzes Herzblut in diesen Blog! Und genau in diesem Satz liegt das Problem:

Ich bin hier zu viel ich selbst, ich will nichts von Euch und ich hab nix für Euch.

Wozu auch? Ich weiß nicht, wer Ihr überhaupt seid, was Euch bisher so passiert ist und warum (davon ausgenommen ist mein Exfreund, der hier heimlich mitliest).

Im Grunde genommen ist alles ganz einfach, denn es passiert uns allen nur eins: Das Leben eben. Das ist nun mal ganz schön schrecklich für manche von uns. Warum auch immer. Für manches kann man einfach nichts, für anderes schon (siehe oben posttraumatische Bettdecken-Taktik).

Und weil wir gerade so offen miteinander sprechen: Ich habe auch bis Weihnachten immer noch keine Methode entwickelt, die ich Euch in einem Webinar für 399,– EUR zum Frühbucherpreis anbiete, oder ein effektives Coaching oder ein kostenfreies Online-Produkt – so was wie: „Wie man in 5 Schritten zum leichteren Leben kommt und dabei 7 kg verliert“ – oder „Großes Geld kommt, wenn die negativen Gedanken gehen“. Ich bin total hinter meinem Blog-Business-Entwicklungsplan – auch im nächsten Jahr!

Es ist mir allerdings total egal. Ich schreibe trotzdem weiter. Im besten Fall lacht man hier über mich, schüttelt den Kopf und sagt: So schlimm ist es bei mir noch nicht. Oder stellt fest: Die hat doch nicht alle Tassen im Schrank. Auch toll!

Apropos Tassen: Eventuell wäre ich ja irgendwann doch zu minimalem klugen nachhaltigen Merchandising bereit:

Ich hätte wirklich schöne Sprüche für handgetöpferte limitierte Tassen in meinem Kopf. Stellt Euch das mal vor: Ganz Deutschland trinkt aus mir one fine day? Könnte man mit Tassen wirklich seine Rechnungen bezahlen?

Apropos Geld, da sind wir wieder beim ursprünglichen Thema: Warum muss eigentlich alles was hilft, so viel kosten? Diese ganzen Seminare und Methoden zum Beispiel? Hat man denn daran so lange wie an einer meiner Tassen?

Warum ein Hobby mehr hilft, als ein Selbstfindungs-Seminar:

Am Ende dieses Artikels kommt es jetzt leider ganz dick: Es gibt keine Methode, die immer und bei jedem endgültig wirkt. Es geht mir auf die Nerven, wenn ich solche Behauptungen lese. Du kannst nicht einfach an dir arbeiten, bzw. ein Seminar besuchen – und dann ergießt sich ohne weiteres Zutun der Geldsegen über dich, oder der berufliche Erfolg oder das große Liebesglück. Sowas schreibt sich immer besonders gern und überzeugt aus der Helikopterperspektive von Menschen, die keine Probleme mehr haben – oder auch schön – nie wirklich welche hatten.

Wenn Ihr in der Krise seid hilft vor allem das: Sucht Euch einen guten Therapeuten, der zu Euch passt (ja die existieren), ein Hobby (schafft Lebensfreude) und umgebt euch mit Menschen, die Euch guttun (gibt Halt) – das alles zusammen gibt Euch mehr Kraft, Probleme anzugehen und vielleicht irgendwann zu lösen – oder damit besser klarzukommen. Das ist ein realistischeres Ziel. Es dauert ja ich weiß verdammt doof, aber das ist leider auch verdammt wahr.

Vielleicht ist das meine Aufgabe – jetzt und hier: Zu sagen, das Leben kann echt beschissen sein, aber es ist auch verdammt lustig. Wie auch immer: Ich werde sowieso nie erfahren, was meine wirkliche Lebensaufgabe ist, was mich ihr näher bringt, oder mir endlich das Geld beschert, dass ich verdiene. Ich kann kein einziges Seminar buchen: Euer Fast-Guru muss nämlich leider irgendwie seine Stromrechnung bezahlen.

Yoga, Tango, Fango: Macken haben Ihren Sinn und Platz

Es gibt ja zum Glück wichtigeres im Leben. Die Liebe zum Beispiel. Auch so ein erschöpfendes Thema! Wer hatte noch mal bei Facebook dieses Seminar beworben, das mir meinen seit mehreren Leben verschollenen Seelenpartner bringt. Oder ist es womöglich gar eine Frau? Ich sollte doch ganz dringend ein virtuelles Vollmondritual mitmachen? Aber ich bin immer so müde. Tja. Mir fehlt nicht nur Geld, sondern Energie. Ich muss diese Woche dringend zum Tango oder zum Yoga.

Nein das ist keine Flucht: Ich habe in all der Zeit keine Methode erlebt, gefunden oder ausprobiert, die nachhaltiger wirkt als meine zwei Hobbies. Sie schenken mir Freude und Energie. Beim Yoga bin ich mit mir selbst auf der Matte und ganz im Moment, beim Tango kommuniziere ich mit anderen und kann zulassen. Für beides hatte ich viele Jahre keinen Sinn und keine Zeit. Jetzt hole ich das alles nach. Und ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, die mein Leben bereichern.

Ich bin übrigens mit dieser Überzeugung nicht allein. Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel gelesen über einen Therapeuten, Christian Peter Dogs, der große Erfolge feiert, gerade weil er nicht nach einer bestimmten Methode arbeitet – er sagt: „Was den Patienten hilft? Lebensfreude. Schöne Atmosphäre. Beglückende Verbindungen mit anderen, findet er“.

Natürlich reicht ein Hobby nicht, um aus einer ernsten Krise zu kommen. Aber es hilft sie auszuhalten. Ich habe keine Ahnung, ob Tango oder Yoga für jeden etwas ist  – muss man probieren. Wobei wenn ich mich so umsehe auf den Tanzflächen und Matten, dann möchte ich an dieser Stelle brüllen: Wir sind schon genug Bekloppte. Ja ich weiß: Zu ehrlich. Kommt nur ich rücke, es ist für jede Macke Platz im Leben – und diese Seminare sind ja eh immer gleich ausgebucht.

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Man sieht sich.