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Mitgefühl macht schön

Gute Reise kleiner Löwe: Ein Abschied im August

Der August ist mein Lieblingsmonat. Ich habe nämlich bald Geburtstag. Allerdings am falschen Tag. Mein voraussichtlicher Geburtstermin war ein Tag Anfang August. Ich sollte ein kleiner Löwe werden. Hätte ich mich auch nicht beschwert: Dem Sternzeichen Löwen bescheinigt man ein leidenschaftliches großzügiges Wesen.

Meine Mutter saß jedenfalls ab Ende Juli gespannt auf einem gepackten Koffer. Sie ernährte sich nur noch von Eis mit Sahne und freute sich, dass es bald losgeht.

Das Leben macht was es will:

Es dauerte länger als gedacht. Aus einer wilden Löwin wurde mal eben eine pragmatische Jungfrau. Mein Geburtstag ist trotzdem ein schöner Tag. Ich habe Glück: Alles um mich herum blüht und duftet. Zum Beispiel Rittersporn. Ich liebe diese Blumen.

Sie standen im Garten meines Elternhauses. Jedes Jahr schraubten sich diese Stauden an der Rückwand unserer Garage in Richtung Himmel. Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal versuchte, ein besonders schön gewachsenes Exemplar abzupflücken. Ich wollte mir daraus eine Kette basteln. Es war ein warmer wunderbarer Tag. Als meine Finger an einem dicken Stengel rissen, brüllte jemand: „Achtung der ist total giftig. Der Rittersporn verwelkt sowieso ganz schnell. Der ist jetzt hin. Nimm doch die Gänseblümchen.“ Ich fing an zu weinen. Ich schaute entsetzt auf meine Hände und fragte: „Muss ich jetzt sterben?“  Jemand rief: „So ein Unsinn natürlich nicht. Du musst doch keine Angst haben. Hör auf zu weinen – nimm halt einfach andere Blumen“

Ich biss mir auf die Unterlippe und pflückte traurig geknickte Gänseblümchen vom Rasen. Ich hatte mich gerade fast umgebracht und den Rittersporn auch. Für mich war das eine Katastrophe.

Die Erwachsenen hatten wieder Probleme mich zu beruhigen.

Sei keine Heulsuse hörte ich oft –  ich glaube niemand meinte das so böse, wie es klingt. Alle wollen unser Bestes und uns auf das Leben vorbereiten. Da steht ja quasi überall Rittersporn. Aus mir sollte auch was werden. Ich wollte auf gar auf keinen Fall eine Heulsuse sein. Klappte oberflächlich gesehen total prima.

Warum Weinen doch hilft:

In letzter Zeit mache ich diesem vergessenen Namen aus meiner Kindheit wieder alle Ehre. Ich habe aus verschiedenen Gründen sehr viel geweint. Heute auch schon – gerade eben in der Küche. Nachher werde ich übrigens noch in einem Blumenladen weinen. Ich kenne die Frau, die dort arbeitet – deswegen ist mir nicht bang. Sie wird nicht in Panik ausbrechen. Sie hat sich etwas bewahrt, was viele verlernt haben: Sie kann Gefühle zeigen und aushalten.

Ich werde in diesem Blumenladen Rittersporn bestellen. Er soll einen kleinen Menschen begleiten. Ein Löwenkind. Es hat im gleichen Monat Geburtstag wie ich. Das war nicht so geplant. Es sollte ein anderes Sternzeichen haben.

Das Leben macht aber leider was es will. Das vergessen wir gern. Wir vergessen vieles: Zum Beispiel wie fragil unsere Existenz ist.

Und was wir für jemanden geben können, das merken wir oft erst, wenn wir es nicht mehr dürfen.

Lieber kleiner Löwe: Ich durfte eine Weile in Deiner Nähe sein und spüren, wie sehr Deine Mutter Dich liebt. Ich habe sie gefragt, was sie sich für Blumen wünscht für Dich. Sie sagte: Rittersporn. Ich habe mich ein bisschen gefürchtet, sie zu fragen, was sie für Blumen haben möchte. Aber das ist egal. Ich mache jetzt einfach das, was ich schon immer gut kann:

Ich weine mit Deiner Mama.

Post Scriptum:

In diesem Moment bringt irgendwo eine Mutter ein Kind zur Welt. Es wird sehr still sein. Sie hält ihr Kind und nichts ist so wie es sein sollte. Sie muss Abschied nehmen von einem Leben, das sie gerade geschenkt hat. Das ist das schlimmste was passieren kann. In Deutschland passiert das öfter als man denkt. Nur spricht fast niemand darüber.

„Was soll ich nur schreiben?“, hat mich heute jemand gefragt, „ich glaube es ist alles falsch“. Ja das ist es bestimmt. Was soll auch einfach und richtig sein in so einem Moment? Nichts ist gut.

Ich kann mir nicht vorstellen was jemand fühlt, der gerade sein Kind verloren hat.

Ich kann mir aber sehr gut vorstellen was ich nicht hören will in so einer schlimmen Situation:

Du musst aufhören zu weinen. Du kommst darüber hinweg oder ähnliches.

Es gibt sehr wenig Unterstützung für Eltern in dieser Lage. Angehörige und Freunde fühlen sich oft hilflos. Viele halten sich zurück. Die Angst etwas unerträglicher zu machen, als es ist, ist groß und durchaus berechtigt.

Aber unsere aufrichtige Anteilnahme, die können wir zeigen – zum Beispiel mit einer kleinen Geste oder einer kurzen Nachricht:

Ich bin sehr traurig. Es tut mir so leid, dass das passiert ist.

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