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rein theoretisch geht alles

Pokemon Go: Der Hype, mein Digital Native und ich

Dienstag war ich im Park mit meinem Kind. Es war ein normaler Werktag und mittelschönes Sommerwetter. Mein Kind, meine etwas zu enge Latzhose und ich spazierten durch die Grünanlage. Wir beobachteten Vögel, schlafende Penner und Polizisten auf Streife – dabei erreichten wir ganz nebenbei Level 7 bei Pokémon Go. Das Leben kann so einfach sein, wenn man sich nicht immer gegen alles sperrt, sondern mitschwingt – ohne dass einem die Latzhose platzt. Und noch etwas ist einfach so wie es ist: Dein Kind. Das zu begreifen und anzuerkennen ist der wichtigste Schritt für uns Eltern – und manchmal der schwerste. Unsere Kinder kommen meistens sehr nach uns, und sind doch ganz anders. Darauf haben sie auch ein Recht. Wir Eltern sollen ihnen helfen, ihren ganz eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Die besten Absichten und ich

Mit den Absichten ist das so eine Sache. Bei mir klappt das jedenfalls nicht immer so wie Jesper Juul das schreibt. Außerdem erkennen wir im Alltag mit dem Nachwuchs: Unsere Eltern hatten es auch nicht immer leicht – und die artgerechte Haltung, die gerade so en vogue ist, dass sogar die BILD darüber schreibt, ist ohne 25 Köpfe zählenden solventen Steinzeit-Clan bestimmt nicht immer das Gelbe vom Paleo-Ei. Aber wer gibt das schon zu? Eines gilt aber trotzdem für alle Eltern: Wir wollen mit unseren Kindern in Beziehung treten. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Alles wird beobachtet und bewertet – im Internet und in Echt. Besonders gern geschieht das in Prenzlauer Berg. Wenn du etwas tust, was gar nicht angesagt ist bei verantwortungsvollen Mitmenschen, die in 9 von 10 Fällen auch Eltern sind oder mindestens Großeltern, erntest du einen politisch-korrekten Blicke-Shitstorm. Und wenn du ganz viel Pech hast, gibt es auch ungefragt Kommentare.

Kick it like Götze

Mir ist das gestern wieder passiert – beim Pokémon Go im Park spielen. Ich bin selber schuld. Gute Eltern machen so etwas nicht. Sie spielen mit ihren Kindern Fußball, oder rollen sich über die Wiese und klettern auf Bäume. Manchmal tragen gute Eltern aber enge Latzhosen, sie kommen auf gar keinen Fall in dem Outfit auf den Baum, weil sonst landet ihr Hintern als viraler Hit im Internet – oder es ist sonst irgendwas. Es ist eigentlich ziemlich einfach: Gute Eltern tun das, was sie können und was die individuelle Situation gerade erfordert. In unserem Fall war das Pokémon Go.

Dass ich nicht Ball mit ihm spiele liegt übrigens nicht nur an meiner Latzhose. Mein Kind ist kein wilder Fußball-Kerl. Nur wenn EM oder WM sind kickt er phasenweise den Ball. Dabei stammt er in direkter Linie von einem Clan begabter Amateurspieler ab, von denen einige bis in die Regionalliga gedribbelt sind. Ich habe mein Bestes versucht, etwas aus ihm zu machen, was er nicht ist. Ich habe ihn mit 5 Jahren zum Bambini Fußball angemeldet. Ihm machte das „Spiel“ schon bald keinen Spaß mehr. Es gibt jede Menge Experten-Eltern, die wie irre vom Seitenaus brüllen, und jedes der Kinder motivieren möchten sein Bestes zu geben. Kommentare wie „vielleicht ist Fußball einfach nicht sein Ding“ sind dabei noch relativ konstruktiv. Nach dem Satz meines Kindes „Geh du doch dahin und lass dich anbrüllen und umrennen Mama – ich kann das ja eh nicht sagen die alle“ war jedenfalls erstmal Schluss mit Fußball.

Die digitale Jagd

Seit letzter Woche jagt er jetzt wieder begeistert im Freien etwas hinterher. Er spielt Pokémon Go. Wir kannten Pikachu schon lange bevor die App rauskam. Die Frage einer verzweifelten Mutter:

„Habt Ihr irgendwas mit Pokémon“ in einem Spielwarengeschäft wird spätestens jetzt nicht mehr mit dem Satz „Das ist doch schon seit Jahren vorbei mit diesen Pekidings“ beantwortet.

Ich habe mir trotzdem sehr gut überlegt, ob ich diese App herunterladen soll. Ich war zwiegespalten, vor allem als ich diese Fotos sah von Menschen, die sich wie in Trance durch Städte bewegen. Aber dann dachte ich: Worüber empören sich eigentlich alle. Das ist doch inzwischen längst Normalität geworden. Jeder hängt an seinem Smartphone. Ich bin oft die einzige Person in der U-Bahn, die nicht auf ihr Handy starrt. Erwachsene Männer daddeln morgens um 8 Uhr Clash of Clans, Singles wischen durch ein Tindergesicht, statt einen Blick auf den Flirt willigen Sitznachbarn in der U2 zu werfen, Mütter stillen, posten und kaufen nebenbei in der LPG ein. Wir sind alle mittendrin statt nur dabei: Ich bin auch eher panisch, wenn der Akku von meinem Smartphone leer ist, als mein eigener. Das bringt das digitale Zeitalter leider so mit sich. Vielleicht fällt einfach durch diese App mehr auf, dass wir auf dem besten Weg sind digitale Zombies zu werden? Und unsere Kinder auch.

Die Digital Natives und Du

Alle Eltern sollten sich damit auseinandersetzen. Ich glaube nicht, dass man Kinder grundsätzlich von Medien und Online Spielen fern halten kann und soll. Eltern müssen natürlich wissen, was ihr Kind spielt, wann und wie viel. Ich spreche mit meinem Sohn darüber. Natürlich kommt es auch zum Konflikt: „Jetzt ist es genug“ gehört nicht zu den beliebtesten Sätzen in unserem Haushalt.

Jetzt spielt er auch noch Pokémon Go mit seiner Mutter: Wir fingen 6 seltene Pokémon in einer Stunde – hatten trotzdem ein Auge für das was um uns herum passierte – und großen Spaß. Die meisten Leute, die uns dabei begegneten, wollten das aber nicht glauben. Es ist wirklich unfassbar wie viel böse Blicke man erntet, wenn man als Mutter in Prenzlauer Berg ein Kind an der Hand hat, durch den Park läuft und freudig ruft:

Oh ein Wasser Pokémon! Wahrscheinlich würde das nur noch getoppt von dem Ausruf: Oh eine Windpocke? Ich hätte dich doch impfen lassen sollen?

Ich muss gestehen, dass mir die Reaktion meiner Mitmenschen die Freude am Spiel etwas vermiest hat. Dabei bin ich wahrscheinlich gar nicht so schlimm wie sie denken. Und Pokémon Go ist vielleicht gar nicht so schlimm. Es ist jedenfalls nicht schlimmer als jedes andere Online Spiel mit GPS Signal und In-App Kauffunktion. Davon gibt es ziemlich viele. Nein ich werde die App nicht löschen. Ich habe den festen Willen mit meinem Kind den nächsten Level zu schaffen, und dabei Vögel zu beobachten. Wenn man einige Dinge beachtet, dann kann die App Eltern und Kindern nämlich großen Spaß machen.

7 Dinge, die es zu bedenken gilt, wenn Ihr Pokémon Go spielt:

  1. Der Entwickler der App hat Deine Daten, das ist der Preis, den du zahlst. Du solltest trotzdem keine Klarnamen verwenden.
  2. Das GPS Signal: weiß wo Du bist – und damit wissen die immer wo Du bist und Dein Kind. Also besser nur aktivieren, wenn Du spielst (Allerdings weiß ja Google auch immer wo Du bist, wenn Du dich orten lässt – das war dir nicht klar? Doch das ist der Preis dafür, dass wir immer ganz schnell zum nächsten noch offenen Biomarkt finden. Also besser Ortung aus!)
  3. Verkehrserziehung oder -nachschulung ist spätestens jetzt akut: An jeder Strasse ist Pokémon Stopp! Smartphone weg, rechts, links, rechts. Ich würde sowieso nicht auf dem Gehsteig spielen, sondern da wo Platz ist, weil siehe nächster Punkt:
  4. Geländebeschaffenheit: Es existiert immer die reale Welt um euch herum, z.B. Hundehaufen, Querfeldeinradler, Müllberge, Tauben fütternde Omis, Kinder ohne Eltern, Scherben, Bäche, Hunde, etc etc etc.
  5. In-App Käufe: Diese Funktion besser deaktivieren – gilt für alle Online-Spiele – oder mit Passwort schützen.
  6. Updates: Noch gibt es keine Möglichkeit miteinander oder gegeneinander zu spielen. Falls doch heisst es Vorsicht. Wer verbirgt sich hinter dem vermeintlich harmlosen gleichaltrigen Teammitglied? Darüber solltet ihr mit euren Kindern sprechen. Aber das gilt für alle Online Spiele – selbst wenn da eine Altersempfehlung steht, bedeutet das nicht das ist ein geschützter Raum.
  7. Alleine spielen sollten Kinder unter 12 Jahren Pokemón Go nicht! Geht gemeinsam auf die Jagd – man kann daraus eine Schnitzeljagd 4.0 machen – inklusive Picknick Korb und Pausen.

Mein Fazit ist Pokémon Go ist nicht Rosemaries Baby! Die Welt ist nicht aus den Fugen, das war sie vorher schon. Ich verdanke der App mehr Aufenthalt im Freien, mein Sohn schaut plötzlich von sich aus nach rechts und links – und er weiß wieder dass es Spaß machen kann, sich im Freien viel zu bewegen. Den haben wir auch ohne Smartphone, das packen wir nämlich nach einer vereinbarter Zeit weg.

 

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