Mein Sohn wird flügge. Er stutzt mir gerade ganz schön die Helikoptermutterflügel. Neulich war ich vier Tage nicht daheim und schon ging es los. Er ging zum ersten Mal allein von der Schule nach Hause. Mein Kind unbeaufsichtigt im Brennpunkt Prenzlauer Berg! Mich erfasste nackte Panik. Natürlich war er nicht allein zuhause als ich weg war. Er zog während meiner Abwesenheit ins Hotel Oma.

Wer meine Mutter kennt weiß das ist kein schlechter Tausch. Wir machen das auch nicht zum ersten Mal. Das bringt mein Beruf so mit sich und hat sich bewährt. Praktischerweise liegt die Schule meines Sohnes nicht weit von Omas Haus. Ehrlich gesagt geht er deswegen in diese Schule – mit der Vereinbarkeit von Kind und Beruf ist das nämlich so eine Sache. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel inklusive Onlinepetition bei change.org!  Zurück ins hier und jetzt: Sich abnabelnder Nachwuchs:

Dobermänner und Drohnen

Geplant war ein schrittweises Flügge werden – eines das Rücksicht auf mütterliche Neurosen nimmt:

  • An Tag 1 geht das Kind, ausgestattet mit kugelsicherer Weste und in beiden Sneakern versenkten GPS Chips, allein von der Schule bis zur Ecke, wo ihn Oma erwartet.
  • An Tag 2 eilt das Kind – ohne Verzögerung und ungeplante Zwischenhalte am Kaugummiautomaten o.ä. – von der Schule bis zu Omas Haus (dabei folgen ihm unauffällig 2 ehemalige Elitesoldaten – und ein kampfbereiter Dobermann).
  • An Tag 3 rennt das Kind in Weltrekordtempo ganz allein zu Omas Haus, überwacht von zwei Drohnen, die mir gestochen scharfe Bilder in den Regieraum eines Kongresszentrums in der Nähe von Stuttgart übertragen.

Und nun das: All meine schönen Pläne wurden zunichte gemacht! Und wem hatte ich das zu verdanken: Der im Gegensatz zur Mutter total lässigen Oma. Nach Rücksprache mit dem Schulkind hatte die entschieden: Der ist schon soweit – der geht ohne Umwege gleich alleine von der Schule bis zum Klingelschild. Mein Sohn berichtete mir davon total freudig am Telefon. Ich war nicht so begeistert wie er. Ich wollte eher folgendes hören:

„Übermorgen gehe ich vielleicht zum ersten Mal allein, wenn überhaupt, wann kommst du wieder Mama, ich mach das lieber wenn Du dabei ist?“

Und jetzt das? Ich bin anscheinend total überflüssig –  und wieder mal ängstlicher als meine Mutter.

Mittelalte Gourmets mit Ziegenkäse:

Warum kann ich nicht einmal so cool sein wie meine Mutter? Diese Frau, die mich mit zwölf Jahren völlig unerschrocken mit dem Zug zwölf lange Stunden allein quer durch Frankreich fahren ließ. Ich selbst hatte diese Option damals vorgeschlagen. Allerdings halbherzig. Ehrlich gesagt, hatte ich gehofft, sie sagt nein! Die Aussicht auf zwölf Stunden in einem Zug machte mich panisch – auch wenn zwei Wochen tolle Ferien in Südfrankreich auf mich warteten. Aber eine andere Möglichkeit dorthin zu kommen gab es nicht. Meine Mutter sagte damals: „Ja das machen wir“. Sie war unerschrocken und vertraute mir mehr als ich mir selbst. Alles kein Problem, sondern ein schönes Abenteuer.

Lächelnd stand sie am Bahnsteig, akquirierte ein mittelaltes französisches Paar, als temporäre Aufsicht für mich – und brüllte mir zu: „Wie toll dass das klappt – hab ganz viel Spaß“. Das mittelalte Ehepaar war sehr nett und teilte seine Verpflegung mit mir. Ich saß in einem 2. Klasse Abteil und aß auf höchstem Niveau. Unglaublich was die alles mithatten – u.a. einen überreifen Ziegenkäse auf den sie selbst gekochte Aprikosenkonfitüre türmten. „Ach die Franzosen“ dachte ich damals zum ersten Mal. Meine Angst war so schnell verfolgen, wie französisches Baguette verdaut ist.

Aus zwei Wochen Ferien wurden übrigens sechs – ich aß bei meiner Gastfamilie zum ersten Mal Avocados und Ente à l’Orange und, und, und – und diese Wohnung – es war der Himmel auf Erden über den Dächern von Toulouse. Ich rief freudig meine Mutter an: „Ich kann noch mit ans Meer ist das ok?“ Sie sagte: „Ja klar“. So einfach war das damals. Die Unerschrockenheit meiner Mutter war der Auftakt für meine Reiselust und Liebe zu Frankreich.

Was Enten- und Helikoptermütter gemeinsam haben:

Inzwischen bin ich selbst mittelalt und Mutter: Deswegen verkniff ich es mir erfolgreich, spontan in den Hörer zu brüllen. Ich ommte innerlich dreimal, und sagte zu meinem Sohn in – meiner Meinung nach – völlig unaufgeregter Tonlage: „Gib mir bitte mal die Oma“. Mein Sohn ist leider schon sehr weit bevor er mittelalt ist. Er sprach: „Mama! Lass bloß die Oma in Ruhe, die hat schon gesagt, dass Du bestimmt motzt, weil Du denkst, ich kann das Klingelschild an der Tür nicht finden oder sonst was. Ich kann das Klingelschild lesen.“ Meinen Einwurf: „Aber Schatz das sind doch wirklich total viele Klingelschilder, selbst ich finde das nicht immer gleich“ ließ er nicht gelten. Mein Kind tobte:

„Du traust mir gar nix zu Mama — ich kann total gut lesen – Du nervst einfach total – Tschüß.“

Rumms!  Gespräch beendet. In meinem Kopf ging es total durcheinander. Die Zeichen waren eindeutig. Ich bin genau das was ich nie sein wollte: Eine hysterische Helikoptermutter.

Ich beschloss nicht sofort wieder anzurufen – zum Glück hatte ich so viel zu tun, dass ich gar nicht mehr dazu kam. Auch das bringt mein Beruf mit sich.

Am Abend lag ich platt in meinem Hotelbett und starrte in Richtung Flachbildfernseher. Es lief eine Dokumentation über Südwest-Frankreich, eine Entenfamilie lief gackernd von rechts nach links. Ein Küken scherte aus, die Mutter rammte ihm fürsorglich den Schnabel in den gefiederten Hintern. Ich hatte gleich ein schlechtes Gewissen:

In diesem Moment erinnerte ich mich an all die Tonnen Entenleberpastete, die ich während meiner Ferien verdrückt hatte – ich hatte mir unbekanntes Federvieh gemeuchelt – so viel kann man gar nicht detoxen, um das wieder gut zu machen.

Aber jetzt und hier ich kann ich was anderes: Schwören! Hiermit schwöre ich, dass ich meine Befürchtungen nicht meinem Kind überstülpe! Ich kann loslassen. Yes I can. Apropos: Ob die hier französischen Ziegenkäse haben im Portfolio? Oder wenigstens Aprikosenkonfitüre? Oder? NEIN! AUF GAR KEINEN FALL!!!