Deutschland ist krank. Nein das wird kein Kommentar zur Kommunalwahl, die heute in 3 Bundesländern läuft. Das Land wird heimgesucht: Grippe, Influenza, Magen-Darm und viele fiese Dinge gehen um. Ist gerade Saison. Mich hat es auch erwischt. Seit 3 Wochen bin ich erkältet. Es ist hartnäckig. Und weil ich gerade ganz viel um die Ohren habe, wird es wohl eine Weile bleiben. Aber alles halb so wild, es ist ein „nettes“ Virus. Wir haben uns arrangiert. Es nimmt Rücksicht und meldet sich nur, wenn ich Kapazitäten habe. Also zum Beispiel jetzt, während ich hier liege und schreibe. Darauf einen Ingwer-Kurkuma-Grünkohl-Shot!

Neulich beim Kinderarzt

Mein Kind ist übrigens wieder gesund. Wir wurden praktischerweise zeitversetzt krank. Trotzdem musste ich diese Woche kurz zum Kinderarzt. Ich musste etwas abholen. Weil ich krank bin und clever, habe ich vorher angerufen, um auszuloten wann denn günstige Zeiten sind. Die Sprechstundenhilfe – oder Schwester wie man in Ostteil Berlins gern sagt, gab mir den heißen Tipp gleich morgens um 8 Uhr vorbeizukommen. Hab ich brav gemacht. Ich öffnete die Tür und mich traf der Schlag: Riesenandrang. Aber nun gut so ist das mit den lieben Kleinen. Außer mir, waren nur „Jungeltern“ da. Akute Fälle mit Fieber roten Bäckchen und unwirsche Impfkandidaten, die überhaupt keine Lust hatten zu bleiben, weil sie schon alt genug waren, sich an den Pieks vom letzen Mal zu erinnern. Die Stimmung war sagen wir mal: Gereizt. Ich stand in der Schlange und blieb gelassen. Das war nicht immer so. Aber man wird ja alt und wächst mit den Aufgaben.

Nach 15 Minuten anstehen, rückte ich vor ins Wartezimmer und hoffte mal, dass die Schwester und ich das gleiche unter dem Adjektiv „kurz“ verstehen. Es gibt ja Menschen, die sagen kurz und beschreiben damit einen relativ großen Zeitraum. Ich suchte mir einen guten Platz: Weit genug von Kindern, deren Nase mehr lief als meine. Ansonsten ist man ja relativ machtlos, man sitzt und hofft, dass die Eltern mehrheitlich höfliche Menschen sind, die sich relativ im Griff haben. Die Kinder können ja nix dafür, dass sie krank sind. Mich stört das auch nicht, wenn ein Kind quengelt oder weint, wenn es krank ist. Krank sein ist nämlich anstrengend. Darauf eine Handvoll Globuli.

Du, ich und die anderen

Da saß ich also im Wartezimmer um mich herum nur Väter. Während ich kurz überlegte, ob ich diesen historischen Moment auf Instagram posten sollte, hörte ich eine Stimme. Es war eine Frau, die ihre Tochter ins Wartezimmer begleitete. Das Kind setzte sich direkt neben mich. Ich lächelte es freundlich an, und sagte „Hallo“ das gehört sich so finde ich im Wartezimmer. In meine Begrüßung schloss ich die Mutter selbstverständlich mit ein.

Das bereute ich allerdings gleich wieder. Sie schaffte es, sich innerhalb von 35 Sekunden total unbeliebt zu machen. Bei mir jedenfalls. Diese Frau störte alles: Hier, jetzt und ich glaube überhaupt im Leben. Ihr Willkommenssatz lautete: „Oh Gott, das ist ja schrecklich hier.“ Darauf folgte ein herzerwärmender Monolog der Mitmenschlichkeit: „Also ich bin echt froh, dass du immer gesund bist. Diese ganzen kranken Kinder hier. Und wie das riecht. Das ist ja unerträglich. Können wir mal ein Fenster aufmachen. Das ist ja nicht zum Aushalten“. Dann schaute sie auffordernd in Richtung eines sympathischen Papas, der mit seiner Tochter eigentlich friedlich ein Buch las. Der arme Mann sprang auf und rüttelte panisch am Fenster. Er wurde blaß und murmelte entschuldigend: „das kann man nicht öffnen“. Die wohlgelaunte Mutter dankte ihm für seine Initiative: „Dann erstick ich halt“. Mir lag ein sehr böser Kommentar auf den Lippen, den ich aber unterdrückte. Stattdessen stieß ich einen Empörungsseufzer der Stufe 3 aus und rollte die Augen in ihre Richtung. Sie war erstmal still und sie hatte Glück – ich wurde aufgerufen.

Praktizierte Nächstenhiebe

5 Minuten später saß ich auf dem Rad. Die armen Menschen im Wartezimmer dachte ich. Kinderarztpraxen sind anscheinend für manche Eltern eine Art Ausnahmezustand. Jedenfalls habe ich schon ganz oft erlebt, dass ausgerechnet die Erwachsenen ihre gute Kinderstube dort vergessen. Neulich zum Beispiel war mein Kind krank. Er hatte Ausschlag. Ich wusste nicht was es war und klopfte beim Kinderarzt brav an die Tür, wie man das so macht, wenn Verdacht auf eine ansteckende Kinderkrankheit besteht. Die Schwester kam zur Tür. Ein kurzer Blick genügte, um einzuschätzen dass es keine Windpocken oder ähnliches waren. Wir sollten uns ins Wartezimmer setzen. Als mein Sohn an einer Frau mit zwei Kindern vorbeiging, wurde er angeraunzt: „Ich finde das ehrlich gesagt nicht so toll, dass du so hier rein kommst“ Er war total verunsichert und schämte sich. Alle schauten ihn an, als hätte er die Lepra. Ich war stocksauer und sagte: „Entschuldigen Sie bitte, aber wir dürfen hier hinein. Die Schwester hat uns ausdrücklich gebeten.“

Mir fallen noch mehr solcher Wartezimmer-Anekdoten ein, und ich frage mich: Warum ist es so schwer mitfühlend zu sein und höflich zu bleiben, wenn es nicht ums eigene Kind geht?

Fühlt man sich bedroht?

Ist man selber durch, weil man die ganze Nacht wach war?

Hadert man mit seiner Elternrolle?

Mit der Politik?

Der globalen Erderwärmung?

Der WHO?

Refugees Welcome

Wie auch immer: Das Wartezimmer einer Kinderarztpraxis ist kein 4 Sterne Hotel aus dem Programm von Vamos Reisen. Es ist ein Ort an dem man unfreiwillig mit vielen Menschen ein gemeinsames Schicksal teilt. Oder um wieder politisch zu werden: Es ist ein bisschen wie ein Flüchtlingslager nur unter besseren Bedingungen. Immerhin warten wir nicht irgendwo im Schlamm an einem Grenzübergang mit unseren kranken Kindern, sondern in einem Altbau mit Stuck und Gasthermenheizung in Prenzlauer Berg. Es gibt Zeitschriften und einen Wasserspender. Jesus Christ reißt euch am Riemen – das sage ich auch in Richtung Sachsen-Anhalt.

PS: 5 Minuten nachdem ich diesen Post geschrieben habe, musste ich feststellen, dass mein Kind erhöhte Temperatur hat. Wir sehen uns in einem Wartezimmer near you.