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Mitgefühl macht schön

Wehe wenn nicht: Die natürliche Geburt

Neulich habe ich in der Online Ausgabe der Brigitte Mom einen Artikel gelesen. Es war sehr spät. Ich war sehr müde und plötzlich wieder sehr wach. Das will was heißen. Die Schlagzeile, die das schaffte, war ziemlich stark: „Geständnis: Bei der Geburt habe ich stundenlang masturbiert und das sollten viel mehr Frauen tun“ sagte eine Aktivistin mit Nasenring selbstbewusst in die Kamera. Andrea Gallo heißt sie und macht sich für eine natürlichere Geburt stark.

Ich habe kurz gelacht, denn ich habe mich daran erinnert, wie das so bei mir war als mein Kind auf die Welt kam. Ich dachte: Wow was manche Frauen alles können! Apropos: Alle Frauen, die noch kein Kind haben, sollten jetzt ganz tapfer sein – denn: Manchmal fängt es Dienstag an und es ist Donnerstag da. Noch Fragen? Nein? Ich berichte trotzdem unverzagt. Ich hatte keine Aktivistin bei der Geburt dabei, aber viele schöne Vorsätze. Als „aktive“ Erstgebärende hatte ich die natürlich mit in den Kreißsaal genommen. Zum Beispiel meine feste Absicht auf gar keinen Fall irgendein Schmerzmittel zu nehmen. Doch es kam anders: An Tag 2 bedrohte ich eine unbeteiligte Anästhesistin, die ich am Tag zuvor weggeschickt hatte („Ich brauche keine Medikamente“). Ich zupfte ihr mit irrem Blick am Ärmel und bettelte um das böse Wort mit den drei Buchstaben. Zum Glück war sie nicht nachtragend. Es ging dann irgendwie. Mit uns und den drei Buchstaben.

Vanillepudding und andere Katastrophen

An einem Donnerstag vor 8 Jahren gegen Mittag hatte ich deswegen großen Hunger und ein schlechtes Gewissen: Vor mir stand ein unansehnlicher Vanillepudding, den ich als Lohn für 3 Tage Gebärarbeit einer Krankenschwester abgerungen hatte. Ich haderte mit mir. Natürlich: Die Geburt war ein einmaliges Erlebnis und streckenweise sehr lustig, aber ich hätte niemals die Kraft gehabt, das zu tun, was diese Aktivistin fordert. Im Gegenteil! Ich stelle mir gerade vor, wie mich diese Gebäraktivistin an Tag 2 anbrüllt: „Sister just do it for mother earth and yourself – you don’t need a fucking painkiller“ Ich hätte die Anästhesistin auf sie gehetzt. Stundenlang masturbieren? WTF?

Warum müssen Frauen immer so viel richtig machen und können? Woher kommt dieser Druck – besonders hier in Prenzlauer Berg. Fabulöse total natürliche Geburten sind Standard. Fragt eine Erstgebärende vorsichtig eine Mutter, wie es so ist, wird in 9 von 10 Fällen geschwärmt: Geburten sind immer wahnsinnig toll, ganz intim – so schön. Einfach großartig. Ja kann ich unterschreiben. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Natürlich will und soll keiner Horrorgeschichten hören, aber etwas relativieren könnte man die Berichterstattung schon. Zum Beispiel mit Sätzen, die den Druck bei Erstgebärenden rausnehmen:

  1. Es tat weh aber es ging irgendwie.
  2. Nach 2 Stunden wäre ich fast aufgestanden und gegangen.
  3. Niemand muss durch den Kreißsaal turnen.
  4. Ich hab bei der ersten Wehe vergessen, was ich im Geburtsvorbereitungskurs gelernt habe.
  5. Musik? Wird überbewertet.
  6. Das nächste Kind bekomme ich allein in nem Spa in Thailand.
  7. Zur Hölle mit dem Yoga, ich wollte einfach nur liegen.
  8. Mir hat jemand die Vogue vorgelesen und die Bilder hingehalten, wenn die Wehen kamen, hat auch gereicht.
  9. Wenn’s nicht geht ohne Schmerzmittel, dann frag halt.

Nein so was sagt keiner. Öffentlich. Und dann sind sie übergroß die Erwartungen, wie es sein muss. Frauen damit muss Schluss sein. Ich fange mal damit an. Eine(r) muss es ja machen.

Acht goldene Sätze für Erstgebärende in Prenzlauer Berg und sonstwo:

  1. Es kommt vielleicht anders als geplant.
  2. Es ist ok, wenn man fast nichts macht, von dem was man sich vornimmt.
  3. Es tut weh, aber man kann es aushalten.
  4. Man darf jemanden rauszuschicken, wenn er nervt (außer der Hebamme vielleicht)
  5. Es gibt definitiv fast nix zu essen.
  6. Anästhesisten sind auch nur Menschen.
  7. Es gibt Frauen die schwören auf Masturbieren.
  8. und es gibt Frauen die sind in 45 Minuten durch.
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