Not yet a guruDer Fall Volker Beck zeigt es gerade. In Deutschland darf man keine Fehler machen. Das ist mein Ernst und ist belegt: In Sachen Fehlerkultur werden wir nur überholt von Singapur – das hat der Psychologe Michael Frese herausgefunden, der 61 Länder miteinander verglichen hat. Insofern hat Volker Beck wahnsinniges Glück, dass ihm das Päckchen nicht in diesem aufgeräumten Stadtstaat aus der Tasche gefallen ist.

Wer bei uns einen Fehler macht ist vor allem eines: Raus. Deswegen ist die Reaktion von Volker Beck – sofortiger Rücktritt und Rückzug – völlig normal. Das gehört sich so, egal wie gut du einen Job gemacht hat, wie integer du bisher warst oder was du kannst. Alles egal: Du verschwindest mit gesenktem Haupt vom Spielfeld in die Kabine.

Die tugendhafte Republik

Ob Volker Beck gelb, rot oder einen Platzverweis verdient hat, kann und will ich nicht beurteilen. Ich kenne ihn weder persönlich, noch habe ich sein Wirken als Politiker besonders verfolgt. Die Geschichte mit Margot Käßmann ging mir mehr an die Nieren. Sie hatte getrunken, fuhr über eine rote Ampel und wurde aus dem Verkehr gezogen – von der Polizei und von sich selbst. Margot Käßman ist damals auch zurückgetreten von allen Ämtern.

Seit ein paar Tagen nun ist Volker Beck öffentlich im freien Fall. Wie lange er das privat schon ist, darüber kann man spekulieren. Jetzt ist es jedenfalls offensichtlich, dass er ein Problem hat. Er ist von der bundespolitischen Bühne abgetreten. Dafür zollt man ihm Respekt. Ob und wann er öffentlich zugibt, dass er einen Fehler begangen hat, kann es dauern. Vielleicht sagt Volker Beck auch nie etwas dazu? Wozu auch? In Deutschland zählt eher, dass etwas schlimmes passiert ist, statt warum etwas passiert ist.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Wir bekennen uns gern zu deutschen Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und Präzision. Fehler machen uns die Statistik kaputt. Das ist unangenehm. Ja das stimmt. Aber das Scheitern ist nicht immer nur schlecht, es gehört zum Leben und zu uns. Mit diesem Satz möchte ich den Besitz von harten Drogen oder Alkohol am Steuer nicht verharmlosen. Nein. Volker Beck und Margot Käßmann hatten offensichtlich Probleme. Aber das gibt in unserer Gesellschaft niemand zu. So etwas drückt man weg. Womit auch immer. Da gibt es viele Methoden. Wir funktionieren weiter: Einwandfrei und manchmal lange. Wir sind made in Germany. Fehler machen uns Angst, selbst kleine – wir verleugnen sie. Das ist falsch, denn damit machen wir sie erst richtig groß, bis wir über sie stolpern und ganz tief fallen. Hilfe suchen wir uns meistens nicht oder zu spät.

Pfeiff auf die Fleißkärtchen:

Der negative Umgang mit Fehlern bremst uns selbst und die Gesellschaft. Statt Fortschritt, Innovation und Wachstum fördern wir Stress, Leistungsdruck und Perfektionismus. Wir versagen uns das kleinste Scheitern und machen uns damit zu Versagern. Schon in der Schule ist das so. Es zählt nur richtig nicht falsch. Das ist schade, denn die größten wissenschaftlichen Entdeckungen und meine größte persönliche Entwicklung begannen mit der simplen Feststellung: „Scheiße aber auch“.