Gestern hab ich schon was über Essen gepostet. Heute kommt es richtig dick: Es geht um Essen und Heimat. Ich wurde nicht in Berlin geboren. Das trifft auf viele Menschen hier im Kiez zu. Aber Ätsch: Ich komme nicht aus Schwaben, sondern aus dem Saarland. Eine kleine Region direkt neben Frankreich, kennt fast keiner, aber gehört hat man den Namen bestimmt.

Dieses Bundesland wird in den Medien sehr gern herangezogen, wenn es um Größenvergleiche geht. Zum Beispiel wenn es mal wieder in Australien brennt. Dann erläutert die Tagesschausprecherin wie folgt: „Bei Buschbränden wurde bislang eine Fläche so groß wie das Saarland vernichtet“. In diesem Moment wird mir warm ums Herz und ich erinnere mich an meine Wurzeln.

Und jedes Frühjahr packt mich die Sehnsucht – unabhängig davon ob es gerade brennt. Ich habe unbändige Lust auf Löwenzahn. Im Saarland wird dieses Kraut jetzt überall auf den Märkten angeboten. Jedenfalls war das so als ich ein Kind war. Aus dem Löwenzahn macht man einen Salat mit dem wenig schmeichelhaften Namen Bettsäächer. Im angrenzenden Frankreich nennt man das gleiche Kraut übrigens „Pisse au lit“. Bestimmte Dinge klingen einfach besser auf Französisch. Zum Beispiel Hundehaufen, Sauerkraut oder das zuständige Finanzamt (crottes de chiens, choucroute, l‘autorité fiscale compétente). Wie auch immer: Ein paar Wochen im Jahr hat der Löwenzahn jedenfalls Saison – bis er anfängt zu blühen. Dann isst man ihn nicht mehr, weil er zu bitter wird.

Das hat mir mein Großvater eingeschärft. Er hat mir auch beigebracht, wie man mit einem kleinen scharfen Küchenmesser auf der Wiese Löwenzahn erntet. Es war ihm total unverständlich, warum man für ein Kraut, das frei verfügbar wucherte, Geld ausgeben sollte. Viele Jahre robbte ich im Frühjahr zusammen mit meinem Opa über Wiesen. Ich bohrte mein Messer in die Erde, und hebelte die Pflanzen vorsichtig mit Wurzeln aus dem Boden. Zuhause wurde der Salat gesäubert und in warmes Wasser gelegt, um die Bitterstoffe rauszuziehen. Meine Mutter machte daraus eine Riesenschüssel Löwenzahnsalat. Das schmeckte großartig, und ist total gesund – oder wie man heute sagen würde: total toll zum DETOX en!

Gestern habe ich einen Artikel über vergessene Kräuter (z.B. Löwenzahn) gelesen. Der Autor beklagt wie wenig Bitterstoffe wir noch zu uns nehmen. Die seien quasi verschwunden. Das ist (Achtung Kalauer) ganz schön bitter, weil wir diese Stoffe für unseren Stoffwechsel und Organismus brauchen. Nach der Lektüre dieses Artikels schwärmte ich aus. Ich war fest entschlossen, irgendwo in Berlin Löwenzahn aufzutreiben. Wir sind doch die Hauptstadt aller Foodies.

Ich versuchte es erst in diversen Bioläden, dann auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz. Leider erfolglos. Ich war verzweifelt und überlegte kurz, ob ich am Abend zurückkomme, um mit einem Küchenmesser die Parkwiese zu plündern. Dummerweise pisste in diesem Moment ein Mops mit einem pinkfarbenen Cape direkt neben mir auf den Gehsteig. Ich verwarf diese Idee wieder und stieg aufs Rad. Löwenzahn war nirgendwo zu bekommen.

Deswegen lieber Löwenzahnsalat habe ich heute leider kein Foto für Dich. Aber ich habe etwas ähnliches gefunden. Ein Blattgemüse namens Vulkanspargel. Der sieht ein bisschen aus wie eine Kreuzung aus Frisée-Salat, und Spargel. Den leicht bitteren Exot gab es in meinem Bioladen. Ich habe ihn unerschrocken gekauft und zubereitet. Man kann sowohl die inneren hellgrünen festen Spitzen als auch die Außenblätter verwenden. Die Blätter und inneren Triebe waschen, trocken schleudern. Dann alles klein schneiden. In eine Schüssel geben. In der Zwischenzeit in einer Pfanne Olivenöl erhitzen, Etwas Knoblauch und Brotwürfel anrösten. Noch warm über den Salat geben. Balsamico Essig, etwas Olivenöl, Saft einer halben Orange, Honig und Salz und Pfeffer verrühren und über den Salat gießen. Zu dem Vulkanspargelsalat passt bestimmt auch ein lauwarmer Ziegenkäse, oder geröstete Cashewkerne karamellisiert in etwas Honig. Die Variationsmöglichkeiten sind endlos.

Und hier zum Abschluss noch ein Gruß aus der Heimat. Das Rezept für Löwenzahnsalat. Es gibt ja Menschen, die Zugang zu einer Hunde und Dünger freien Wiese haben. Denen rate ich: Greift zum Küchenmesser. Es lohnt sich!

Klassisch wird der Salat mit einer lauwarmen Specksoße serviert. Schmeckt aber auch fleischlos.

Etwa 100 g junge Löwenzahnblätter
50 g mageren Speck
1 gekochte Kartoffel
1 Knoblauchzehe
2 Schalotten oder 1 Zwiebel

Für die Salatsoße:
1 EL Weißweinessig (meine Mutter würde unerschrocken zu Essig Essenz greifen)
5 – 8 EL Brühe
Salz
Schwarzer Pfeffer
1 EL Zucker
3 EL Öl (Sonnenblumen)

Zuerst die Löwenzahnblätter putzen und in reichlich kaltem Wasser waschen. Dann für einige Minuten in warmes Wasser einlegen. Dem Löwenzahn werden so die Bitterstoffe entzogen. Den Löwenzahn etwas zerkleinern. Die Kartoffel schälen, in kleine Würfel schneiden und gar kochen. In einer Pfanne den Speck knusprig ausbraten. Rausnehmen, nochmal Öl in die Pfanne geben. Die Schalotten oder Zwiebel darin anbraten. Aus dem Essig, Salz und Zucker, gepresstem Knoblauch, sowie ein paar EL Brühe eine Marinade anrühren. Die Schalotten mit der Essigmarinade ablöschen, kurz aufkochen lassen und etwas abkühlen lassen. Anschließend noch lauwarm über den vorbereiteten Löwenzahn gießen. Die kleingeschnittene warme Kartoffel habt ihr vorher zerdrückt mit der Gabel und auf den Löwenzahn gehäuft. Alles mit 2 EL Öl und gemahlenem Pfeffer würzen und vermengen. Wer will kann noch krossen Speck oder Croutons über den Salat geben.