Ich bin zu einer Zeit in Deutschland geboren, als Achtsamkeit oder Körperbewusstsein noch nicht besonders en vogue waren. Jane Fonda hopste unbeachtet im zitronengelben Glanzeinteiler durch den Vorgarten ihrer Villa in den Hollywood Hills. Als ihre Gazellenbeine schließlich „Wetten Dass“ erreichten, war ich schon im Gymnasium. Ich hatte es als Kind nicht so mit Bewegung. Ich gehörte eher in der Kategorie Geist und zwar irgendwie von Geburt an. Sport war bei uns eher Männersache. Mein Vater war ein guter Fußballer, mein Bruder natürlich auch. Wenn Du ein Mädchen warst, warst Du somit von vorne herein eingeteilt: Du kamst wenn überhaupt ins Tor. Was sich für mich so ähnlich anfühlte wie in die Ecke stellen, aber ich war eine gute Tochter. Deshalb stand ich sobald mein Bruder laufen konnte brav zwischen den Pfosten.

An den Wochenenden pilgerte unsere Familie geschlossen zum Fußballplatz, um entweder den Senior oder den Junior anzufeuern. Das klingt jetzt schlimmer als es war. Ich hatte dort durchaus Spaß. Dass ich aber auch ein Talent für Bewegung hatte, bleib völlig unbemerkt. Weder ich selbst noch meine Familie erkannten das. Ich war das kluge Mädchen: Ich bewegte meinen Geist statt meine Beine. Ich steckte meinen Kopf in die Bücher und hielt die Füße schön still: Aber etwas in mir wollte das nicht hinnehmen:

Rollschuhe des Wahnsinns :

Wenn ich alleine war, hörte ich laut Musik und tanzte dazu: Ganz allein für mich – bis mir das Herz in den Ohren pochte und ich keine Luft bekam. Ich freute mich immer ganz besonders auf den Sonntag, dann flimmerten im Fernsehen Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers – oder oh mein Gott: Gene Kelly! Als ich zum ersten Mal „Singing in the rain“ sah, war ich völlig verzückt. Ich fuhr beseelt mit meinen Rollschuhen rückwärts in ein Loch im Bürgersteig, als ich versuchte, die berühmte Szene nachzustellen. Den Abend verbrachte ich nicht mit Gene Kelly, sondern in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses, weil ich mir eine Gehirnerschütterung bei meinem Stunt zugezogen hatte. Meine Mutter fand das sehr komisch und erzählte diese Anekdote viele Jahre. Für sie war das nicht weiter schlimm. Für mich schon: Ich schämte mich total. Offensichtlich war ich zu blöd, mich zu bewegen. Mein Körper war offenbar dafür nicht vorgesehen.

Dieser Eindruck bestärkte sich in mir, als Lilian Harvey das erste Mal elfengleich über den Bildschirm unseres Telefunken-Fernsehers schwebte. Ich wollte auch so sein wie sie. Elegant und schwerelos. Aber wie sollte das gehen. Ich war jetzt schon so groß wie sie als erwachsene Frau, erklärte mir mein Großvater. Lilian Harvey war zierlich und zart – und ich?  Für meinen Opa war das nicht weiter schlimm. Für mich schon. Ich war enttäuscht. Irgendwann gab mir das Schicksal eine zweite Chance: Margot Werner erschien auf der Showtreppe im ersten deutschen Fernsehen. Meine Mutter erklärte diese glitzernde Riesin sei eine Primaballerina. Margot Werner schaute auf uns herab, und hob verschwörerisch die Augenbraue hoch. Großartig, dachte ich, das kann ich auch mit der Augenbraue. Und ich bin auch groß und ich will auch mal so glitzern. In mir reifte sofort ein tollkühner Plan: Ich werde die größte Primaballerina der Welt. Meiner Familie sagte ich erstmal nichts davon. Ich stand weiter artig im Tor – der Gedanke an Margot Werner machte das allerdings erträglicher.

Latzhose oder Tutu – wie ich mal fast ein Schwan war:

Bei einem Sportfest des Fußballvereins war es dann soweit: Aus irgendeinem Grund traten dort die Mädchen der einzigen Ballettschule weit und breit auf. Keine Ahnung wie das kam. Ein Versehen? Egal sie waren da: Wonnige Tüllwolken erschienen surreal inmitten von Grillfleisch und Karlsberg Urpils schwangerer Luft! Sie schwebten über eine holprige Wiese. Für einen Moment herrschte poetische Stille. Ich weiß noch genau wie ich da stand und vergaß zu atmen. Ich weiß auch noch was ich anhatte damals: Ich trug eine Latzhose und sah aus wie ein Junge. Ich hatte mir kurz vorher die Haare selbst abgeschnitten, weil meine Mutter Besuch von einer schicken Freundin hatte, die aussah wie Jean Seberg. Mein Vater tätschelte mir am Abend nach meinem Haar-Attentat zum ersten Mal seit langem über den Kopf und brummte: „Na Du Torwart“.

An diesem Sommertag als die Ballett-Truppe vor mir flirrte, stand ich an einem Baum und blickte schüchtern auf mein Dilemma: Ich wünschte mir mich so zu bewegen, wie diese Mädchen im Tutu, aber ich war augenscheinlich dafür nicht geeignet oder vorgesehen. Irgendjemand kam vorbei und meinte: „Für dich ist das nix“. Ich schob die Unterlippe vor, trat unter einen Tannenzapfen und murmelte: „Die sehen total doof aus“. Ein paar Jahre später traute ich mich meiner Mutter endlich zu sagen, dass ich eigentlich auch gerne tanzen würde. Meine Mutter war erstaunt, begleitete mich aber zum Unterricht. Unsere Familie machte gerade keine einfache Zeit durch – mein Vater hatte uns verlassen.

Mein Versuch, Primaballerina zu werden, war auch alles andere als einfach, ich scheiterte leider kläglich. Ich fand keinen Anschluss in der Gruppe und das Tanzen machte mir weniger Spaß als gedacht:  Mein Leben und ich fühlten sich leider gerade ziemlich schwer an. Kleine fröhliche niedliche Mädchen tanzen – ich war nicht niedlich und gar nicht fröhlich. Und: Margot Werner, das wusste ich inzwischen, war sowieso eine große Ausnahme. Ich hörte auf zum Unterricht zu gehen. Ich zog mich zurück. Noch dazu wurde ich sehr krank. Mein Leben entfernte mich von meinem Körper – für eine ziemlich lange Zeit. Bewegung spielte keine große Rolle. Eher wieder auf die Beine kommen, gesund werden und durchhalten.

Besser spät als nie – warum man Sehnsucht leben soll:

Als ich das geschafft hatte, kam ich auch schon in die Pubertät. Ich tat was alle machten: Ich hopste ein paar Jahre eifrig unter den Diskokugel, wurde volljährig Mitglied im schlecht belüfteten Fitnessstudio und ging einmal pro Semester zum Uni-Sport. Aber sonst? Irgendwann beim Umzug in meine erste eigene Wohnung fand ich plötzlich meine Ballettschuhe wieder. Sie lagen in einer Kiste – ich konnte mich gar nicht daran erinnern, sie eingepackt zu haben. Erstaunt hängte ich sie in die Küche. Ich fand da gehörten sie hin: Ab und an nahm ich die Schuhe von der Wand und strich über das brüchige Leder. Das war meine einzige Verbindung zum Tanzen – für lange Zeit. Eine Sehnsucht. Etwas das nicht gelebt wird, sondern irgendwo hängt und verstaubt.

Aber das änderte sich: Ich fing doch noch an zu tanzen. In einem Alter in dem Berufstänzer ihre Schuhe eigentlich an den Nagel hängen! Ich tanze. Und zwar ganz schön viel – zwar nicht Ballett aber Tango Argentino. Vor 10 Jahren hatte ich zwischen zwei Jobs 6 Wochen bezahlten Urlaub. Mir fiel die Decke auf den Kopf und ich recherchierte relativ lustlos nach einem Tanzkurs. Google lieferte mir als ersten Treffer ein Tango Argentino Studio gleich um die Ecke. Ich weiß noch wie ich nach meiner ersten Stunde nach Hause ging. Ich fühlte mich leicht und frei. Das ist jetzt 10 Jahre her. Meine Leidenschaft für das Tanzen ist ungebrochen. Wenn ich es schaffe gehe ich mindestens einmal die Woche zum Tango. Durch das Tanzen habe ich ein besseres Gefühl für mich selbst entwickelt. Ich bin angekommen in meinen Körper. Als eifrige Tanzschülerin merkte ich nämlich bald: Keinen Bauch zu haben, bedeutet nicht Bauchmuskeln zu haben. Ich konnte bestimmte Bewegungen nicht machen oder halten, weil ich total untrainiert war. Mein Kopf verstand sehr wohl, was zu tun war, aber mein Körper spielte nicht mit. Wie auch den hatte ich ja jahrelang nicht besonders beachtet. Ich wollte enttäuscht aufgeben, doch meine Lehrer ermunterten mich, etwas mehr zu tun.

Der Körper kann mehr als du denkst – immer und wieder:

Ich ging auf ihre Empfehlung zum Pilates-Unterricht. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sich mein Körper. Ich wurde viel stärker und flexibler. Es war unglaublich was mein Körper eigentlich alles konnte. Nicht zu fassen. Ich hätte wahrscheinlich meinen kleinen Bruder auf dem Fußball-Feld umtänzeln können? Wieso blieb ich nur zwischen den Pfosten stehen, statt zu rennen? Jahrelang war ich unbeweglich, aber nun stürzte ich mich in die Bewegung. Dann wurde ich schwanger. Ich wollte sofort mein lieb gewonnenes Pilatestraining unterbrechen und mich schonen. Meine Lehrerin meinte aber zum Glück: „Nichts da Bewegung ist gut für Dich“ – und sie hatte recht. Sie passte das Training den besonderen Umständen an – wir integrierten Yoga, Atem- und Entspannungsübungen. Ich war in den 40 Wochen fit wie ein Turnschuh, und konnte bis 3 Tage vor der Geburt Tango tanzen.

Seitdem habe ich viele Bewegungsmethoden ausprobiert und so zum Yoga gefunden. Im letzten Jahr lernte ich noch die Grinberg Methode, die Alexandertechnik und Body Alignment kennen. Das alles hilft mir nicht nur beim Tanzen, sondern beim Leben. Ein Kopf sucht, bewegt und braucht immer auch seinen Körper, das weiß ich heute. Selbst wenn wir uns gern als Kopfmenschen bezeichnen oder andere uns dieses Etikett irgendwann mal verpasst haben: Wir werden in diese Welt hinein geboren durch unseren Körper. Nur mit ihm zusammen sind wir einzigartig und unverwechselbar. Wir sollten ihn annehmen, entdecken, schätzen und erhalten.

Im Idealfall erkennen wir all das von selbst und sehr früh. Wir entwickeln einen stabilen Selbstwert und ein Gefühl für unseren Körper: Wir tollen über Wiesen, klettern auf Bäume, tauchen unsere nackten Zehen in wilde Bäche und spüren den Wind im Gesicht. Wir berühren uns oder werden berührt –  achtsam und respektvoll. Eine Kindheit so in etwa wie in Astrid Lindgrens Bullerbü das wäre wunderbar. Aber wo gibt es so etwas schon? Unsere Welt ist nicht immer schön und die Entwicklung eines jeden Menschen ist so individuell wie er selbst. Wir werden nicht nur hineingeboren in unseren Körper, sondern in Beziehungen – auch daran wächst unser Selbstwert.

In den letzten Jahren habe ich erfahren, wie bedeutend unsere Sprache für die Entwicklung eines stabilen Selbstwerts und guten Körpergefühls ist: Wie sprechen wir über uns selbst? Wie sprechen wir mit unseren Kindern?  Sätze die eigentlich aufbauen sollen: „Du bist halt ein kleiner Bücherwurm“, „Ich war auch so ein kleiner Tollpatsch“, „Das schaffst Du doch locker“ entmutigen unsere Kinder. Wir bringen sie damit um die Chance, ihren Körper vorbehaltlos zu erfahren und zu schätzen. Dieses Muster sollten wir erkennen und brechen. Das ist das größte Geschenk, dass wir uns, unseren Kindern und unseren Eltern machen können.