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rein theoretisch ist alles gut

Die Karma Kasse – 3 Tipps für mehr Gelassenheit im Alltag

Bei mir um die Ecke gibt es einen Discounter. Direkt gegenüber befindet sich ein kleiner Bioladen. Das ist perfekt für mich, denn mein Konsumverhalten oszilliert zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Irgendwann werde ich nur noch im Biomarkt einkaufen, oder mein Gemüse selbst anbauen, in nicht allzu ferner Zeit auf einem Landgut im Departement Midi-Pyrénées. Right here and right now stehe ich allerdings mit schlechtem Gewissen im Discounter. So isset Schätzeleins. Ich erlebe dort beim Einkaufen immer wieder sehr denkwürdige Situationen. Und dann ist da all diese Energie. Der Laden ist voll davon. Kein Wunder, denn an diesem Ort passiert total viel! Menschen mit hohen Ansprüchen treffen auf niedrige Preise und wenig Personal. Und was passiert, wenn große Unterschiede aufeinander treffen: Es macht Wumms. Vor allem im Kassenbereich entlädt sich regelmäßig viel Energie. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.

Im letzten Jahr, als mein Leben an einem ziemlichen Tiefpunkt angekommen war, beschloss ich: Ich habe dafür keine Kapazitäten mehr. Ich werde mich nicht anstecken lassen von der schlechten Energie, der schlechten Laune und dem schlechten Benehmen um mich herum (das funktioniert übrigens auch in der U8). Beim Warten an der Kasse schwor ich feierlich mit Blick auf Kaugummi, Mini-Schnapsflaschen und Batterien:

Dieser Discounter ist vom heutigen Tage an ein spirituelles Trainingscamp für mich! Om.

Das funktioniert sehr gut. Nochmal Om. Gestern zum Beispiel konnte ich an der Kasse wieder praktische Erleuchtung üben. 2 Stunden vorher hatte ich etwas gehört, was mir jetzt nutzen sollte. Gabrielle Bernstein sprach (perfekt ausgeleuchtet) den folgenden Satz in die Kamera: „Be a mirror for the light, rather than a sponge for the dark“. Mir fiel das zur rechten Zeit wieder ein. Während ich am Kassenband wartete, wurde ich hingezogen in ein heftigen Energieaustausch zwischen Kassierer und Kundin. Was war passiert?

Eine Frau um die 40 (die so aussah als muss sie gar nicht zum Discounter) entfernte sich kurz von der Kasse, um ihren Einkaufswagen zu parken, während der Kassierer ihre Waren in Hochgeschwindigkeit über den Scanner zog. Der Kassierer war total irritiert, als er das bemerkte. Es war niemand da, der die Waren entgegen nahm. Wo war die Kundin? Er rief: „Hallo kommen Sie sofort zurück“. Das brüllte er irgendwie irgendwohin. Wahrscheinlich wollte er einfach nur schnell sein  – an so einem Samstag an dem ungeduldige Menschen Ihre Wocheneinkäufe erledigen. Menschen, die ganz schnell weg und zum See wollen. Die Frau reagierte erstmal nicht. Nach einer Weile drehte sie sich in Zeitlupe um, dabei sprach den Mann an der Kasse an, ohne ihn anzusehen: „What’s the problem“, flötete sie ins Nichts. Oh Gott, dachte ich. Vielleicht war mein stiller Gedanke der kleine Funke, den es brauchte, damit sich das Gewitter entlud. Der Kassierer war jedenfalls jetzt richtig sauer: „Was hat die gesagt“, fragte er mich – seine Stimme bebte vor Zorn. Wieso immer ich, dachte ich kurz. Doch dann war ich wieder ruhig: Ist ja eigentlich ein Kompliment, dass er mir ansieht, dass ich ein Sprachgenie bin – außerdem klang mir die mahnende Stimme von Gabby Bernstein ans Ohr:

„Be a mirror for the light rather than a sponge for the darkness“.

Ich schraubte meine Überheblichkeit runter ins hier und jetzt: Ganz klar das Universum, die Welt oder wer auch immer braucht mich! Ich muss übersetzen: Ich versuchte also mindestens so cool auszusehen wie Nicole Kidman in die Dolmetscherin (blöderweise trug ich eine Latzhose) und flötete: „Sie meint, ob Sie vielleicht etwas langsamer sein könnten, sie kommt nicht hinterher“ (im Grunde genommen war das ja so). Der Kassierer schaute ungläubig zu mir hoch: „HAT SIE DAS WIRKLICH GESAGT??? DIE MACHT SICH DOCH LUSTIG ÜBER MICH???“ Ich schaute auf die Frau, die am Ende des Kassenbandes in einem weißen Kleid im Sonnenlicht stand: Engelsgleich und spöttisch lächelnd blickte sie auf ihn herab.

Für das Herunterschauen konnte sie nichts, das bringt einfach das Setting mit sich. Der arme Mann sitzt während sie steht. Aber sonst? Menschen vergessen sehr oft, dass die Stimme nicht das einzige ist, was die Botschaft überträgt. Manche wissen das auch sehr gut und nutzen dieses Die Frau in Weiß kann das uff jeden Fall. Lässig stützt sie sich auf dem EC-Lesegerät ab und fasst sich malerisch ans Kinn: „Oh come on honey, give me a break“, flötet sie. Etwas gar nicht so hell leuchtendes in mir denkt : „Die geht mir auf den Keks. Wieso geht die überhaupt hier einkaufen und warum kann diese Frau EUR 92,56 am Monatsende ausgeben“. Da ist es wieder das kleine fiese dunkle in mir. Ich bin fühle mich sehr unerleuchtet. Wie war der Satz nochmal – ah ja: „Be a mirror for the light rather than a sponge for the darkness“.

Ok das reicht. Ich sage zu der Frau in Weiß freundlich aber bestimmt: „Would you please give him and us a break, thank you!“ Sie packt daraufhin noch langsamer ihre Sachen ein und schnaubt in meine Richtung. Aha Statusspiele am Kassenband. In diesem Moment gewinne ich eine wichtige Erkenntnis: Hier kann ich noch so viel übersetzen, es wird keiner den anderen verstehen. Die entladen sich gerade aneinander und ich stehe total ungünstig mittendrin.

Mein Blick bleibt am Deckel der Kasse hängen. Dort klebt ein bunter Aufkleber mit Anweisungen, wie man sich dem Kunden gegenüber verhalten soll. „Ein Lächeln kostet nichts und ist nie umsonst“. Wie schön: Inspiration ist überall.Ich schaue mit einem aufmunternden Lächeln in Richtung Kassierer. Plötzlich ist mir klar warum hier alles explodiert. Es geht um Anerkennung, Freundlichkeit, Mangelempfinden, Unsicherheit und fehlenden Respekt. In meinem Kopf spule ich einfach zurück. Ich lasse alles noch einmal von vorne beginnen.

Die Frau kommt an die Kasse mit Ihrem übervollen Wagen. Sie ist total unsicher, weil sie sonst nie im Discounter einkauft. Sie lächelt und sagt: „I am sorry“ und dann piepst sie noch ein „Guten Tag“ hinterher. Der Kassierer schaut hoch und beschenkt Sie mit einem Lächeln. Das ist die erste Kundin, die ihn heute begrüßt hat und ihn ansieht. Er greift gut gelaunt nach einer Tüte Milch. Blitzschnell zieht er sie durch den Scanner – Mehl, Eier und TK-Erbsen rasen gleich hinterher. Als er nach dem Spülmittel greift, merkt er, dass die Frau hilflos an Ihrem Wagen steht. Sie weiß nicht, was sie zuerst machen soll. Einpacken, Wagen parken? Das ist ihr total unangenehm, denn sie ist es nicht gewohnt, etwas nicht zu können. Sie ist total genervt. Der Kassierer stoppt. Er ist ein bisschen sauer, weil ihm diese Frau die Quote versaut. Er muss nämlich unglaublich viele Kunden in einer bestimmten Zeit abfertigen. Das macht er nicht gern, aber das ist sein Job. Die niedrigen Preise gehen auf Kosten aller eingesetzten Betriebsfaktoren (inklusive Menschen), aber das soll möglichst keiner merken. Die Leute, die hier einkaufen haben Ansprüche und keine Zeit. Wenn vier Kunden an einer Kasse anstehen brüllt der  5. völlig entrüstet nach der Filialleitung. Bloß kein Stress, denkt sich der Kassierer. Die Frau steht jetzt wieder am Band und packt langsam ein. Er wartet geduldig und nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche. Das macht er viel zu selten. Die Kundin ist fertig und sagt: „Thank you honey for giving me a break“. Die Frau lächelt ihn freundlich an. Er ist irritiert und fragt mich: „Was hat die gesagt? Die sprechen hier seit neuestem alle immer Sprachen, die ich nicht kann!“ Ich übersetze: „Sie bedankt sich, dass Sie so freundlich sind, und sie bewundert, wie schnell Sie sind! So was hat sie noch nie gesehen – nicht mal in New York, sagt sie“. Der Kassierer freut sich und strahlt übers ganze Gesicht. Er sitzt ganz anders auf seinem Stuhl, denke ich. Der Satz hat ihn aufgerichtet. Großartige Frau – diese unbekannte Frau in Weiß! Was so eine kleine Geste alles bewirken kann. Das Leben könnte so schön einfach sein, wenn wir uns alle am spirituellen Riemen reißen. Om.

Zum Abschluss hier drei goldene Tipps, damit das nächste Warten an der Discounter-Kasse oder der LPG-Kasse oder der KaDeWe-Kasse oder wo auch immer zum spirituellen Happening wird:

  1. Grow with the flow: Warten heißt Wachsen. Ist es wirklich so schlimm 5 Minuten an der Kasse zu stehen? Om Schätzelein! Gehe Deine Einkäufe nochmal durch oder mach einfach nix. Auch gut!
  2. Be kind: Begrüße den Menschen an der Kasse: Ein freundliches „Guten Tag“ ist das mindeste an Aufmerksamkeit, was man jemanden schenken sollte, den man mindestens einmal in der Woche sieht!
  3. Have compassion for yourself: Hinter Dir scharren alle mit den Hufen, der Kassierer will einen neuen Rekord aufstellen? Du musst dieses Tempo nicht mitgehen, wenn Du nicht kannst. Bleib bei Dir und bitte den Menschen an der Kasse langsamer zu sein. Die mit Dir wartenden Personen beschenkst Du mit einem strahlenden Lächeln und Gelassenheit.

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