Im letzten Winter hat es mich auch gepackt. Ich wurde Grünkohl süchtig. Madhavi von Kaerlighed war schuld. Sie hatte ein Rezept für Grünkohlchips gepostet, und so dermaßen mundwässernd über den Geschmack dieser Chips geschrieben, dass ich es sofort ausprobieren wollte. Aber frischen Grünkohl zu bekommen, selbst wenn er gerade Saison hat, war gar nicht so einfach. Es gibt ja inzwischen einen Hype: Aus Grünkohl wurde Kale.

An mir ging das bislang vorbei: Ich bin Kale-Spätzünder. Ich holte aber alles nach was ich verpasst hatte: Ich aß ihn als Salat, trank Smoothies oder garte ihn vorsichtig mit gelben Linsen zu einen Curry. Ich war hin und weg. Ich hatte eine regelrechte Kale-Obsession. Warum waren mir die unglaublichen Qualitäten des Grünkohls so lange entgangen? Und dieses satte schöne Grün (ich war kurz davor meine Küche im Farbton Kale zu streichen).

Als die Kale-Saison dann zu Ende ging, ging es im WWW immer noch hoch her. Attraktive Superpromifrauen überfluteten Instagram & Co mit Kalefies. Ich dachte: Oh mein Gott, wenn ich das meiner Mutter erzähle, dann wird Sie den Kopf schütteln und sagen: „Die spinnen doch! Kale! Es ist einfach Grünkohl.“ Tja. Bei meiner Mutter hat der Grünkohl keine Metamorphose durchlaufen, er läuft nicht unter „Superfood“, sondern „Supergesund“. Das klingt natürlich weniger sexy (vielleicht sollte ich Ihr dieses Grünkohl-Kochbuch mit dem Titel Fifty Shades of Kale zu Weihnachten schenken?).

Die Metamorphose des Grünkohls stimmt mich persönlich ja sehr froh. Ich kenne das: Viele Jahre lag ich unbeachtet in der Gemüseabteilung, obwohl ich grün und knackig war. Inzwischen ist das anders. Zugegeben es gibt keinen Hype um mich, aber ich bin zufrieden: Neulich ist ein Mit-Zwanziger fast gegen eine Laterne gefahren, weil er mir und meiner Latzhose nachgepfiffen hat. Am nächsten Tag bin ich fast gegen die Laterne gefahren, weil ich dachte jemand pfeift mir hinterher, leider meinte der Mann seinen Weimaraner. So kann es gehen.

Hätte ich als junges Mädchen gewusst, dass es mir mal so geht, wäre ich dann heute eine andere? Ich weiß es nicht. Ist mir auch nicht wichtig, dass zu wissen (meine Transformation ist fast abgeschlossen). Neulich wurde ich aber daran erinnert, wie das so war – und dass es das immer noch gibt. Diesen schmerzhaften Übergang vom Grünkohl zum Kale. Ich habe meinen Sohn von der Schule abgeholt. Ich saß auf dem Schulhof, wartete und beobachtete, wie sich die Viertklässler, um das Ihrer Meinung nach hübscheste Mädchen der Klasse scharten.

Das Mädchen war blond, hatte eine süßen Schmollmund und blaue Strahle-Augen. Sie war offensichtlich total begehrt. Ich bemerkte ein anderes Mädchen, das neben Ihr stand und nicht beachtet wurde. Sie hatte eine ganz andere und eigene Schönheit für die keiner Ihrer Altersgenossen (und sie selbst) einen Blick hatte. Sie sah sehr traurig aus und setzte sich abseits alleine hin. Ich wußte wie sie sich fühlte. Ich hätte Sie gerne in den Arm genommen und zu ihr gesagt: „Du bist wunderschön und ganz besonders. Deine Zeit wird kommen: Du passt vielleicht nicht in die Bravo-Foto-Lovestory, aber auf die Titelseite der Vogue – davon hast Du auch länger.“ Leider kam eine Erzieherin vorbei, und rief alle zum Unterricht. Ich war traurig:

Manche Dinge wiederholen sich. Natürlich. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu, ich weiß das, aber das macht es nicht weniger schmerzhaft für uns. Einen Sinn für die eigene Schönheit zu entwickeln und sich selbst zu lieben, wenn wir nicht beachtet werden oder wertgeschätzt, ist sehr schwierig für ein Kind. Erwachsene übersehen oder unterschätzen solches Mangelempfinden bei Ihren Kindern leicht. Vor allem wenn sie selbst ein gesundes Selbstwertgefühl haben. Sie reagieren vielleicht nicht oder mit Unverständnis. Andere Eltern spüren sehr wohl, was passiert und versuchen Ihre Kinder zu stützen.

Heute ist das schwieriger denn je: Unsere Kinder wachsen auf umgeben von Schönheitsidealen, die künstlich und verzerrt sind. Wer nicht aussieht, als sei er mit einem Instagram-Filter überzogen oder wie eine stereotype Trickfigur (Heidi was ist passiert mit Dir?), der fällt aus der Norm. Kleine Mädchen sagen Sachen wie: Ich bin zu dick, meine Nase ist zu groß oder noch schlimmere Dinge über sich selbst. Und nicht nur die Mädchen. Wir sollten uns und unseren Kindern helfen, die eigene Schönheit zu entdecken, und einen gesunden Selbstwert zu entwickeln – unabhängig von den wertenden Augen der anderen:

„To be beautiful means to be yourself. You don’t need to be accepted by others. You need to accept yourself“ (Thich Nhat Hanh).

Der Grünkohl ist der gleiche wie früher, er hat sich augenscheinlich nicht verändert. Er ist geblieben was er ist, er war schon super bevor er zum Kale wurde. Und das bleibt er auch, selbst wenn die Superpromifrauen plötzlich Löwenzahnblätter in die Kamera halten. Ich bin total zuversichtlich, dass der Kale dann trotzdem glücklich und zufrieden im Regal liegt – und es ihm so geht wie Miss Piggy, die sagt:

„Ich interessiere mich nicht dafür, was andere von mir denken. Es sei denn, sie denken, ich sei wundervoll, dann haben sie natürlich recht.“