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Mitgefühl macht schön

DON’T PROMISE WHAT YOU CAN’T DELIVER

Neulich saß ich hier um die Ecke in einem kleinen asiatischen Imbiss. Ich löffelte eine heiße Gemüsesuppe in mich rein und versuchte, das wohlige Gefühl der Wärme möglichst schnell von der Zunge bis in die Zehen zu transportieren. Die waren nämlich trotz Mitte Juli leicht angefroren. Das Wetter war eher Mitte April statt Mitte Sommer. Ich hatte nicht nur eiskalte Zehen, sondern einen ziemlich eiskalten Start in den Tag. Mein Kind wollte nicht in die Schule, mein Macapulver war alle, und in mein Lieblingsmüsli waren über Nacht niedliche Tierchen eingezogen. Ich ahnte fürchterliches: Ich hatte meinem Kind am Abend zuvor Pfannkuchen versprochen. Oh je: Leider waren die niedlichen Tierchen auch im Mehl untergekommen. Ich tauchte im Halbschlaf in meine Vorratsschublade ab – auf der Suche nach einer unversehrten Tüte Mehl und einem lauschigem kinderfreiem Versteck. DU HAST ES VERSPROCHEN – DU HAST ES VERSPROCHEN – DU HAST DEM KIND PFANNKUCHEN VERSPROCHEN. Ich fand leider kein Mehl. Ich konnte mein Versprechen nicht halten. Mein Sohn fand das total doof, genau wie seine Mutter, die Schule, das Leben und die Motten. Um 7.22 Uhr war ich total bereit, mich für die nächsten paar Stunden ohne Kind auf die Yogamatte zu begeben, um dort mein Herz zu öffnen für die Motten, denn die fanden mich ja offenbar ganz dufte.

Wenn Du ein Kind hast, ist das aber nicht immer so leicht mit der Erfüllung spontaner Bedürfnisse. Es ist sehr einfach, sich zu vergessen, weil das Kind gerade brüllt. Das hat Mutter Natur schon clever eingerichtet. Das sichert das Überleben der Art, hab ich mal irgendwo gelesen. Ich höre natürlich auf Mutter Natur, ich bin ja nicht lebensmüde. Seit letztem Jahr höre ich aber auch mehr auf mich (ich bin ja nicht lebensmüde). Ich suche meine Auszeiten zwischendurch – auch wenn es eigentlich gar nicht geht. Ich atmete deshalb gleichmäßig vor mich hin, während ich Obst in kleine Stücke schnitt. Gerade als ich bereit war, alle schlechte Energie aus mir raus, und gleichzeitig Krümel von einem Holzbrett zu pusten, passierte es: Es fing an zu regnen – und zwar richtig. Mein Sohn quietschte vor Vergnügen: „Toll Regen. Ich kann durch den Regen zur Schule fahren.“

15 Minuten später hatte er die Pfannkuchen vergessen. Er war versöhnt mit mir, seiner einzigen Mutter, den Motten und der Welt. Fröhlich bretterte er durchs hier und jetzt und die Pfützen Richtung Schule. Ich kam kaum hinterher: Ich wollte gar nicht hier und jetzt sein, sondern lieber allein beim Yoga. Ich fühlte mich total mies. Nachdem ich meinen Sohn zur Schule gebracht hatte, hechtete ich völlig durchgeweicht zum ersten von drei Terminen. Um 12:00 Uhr versuchte ich meine penetrant schlechte Laune in einer heißen Suppe aufzuweichen. Ich haderte immer noch mit diesem Morgen, obwohl inzwischen schon Mittag war: Warum muß mir immer sowas passieren? Warum hab ich nicht wie andere Mütter 2 Tüten Mehl oder ein Regencape? Warum kann ich nicht jeden Tag diszipliniert um 4.35 Uhr den Tag wohl ausgeruht auf der Yogamatte starten. Dann federe ich ins Bad und mache mich fertig? Apropos: Wieso mache ich mich wieder selbst so fertig? Genau! In diesem Moment war ich endlich soweit: Ich wollte mich auf diesen Tag einlassen. Vielleicht schaffe ich heute halt nur Schmalspur-Yoga. Dann ist das halt so. Om. Atmen. Löffeln. Atmen und von vorne.

Soweit so gut: Im Hintergrund dudelte thailändischer Synthesizer Pop, während vom Nachbartisch eine junge Frauenstimme an mein Ohr drang. Ein Baby gluckerte freundlich vor sich hin. Tja. Ich bin wirklich total leicht abzulenken vom Lärm der Welt. Bin ich das?  Vielleicht hat mir das Universum etwas mitzuteilen?

Ich schaute rüber: Die junge Frau vom Nachbartisch war offensichtlich frische Erst-Mutter. Sie hatte diese rosigen Wangen und sprudelte über vor Glück und Stillhormonen. Hach dachte ich, so war ich auch mal. Die junge Mutter unterhielt sich mit einem Mann, der mal Ihr Kollege war (und sich sehr darüber freute, dass sie stillt). Aha: Sie trifft sich mit Ihrem früheren erfolgreichen Berufsleben. Das kenne ich. Thema des Gesprächs war aber nicht der Beruf, sondern die „Mütter“ hier. Ich zog den Kopf ein. Ich wohne ja hier im Kiez und bin Mutter. Das kann jeder sehen. Ich trage eine Latzhose, habe keine Frisur und an meinem Schlüsselbund, der auf dem Tisch liegt, baumelt ein „Wilde Kerle“- Anhänger.

Die junge Mutter sieht mich nicht. Es folgt ein Monolog darüber wie kompliziert diese Mütter hier alle sind, dass sie alle übertreiben, so ein Gewese um die Kinder machen und aus allem ein Problem. Schrecklich. Sie jedenfalls hat sich genau überlegt, was sie wie macht – auch wie sie das mit der Kita Eingewöhnung löst, wenn Mariechen da eincheckt. Sie zieht das alles durch wie geplant und kommt zurück in den Job, komme was wolle. Sie startet wieder voll durch. Das hat Sie sich versprochen. Mariechen ist ja auch total pflegeleicht und unkompliziert, deswegen hat Mariechens Mutter alles im Griff jetzt, hier und in Zukunft (Mariechen griff gerade fröhlich nach dem Sambal Oelek). Mariechens Mutter hat jetzt Sambal Oelek auf dem Kaschmirschal. Sie fährt unbeirrt fort:

Das Geheimnis sei – und das haben diese Mütter nicht begriffen: Kinder muss man fordern und sich selbst auch. Immer. Mariechens Cousine zum Beispiel ist jetzt 7 und richtig erwachsen. Der sagst Du: Räum die Spielmaschine aus und Sie macht es. Überhaupt: Wenn Du alles richtig machst als Mutter, und Dich am Riemen reißt, dann hast Du gar keine Arbeit mehr, wenn die 7 sind. In diesem Moment durchfuhr meine Zehen ein wohlig warmer Schauer mütterlicher Empathie. Compassion wie man auf Englisch sagt. Ich dachte daran, wie ich mich selber gefühlt habe, als mein Sohn frisch geschlüpft war. Wie ich mich gefühlt habe, als er so gar nicht in die Kita einchecken wollte – und wie ich mich heute morgen gefühlt habe, weil er 7 ist und gar nicht erwachsen, sondern völlig normal: Motzig, wütend und nicht pflegeleicht, weil er keine Pfannkuchen bekommt, obwohl er sich darauf total gefreut hat. Und wie ich einfach in die Haferflockentüte kriechen wollte, weil ich mich überfordert fühlte und bedroht von einem Dutzend niedlichen Mottenlarven. Tja. So ist das mit Kindern und dem Leben, manchmal geht nix nach Plan und es wird turbulent. Leider sprechen wir Mütter ja nicht miteinander, sondern mehr übereinander. Das ist schade, denn wir könnten auch voneinander lernen (zum Bespiel dass man immer 2 Tüten Mehl in mottensicheren Gefäßen im Schrank hat oder sich nicht zuviel vornimmt). Ich bin nicht im großen Familienverband aufgewachsen. Es gab nicht viele Mütter mit kleinen Kindern bis großen Kindern um mich herum, während ich erwachsen wurde. Das geht vielen so. Wir sind den Umgang mit Kindern nicht mehr gewohnt. Mittlerweile weiß ich: Kleine Kinder sind süß, laut, machen Arbeit und geben den Rhythmus vor. Viele Sachen gehen und zwar ganz wunderbar – andere nicht. Das erste Jahr mit meinem Sohn war anstrengend. Ich weiß noch, dass eine kinderlose Kollegin an meinem letzten Tag vor Mutterschutz und Elternzeit zu mir sagte: „Du hast es gut, genieß die Zeit und erhol dich von diesem Stress hier“. Ich dachte: Ja das verspreche ich! Ich mache es mir schön mit meinem Kind und entspanne mich von meinem 60 Stunden Job. Wer wenn nicht ich? Alles Weicheier da draußen. Ich mach alles anders.

Als mein Sohn drei Monate alt war und ich in der Schlange im Supermarkt im Stehen einschlief, erinnerte ich mich an diese Worte und dachte: „Oh Gott ich werde das niemals schaffen! Ich bin total unfähig.“ Ich brach in Tränen aus. Ich hätte mir einfach nur versprechen sollen, auf mich zu achten, das reicht schon. Daran erinnerte ich mich gerade wieder, während ich mit einer renitenten Glasnudel ein ernsthaftes Gespräch führte. Ich überlegte kurz, ob ich aufstehe und zu meiner Mit-Mutter sage: „Schätzelein versprich Dir nicht so viel, nimm es wie es kommt und nicht so schwer. Achte auf dich. Wir mußten da alle durch. Meiner ist jetzt 7 und manchmal gar nicht pflegeleicht. Und das ist gut so, weil das kein Kind der Welt ist. Mütter müssen das übrigens auch nicht sein. Manchmal räumt er die Spülmaschine freiwillig aus, manchmal hasst er es. Mittlerweile kann ich damit umgehen. Ich verzeihe mir inzwischen, dass ich manchmal nicht die Kraft habe, mit ihm zu klären, warum es für seine persönliche Entwicklung gerade total wichtig ist, seiner Mutter zu helfen die Spülmaschine auszuräumen. Ich mache es dann selbst oder ignoriere meine Spülmaschine. Ich gebe keine feierlichen Versprechungen ab, deren Erfüllung mich total ins Schleudern bringen, weil der Tag andere Herausforderungen hat und bringt.“

Natürlich bin ich nicht zum Nachbartisch gegangen. Ich hab mich nicht getraut. Schade. Dabei war es mir total wichtig dieser Mutter zu helfen. Nun ja geht die Botschaft halt zeitversetzt raus:

7 Versprechen, die Du Dir selbst bei Antritt des Mutterschutzes geben solltest, damit Deine Energie bis zur Einschulung durchhält:

Schläft mein Kind, dann schlafe auch ich (egal wie lang).

Ich tue etwas für meinen Körper (nur Rückbildungsgymnastik zählt nicht).

Ich dusche morgens länger als 3 Minuten (ohne schlechtes Gewissen).

Ich habe einen Friseur (und eine Frisur).

Ich halte Kontakt zu meiner kinderlosen Freundin (sie tut mir gut).

Ich bitte jemanden um Hilfe (und zwar bevor ich nicht mehr kann).

Ich mache keine Mutter-Kind-Kur statt Urlaub (das ist kein Spa).

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