Gestern starb Omar Sharif. Meine Mutter und ich summten wahrscheinlich getrennt voneinander synchron die Melodie aus Dr. Schiwago als wir das in den Nachrichten hörten. Dr. Schiwago gehört quasi zur Familie. Wir lieben diesen Film. Ich war ungefähr 12 Jahre alt, als ich ihn das erste Mal zusammen mit meiner Mutter gesehen habe. Omar Sharif fand ich toll, allerdings konnte ich Dr. Schiwago nicht verzeihen, dass er seine Klassefrau Tonja mit Lara ich-bin-so-hilflos betrog. Kurze Zeit später wurden Omar Sharif und ich dann doch noch ein Paar: Ich schaute „Lawrence of Arabia“. Omar Sharif hatte dort den coolsten ersten Auftritt der Filmgeschichte. Ein kleiner verschwommener schicksalshafter Fleck in der flirrenden Wüstenhitze, der langsam aber unaufhaltsam auf einen zukam. Einfach unglaublich – eigentlich sollte ein anderer Schauspieler diese Rolle spielen, Sir David Lean hat ihn aber angeblich gefeuert vom Set, weil er nicht die richtige Augenfarbe hatte. So bekam Omar Sharif die Rolle. Danke Universum.

Ich weiß noch, dass ich zitternd nach einem Glas Wasser griff, als Omar Sharif nach langen 2:42 Minuten am Brunnen ankam. Ich hatte vor lauter Spannung eine ganze Packung Salzletten vernichtet. Ich war durstig und schockverknallt in Omar Sharif (wahrscheinlich hat sich Peter O’Toole bei den Dreharbeiten auch so gefühlt). Die Jahre gingen ins Land – Omar, Peter und ich wurden gemeinsam alt (Danke ARD und ZDF). Irgendwann war ich keine 12 mehr, ich war mitten in Paris und zum ersten Mal richtig verliebt. Ich hatte ein Date mit meinem Schwarm. Zu diesem Anlass wollte mir einen neuen Lippenstift kaufen. Ich war total spät dran an diesem Tag und leicht panisch: Die Aussicht, dass ich den Mann meines Lebens mit dem falschen Lippenstift küssen muß, und er daraufhin beschließt, dass ich die Falsche bin, versetzte mich in leichten Stress. Ich raste mit Tunnelblick aus der Metro Richtung Ausgang. Am Boulevard Haussman wogten die Massen über die Bürgersteige. Konsumfreudige Touristen und Pariser lieben diesen Ort. Praktischerweise befinden sich dort gleich zwei Kaufhäuser nebeneinander: Das Printemps und die Galeries Lafayettes. Ich tänzelte geschickt durch die Masse Richtung Galeries Lafayettes. Am Eingang stauten sich viele Menschen. Ich dachte mir nichts dabei, murmelte „Pardon“ und schlängelte mich vorsichtig an einem 1,90 Mann mit Stiernacken und Anzug vorbei. Ich hatte es eilig. Dann stand ich plötzlich auf einem roten Teppich, um mich herum war es erstaunlich leer. In diesem Moment war mir klar, dass jetzt gleich irgendwas passiert, dass wahrscheinlich niemand glauben wird – am allerwenigsten ich selbst. Ich blickte nach rechts und sah verschwommen aus der Ferne des Bürgersteiges jemanden auf mich zukommen. Ich kniff meine Hornhautverkrümmung zusammen. Vergeblich – nichts zu erkennen. Ich schaute schutzsuchend nach unten auf den roten Teppich und dachte: Total toller Rotton. Dann schoben sich zwei wahnsinnig schön polierte schwarze Schuhspitzen vom Rand meines Blickes ins Rot. Ich hob den Kopf und da stand er: Dr. Schiwago. Oh mein Gott. Ich stand vor Omar Sharif. Diese Augen: Unfaßbar. In gleichen Moment legte sich eine Hand auf meine Schulter. Es war leider nicht Peter O’Toole, sondern der Mann mit dem Stiernacken. Das wäre auch zuviel gewesen für mich. Ich trat verschämt beiseite und sagte Richtung Dr. Schiwago: „Excusez moi“. Mein Kopf hatte inzwischen den gleichen Rotton wie der Teppich auf dem ich stand. Omar Sharif lächelte und antwortete: „Mais je vous en prie, je suis enchanté Mademoiselle.“ Wenig später nippte ich fassungslos aber glücklich an einem Glas Wasser. Ich saß in einer relativ stillen Ecke der Feinkostabteilung und versuchte wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. In meinem Kopf lief die Brunnenszene aus Lawrence of Arabia in Endlosschleife. Der Lippenstiftkauf war nur noch ein Flirren in der Pariser Nachmittagshitze. Egal. Ich hätte mir in diesem Schockzustand sowieso den falschen Rotton gekauft (Durchsage an alle: Für den richtigen Mann braucht man sowieso keinen Lippenstift). So war das mit dem großen Omar Sharif und mir. Ruhe in Frieden.

PS: Es war natürlich nicht der Richtige, aber den richtigen Lippenstift, den hab ich inzwischen gefunden – viele richtige Lippenstifte um genau zu sein (Durchsage an mich: Keine Lippenstiftkäufe bis 2016).